# taz.de -- Integrationsprojekt in Stuttgart: Schluss mit Chaos im Kopf
       
       > Wie gelingt geflüchteten Kindern der Einstieg in die Schule? In Stuttgart
       > testet ein Modellprojekt neue Methoden. Ein Besuch in der Lernwerkstatt.
       
 (IMG) Bild: Lernen auf Augenhöhe: Deutschlehrerin Feyza Sentürk hilft ihren Schülern bei den ersten Schreibübungen
       
       Ein schlichtes Bürogebäude in einem Industriegebiet in Stuttgart. In
       bodenlangen Röcken, mit glitzerndem Haarschmuck in den langen Zöpfen,
       huschen Rom*nja-Mädchen in einen Aufenthaltsraum. Die Mütter stellen Kuchen
       und Knabbereien fürs Buffet ab, andere bringen Blumen. Viele Eltern
       sprechen kein Wort Deutsch. So müssen an diesem Vormittag Ende Juli
       manchmal Gesten und ein Lächeln zur Kommunikation reichen.
       
       Im Stuttgarter Stadtteil Weilimdorf möchte das Modellprojekt Kindern und
       Jugendlichen, die in ihrem bisherigen Leben kaum zur Schule gegangen sind,
       die Chance auf einen späteren Schulabschluss ermöglichen. In den Ferien ist
       ein Schulfest in der Lernwerkstatt. Ein Junge namens Ibrahim strahlt. Der
       12-Jährige aus Syrien erzählt, dass er nach diesen Sommerferien in die
       fünfte Klasse der angeschlossenen Gemeinschaftsschule gehen wird. Auch die
       12-jährige Sedrina und die 13-jährige Sabrina sind nach zwei Jahren
       Lernwerkstatt bereit für die reguläre Vorbereitungsklasse. Obwohl ihr
       Deutsch noch etwas holpert, sehen ihre Lehrerinnen gute Chancen.
       
       [1][Das Modellprojekt] im Nordwesten der Stadt besuchen Kinder mit
       Fluchtgeschichte im Alter von 11 bis 14 Jahren. Sie kommen hauptsächlich
       aus der Ukraine, wo sie der Volksgruppe der Rom*nja angehören, aber auch
       aus Syrien, Afghanistan und Iran. Kaum eines dieser Kinder hat jemals eine
       Schule besucht. Um die reguläre Sekundarstufe I besuchen zu können, müssen
       sie nicht nur Lesen und Schreiben lernen, sondern auch, wie Schule
       funktioniert: Wie verhält man sich im Klassengefüge? Wie strukturiert man
       sich selbst? Und wie ist das mit der Konzentration?
       
       In den üblichen Vorbereitungsklassen (VKL) für zugewanderte Kinder ohne
       Deutschkenntnisse an den Regelschulen, die eigentlich für diese Kinder
       zuständig sind, würden sie schlichtweg nicht mitkommen. In vielen dieser
       Fälle tauchen die Kinder irgendwann nicht mehr in der Schule auf. Die
       Lernwerkstatt, die [2][Fördermittel vom Land], von der Kommune und aus der
       Privatwirtschaft bekommt, will nicht nur, dass diese Kinder in Zukunft
       einen Abschluss machen können. Man will hier erreichen, dass sie
       tatsächlich gerne zur Schule gehen.
       
       ## Schulstart nach den Ferien
       
       Nach den Sommerferien geht der Unterricht weiter: Es ist Freitag, kurz vor
       halb neun, Schultag Nummer fünf nach den Ferien in der Lernwerkstatt.
       Gleich beginnt der Unterricht, doch viele Kinder fehlen noch. Wer kommt,
       weiß man nie ganz genau. Einige der anwesenden Kinder essen noch ihr Müsli,
       an einem Tisch im Gemeinschaftsraum spielt eine kleine Gruppe konzentriert
       Uno. Gegen 8.30 Uhr trudeln schließlich noch gut zehn Mädchen und Jungen
       ein. Es kann also losgehen.
       
       Die Kinder folgen ihren Lehrerinnen in ihre jeweiligen Klassenzimmer.
       Gruppe Gelb bildet zunächst einen Stuhlkreis. Müde Gesichter schauen Feyza
       Sentürk an. Die engagierte Deutschlehrerin begrüßt die Runde und wirft
       einem Mädchen einen kleinen Stoffball zu. „Wie geht es dir heute?“, fragt
       sie das Kind. „Mir geht es gut“, antwortet sie etwas stockend. Das geht
       reihum so, stets mit der gleichen Antwort. „Wir machen eine zweite Runde,
       aber dieses Mal nicht einfach nur ‚gut‘ sagen“, bittet Sentürk. Mit etwas
       Nachdenken und ein wenig Unterstützung der Lehrerin geht es einigen dann
       doch „bombastisch“, „fantastisch“ und „super-duper“. Und so steigt
       spielerisch die Laune, während die Müdigkeit langsam weicht.
       
       In der Lernwerkstatt sind alle nach ihrem Lernstand in die Gruppen Grün,
       Gelb, Rot und Blau eingeteilt. Wer in Grün startet, ist nicht
       alphabetisiert, Blau sind die Fortgeschrittensten. In der ersten Woche nach
       den Ferien geht es Feyza Sentürk erst mal darum, zu schauen, was die Kinder
       noch wissen. Den Sommer haben sie in ihren Familien verbracht und
       vermutlich kein Deutsch gesprochen. Nachdem im Stuhlkreis noch ein paar
       Frage-und-Antwort-Runden durchgespielt wurden, bittet Sentürk die Kinder,
       sich an die Tische zu setzen.
       
       Das klappt nicht ohne Murren, denn die neue Sitzordnung gefällt nicht
       allen. Sentürk muss mehrmals zur Ruhe mahnen. Als alle sitzen, hält sie
       Bilder hoch, fragt Vokabeln dazu ab. Immer wieder rufen Einzelne die
       Antwort einfach rein, anstatt sich zu melden. Die Lehrerin erinnert sie
       geduldig daran, dass sie warten sollen, bis sie aufgerufen werden. Es
       funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Anschließend schreiben alle
       Überschriften ab. Omar tut dies versehentlich von rechts nach links, wie im
       Arabischen. „Wir schreiben im Deutschen von links nach rechts“, erklärt die
       Lehrerin dem Jungen. Andere Kinder haben Schwierigkeiten, mit den
       Buchstaben in den Zeilen zu bleiben.
       
       Die meisten besuchen die Lernwerkstatt bereits seit einem Jahr, andere sind
       neu dazugekommen. In Baden-Württemberg werden [3][schulpflichtige
       geflüchtete Kinder] zwischen 11 und 14 Jahren an die Koordinierungsstelle
       Migration im Schulamt Stuttgart gemeldet. Wenn im Gespräch herauskommt,
       dass ein Kind kaum Deutsch kann oder bisher gar nicht in der Schule war,
       kommen sie eigentlich in die Vorbereitungsklassen der Sekundarschulen –
       oder nun alternativ in die Lernwerkstatt.
       
       Sentürk, die lange Deutsch und Englisch an einer Regelschule unterrichtete,
       erzählt begeistert: „Das hier ist etwas ganz anderes. Ich bin stolz, wenn
       ein Kind in die Gruppe Rot aufsteigt oder an eine Regelschule kommt. Das
       sind Erfolgserlebnisse.“ Das habe sie an der Regelschule so nie empfunden.
       
       ## Von der Idee zur konkreten Umsetzung
       
       „Wir hatten immer wieder Rückmeldungen von Lehrkräften, dass manche Kinder
       Schwierigkeiten in den Vorbereitungsklassen haben“, sagt die
       Projektleiterin Yvonne Schütz. „So ist die Idee für einen geschützten Raum
       für diese Kinder entstanden.“ Yvonne Schütz ist bei der Stuttgarter
       Stadtverwaltung in der Abteilung für Bildungspartnerschaften, also für
       Kooperation zwischen Schulen und externen Projektpartnern zuständig und
       entsprechend bestens vernetzt.
       
       Im Herbst 2023 habe man über die Vector Stiftung, die zum
       Softwareentwickler Vector Informatik gehört, leer stehende Büroräume in
       Weilimdorf angeboten bekommen. Ganz in der Nähe gibt es in dem gewerblich
       geprägten Bezirk [4][Unterkünfte für Geflüchtete]. Von da an ging alles
       schnell. „Im März 2024 war klar, dass wir im Oktober starten können“,
       erinnert sich Schütz.
       
       Innerhalb der kurzen Zeit erarbeitete man nicht nur ein Konzept, sondern
       organisierte auch die nötigen Gelder und Kooperationspartnerschaften.
       Formell ist die Lernwerkstatt an die Gemeinschaftsschule Weilimdorf
       angeschlossen. Das Unternehmen stellt dem Schulprojekt das Gebäude für die
       fünf Projektjahre kostenlos zur Verfügung und ließ es von einer
       Innenarchitektin in eine Schule umbauen.
       
       Während das Land die fünf Lehrkräfte finanziert, stellt die Evangelische
       Gesellschaft Stuttgart die fünf Sozialarbeiter*innen. Hinzu kommen eine
       Hauswirtschaftlerin sowie Partner für Kunst- und Sportprojekte. 2029 soll
       die Lernwerkstatt planmäßig auslaufen. Das übergeordnete Ziel sei, die
       gewonnenen Erfahrungen anschließend in Schulen und Jugendhilfe zu
       verankern, betont die Projektleiterin. „Wir sind ganz bewusst als
       Modellprojekt gestartet, weil wir keine dauerhafte Parallelstruktur
       aufbauen wollen.“ Das sei langfristig betrachtet einfach zu teuer.
       
       Mit 11 Kindern in der Lernwerkstatt ging es vor zwei Jahren los. Zum Ende
       des letzten Schuljahrs waren es 51, zwischenzeitlich auch mal 58 Kinder und
       Jugendliche. Diesen September startete man mit 44 Schüler*innen. Eine
       Warteliste gibt es hier jedoch nicht, auch weil es das ganze Jahr über eine
       starke Fluktuation bei dem Projekt gibt. „Das liegt vor allem daran, dass
       es hauptsächlich von Kindern aus nahe gelegenen Geflüchtetenunterkünften
       besucht wird, manche Familien dort nur temporär leben und es auch vorkommt,
       dass Kinder nach sechs Wochen nicht mehr erscheinen“, sagt Schütz. Mitunter
       wisse man schlicht nicht, wohin manche Familien weitergezogen sind.
       
       ## Matheunterricht mit Herausforderungen
       
       Nach zwei Stunden Deutsch steht eine Stunde Mathe auf dem Plan. Für diese
       Lerneinheit werden die Kinder in neue Gruppen durchmischt, je nach
       Lernstand. Die Gruppe Stern von Cornelia Blankenhorn ist die
       Fortgeschrittenste. Die Mathelehrerin ist zugleich die pädagogische
       Leiterin der Lernwerkstatt. „Mal schauen, wie viel nach den Ferien noch
       übrig ist“, sagt sie zu den drei Mädchen und sechs Jungen.
       
       Sie verteilt mehrere Stapel Aufgabenblätter im Raum. Denn Blankenhorn will,
       dass die Kinder sich auch ein wenig bewegen, ihnen nicht einfach alles auf
       den Tisch gelegt wird. „Ihr habt jetzt 30 Minuten Zeit, fünf
       Aufgabenblätter zu lösen. Danach heftet ihr sie in euren blauen
       Schnellhefter“, ordnet sie in einem klaren und sehr bestimmten Ton an.
       
       Fortgeschritten bedeutet hier, Aufgaben im Bereich bis zu den Zahlen 50 zu
       lösen. Bis auf einen Jungen, sind alle zum ersten Mal in einer Schule. Nach
       15 Minuten fragt einer der Jungs, ob er nach Hause gehen dürfe. „Warum?“,
       fragt die Lehrerin. Keine Antwort, nur ein Grinsen. Der Schüler hängt
       lustlos an seinem Tisch.
       
       Victor vorne links dagegen sitzt konzentriert über seinen Aufgaben. Mathe
       liegt ihm, weiß Blankenhorn, denn er ist schon beim Einmaleins. Ein Mädchen
       steht auf, um sich das nächste Aufgabenblatt zu holen. „Bist du fertig mit
       dem anderen und hast es abgeheftet?“, fragt die gewissenhafte Lehrerin.
       Nein, hat sie nicht und so geht die Schülerin zurück an ihren Tisch, um das
       Blatt ordentlich in ihren Ordner abzulegen. Die Szene wiederholt sich mit
       anderen Kindern. „Sie brauchen Struktur. Haben sie Chaos auf dem Tisch,
       haben sie Chaos im Kopf“, befindet die Pädagogin.
       
       ## Abbau von Diskriminierungserfahrungen
       
       Blankenhorn kennt das von ihren früheren Jobs. Nach dem Referendariat bot
       man der Grund- und Hauptschullehrerin eine neunte Klasse an. „Das traute
       ich mir zum Einstieg aber nicht zu“, erzählt sie. Also startete sie mit
       einer VKL, unterrichtete an einer Grundschule und schließlich auch an einer
       sogenannten Alpha-Klasse für Kinder, die weder schreiben noch lesen können.
       „Der Unterschied sind Welten. Die Geschwindigkeit, Disziplin, die Länge der
       Konzentration oder wie man in ein Heft schreibt. Das alles zu lernen,
       braucht sehr viel Zeit“, erklärt sie.
       
       Zeitintensiv war besonders am Anfang auch die Überzeugungs- und die
       Beziehungsarbeit zu den Eltern und Kindern. Vor allem bei Rom*nja-Eltern
       sei ein grundsätzliches [5][Vertrauen in Institutionen wie Schule] nicht
       vorhanden gewesen. Viele haben Diskriminierung erlebt, ob durch Behörden
       oder in der Gesellschaft, und haben deshalb mitunter Angst, das Jugendamt
       könnte ihnen die Kinder wegnehmen, berichtet die Leiterin der
       Lernwerkstatt.
       
       Häufig seien die Eltern selbst nicht in einer Schule gewesen, nicht
       alphabetisiert, und man müsse ihnen die Vorteile des Schulbesuchs näher
       bringen. Mit Gesprächen, Dolmetscher*innen und Geduld sei es
       schließlich gelungen. „Das Vertrauen ist gewachsen“, erinnert sich die
       leitende Lehrerin. „Die meisten Kinder sind immer da. Das war anfangs noch
       nicht so. Jetzt kommen sie gern zur Schule und sehen den positiven
       Mehrwert, dass sie beispielsweise lesen können.“
       
       Um alle Defizite aufzufangen, geht man beim Konzept über die Vorgaben für
       Vorbereitungsklassen des Kultusministeriums hinaus. Diese sehen zwölf
       Stunden Deutsch, vier Stunden Demokratiebildung und neun Stunden zur freien
       Wahl vor. Das wird hier auch so umgesetzt. Zum Wahlbereich gehören
       beispielsweise Kunst und Sport, aber auch Mathematik. Letzteres ist vom
       Kultusministerium als Integrationskurs nicht vorgegeben.
       
       In Mathe sollen die Kinder eigentlich direkt in die Regelklassen integriert
       werden. Aber, sagt die pädagogische Leiterin: „Die brauchen bei uns Mathe,
       um überhaupt eine Chance für die Regelschule zu haben.“ Denn natürlich sei
       der Übergang in das reguläre Schulsystem ein zentrales Ziel des Projekts.
       
       Damit das gelingt und alles auch nachhaltig verfängt, setzt man auf einen
       Ganztagsbetrieb bis 16 Uhr. Auf den zwei Stockwerken gibt es neben den vier
       Klassenzimmern einen Computerraum, eine Bibliothek, einen Bewegungsraum
       sowie eine Küche und einen großen Aufenthaltsbereich im Erdgeschoss. Mathe
       und Vokabeln lernt man eben auch, wenn man morgens gemeinsam ein Frühstück
       zubereitet und beim Sport mit einem großen Würfel auswürfelt, wer zehn
       Kniebeugen machen soll. Dafür gibt es eine Kooperation mit dem Projekt
       Gemeinschaftserlebnis Sport. An zwei Nachmittagen wird laut Blankenhorn
       „richtig Sport“ gemacht. Das fördere den Lernerfolg und die Konzentration.
       
       Gibt es Streit oder ist ein Kind besonders müde, weil es in der Unterkunft
       vielleicht nicht schlafen konnte, geht eine Sozialarbeiterin mit ihm in
       einen sogenannten Differenzierungsraum. In solchen Räumen kann man
       runterkommen, ausruhen oder auch ungestört eine Aufgabe bearbeiten.
       
       ## Bewegung für den klaren Kopf
       
       An diesem Freitagmorgen ist dafür kein Bedarf. Nach der Mathestunde tobt
       sich eine Gruppe im Bewegungsraum aus. Mit einem Seil haben die Kinder eine
       Linie gezogen. Mit einem weichen Ball werfen sie sich nun ab. Wie so oft
       sind es Mädchen gegen Jungs. Sie stürzen sich auf den Ball, lachen und als
       ein Junge die Sache ein wenig zu ernst nimmt, ruft ihn die Sozialarbeiterin
       zur Seite. Fair bleiben und nicht zu stark werfen, ist die Devise.
       
       Freitags ist mit dem normalen Unterricht schon mittags Schluss. Denn ab 14
       Uhr findet die Lernheimat statt, eine Art Nachmittagstreff für die
       Ehemaligen. Dieser wird von zwei [6][Sozialarbeiterinnen] betreut.
       Schüler*innen, die den Sprung auf eine Regelschule gemeistert haben, soll
       das offene Angebot einen sanften Übergang ermöglichen.
       
       Von den 51 Schüler*innen, die in diesem Jahr in die Sommerferien
       verabschiedet wurden, haben 8 den Sprung in die Vorbereitungsklassen an der
       Gemeinschaftsschule geschafft. Ein paar der älteren Jungs besuchen seit
       einer Woche ein Vorqualifizierungsjahr an einer beruflichen Schule, wo der
       Schwerpunkt im Erwerb von Deutschkenntnissen liegt. Der 12-jährige Ibrahim,
       der es als einziger in die reguläre fünfte Klasse der Gesamtschule
       geschafft hat, ist heute nicht da.
       
       Gemeinsam mit den zwei Sozialarbeiterinnen wird zunächst das Mittagessen
       vorbereitet: Heute gibt es Hotdogs. Das kommt an bei den Jugendlichen. Nach
       dem Essen sitzt Mascha Kavunska von der Mobilen Jugendarbeit noch mit
       Sedrina und Sabrina zusammen. Die zwei Rom*nja-Mädchen waren eigentlich
       stolz, endlich die VKL an der Gemeinschaftsschule besuchen zu können, aber
       jetzt würden sie lieber wieder in die Lernwerkstatt kommen.
       
       Und das liegt nicht nur an dem vermutlich verpatzten Deutschtest, wie beide
       glauben. Diesen mussten sie gleich in der ersten Woche schreiben. Sabrina
       sagt, an der neuen Schule würden sie schief angeschaut, und sie
       demonstriert den herabwürdigenden Blick, den sie an ihrer Schule bereits
       bemerkt hat. Die Mädchen fallen mit ihren traditionellen langen Röcken auf.
       
       Es gibt aber noch ein weiteres drängendes Problem für die beiden. Sie
       brauchen dringend Schulhefte. Masha Kavunska bietet an, sie jetzt noch mit
       ihnen gemeinsam zu besorgen. Aber Sabrina gesteht, sie habe ihre Fahrkarte
       bei der Tante im 50 Kilometer entfernten Göppingen liegen lassen. Die
       Sozialarbeiterin ärgert sich ein bisschen, denn sie fühlt sich in solchen
       Fällen stets verpflichtet, den Kindern die S-Bahn-Fahrt zu bezahlen.
       
       „Das ist auf Dauer teuer“, betont sie, während die Mädchen verlegen lachen.
       Ob die Tante sie ihr nicht per Post schicken könnte. Doch diese könne nicht
       schreiben. „Kann ihr nicht jemand dabei helfen?“, fragt die
       Sozialarbeiterin. Und so herrscht am Tisch heute Ratlosigkeit.
       
       Trotzdem konnte das [7][Modellprojekt] in den vergangenen zwei Jahren
       Möglichkeiten der Integration für 11- bis 14-Jährige ausprobieren. Je
       jünger die Kinder seien, desto größer wäre die Chance, einen Schulabschluss
       zu erlangen, resümiert die pädagogische Leiterin der Lernwerkstatt. Auch
       Sport und Bewegung funktioniere gut, um Kinder an Schulalltag und Lernen
       heranzuführen. Aber die Grundschule holt man nicht in ein, zwei Jahren
       nach.
       
       Erschwerend kommt hinzu, dass das deutsche Schulsystem in Sachen
       Chancengleichheit als eines der ungerechtesten in der westlichen Welt gilt.
       Eine Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe zeigte 2026, dass
       vor allem der soziale Hintergrund die Leistungen und Bildungswege prägt.
       Und Kinder mit Migrationshintergrund haben oft aufgrund von Flucht
       niedrigere soziale Ausgangsbedingungen als andere Kinder.
       
       Cornelia Blankenhorn bleibt optimistisch: „Meine Hoffnung ist, dass wir im
       System noch Dinge ändern können.“ Die Pädagogin will, dass diese Kinder
       auch zukünftig eine Chance erhalten, Möglichkeiten für sich zu sehen. Und
       so sollen die Erfahrungen aus der Lernwerkstatt nach Ende der
       Projektlaufzeit auch bei den Vorklassen der Schulen einfließen. Denn: „Je
       schwieriger die Ausgangsverhältnisse sind, umso mehr kann man erreichen.“
       
       21 Oct 2026
       
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