# taz.de -- Ukrainer in Spanien: Menschen für Menschen
       
       > Mehr als 250.000 ukrainische Geflüchtete leben in Spanien. Eine aktive
       > spanisch-ukrainische Zivilgesellschaft hilft ihnen bei der Integration.
       
 (IMG) Bild: Ukrainer*innen in Spanien begehen den internationalen Wyschywanka-Tag, den Tag des ukrainischen Trachtenhemdes, im Mai 2026
       
       Als im Februar 2022 in der ukrainischen Stadt Sumy die ersten Explosionen
       ertönten, bekam der 15-jährige Mychajlo Hryschenko gerade eine
       Chemotherapie. Die russische Invasion überraschte den Jungen auf der
       onkologischen Station eines Kinderkrankenhauses – am Tropf, bei einer
       Behandlung, die nicht unterbrochen werden durfte. Doch bei jedem Luftalarm
       mussten die kranken Kinder in den Keller gebracht werden. Erschöpft von der
       Chemotherapie, mit Kathetern und angehängt an Infusionen, saßen sie
       stundenlang im Luftschutzbunker, [1][während russische Truppen die Stadt im
       Nordosten des Landes beschossen].
       
       Als aber im Krankenhaus sogar die absolute Basisversorgung – Kochsalzlösun,
       entschlossen sich Mychajlos Eltern, die Flucht zu riskieren. Über einen
       humanitären Korridor konnten sie aus der eingeschlossenen Stadt entkommen.
       Mychajlo wurden die Kanülen gezogen, mit denen er am Tropf hing. Allein der
       Weg zum Zug dauerte unter Beschuss Stunden. Im überfüllten Waggon verlor
       der Teenager nach der schweren Chemotherapie das Bewusstsein.
       
       Schließlich fand sich die Familie Hryschenko in Spanien wieder. Über eine
       spanische Stiftung, die heimische Onkologen und die ukrainische Diaspora
       vernetzt, bekam Mychajlo einen Platz in einem Hilfsprogramm für krebskranke
       ukrainische Kinder. Dutzende von Familien wurden in den vergangenen vier
       Kriegsjahren auf diese Weise nach Spanien gebracht.
       
       ## Warum Spanien?
       
       Für viele Menschen, die 2022 aus der Ukraine flohen, war Spanien nicht
       unbedingt ein Ziel, das sie sich beim Verlassen der Ukraine bewusst
       ausgesucht hatten. Manche wählten Spanien, weil sie dort Verwandte oder
       Freunde hatten oder weil sie von guten Bedingungen und starker
       Unterstützung für Flüchtlinge, insbesondere für Frauen und Familien mit
       Kindern, gehört hatten.
       
       Gleichzeitig waren manche Menschen durch den Krieg so verängstigt, dass sie
       einfach nur so weit wie möglich weg von ihrem attackierten Heimatland sein
       wollten, je westlicher, desto besser. Spanien mit seinem Image von Sonne,
       Meer und einer entspannteren Lebensweise schien ein Ort zu sein, um sich
       sicher zu fühlen, wie durchatmen zu können. Und so auch beginnen zu können,
       sich ein ganz neues Leben aufzubauen.
       
       Die Familie von Mychajlo kam über Barcelona nach Madrid. Im Gegensatz zu
       anderen Ukrainern kannten sie niemanden in dem für sie neuen Land. „Die
       Aladina-Stiftung hat unserem Sohn eine zweite Chance aufs Leben gegeben.
       Und wir konnten hier von vorne beginnen“, sagt Mychajlos Mutter Olena
       Hryschenko.
       
       ## Ein Netz der Solidarität
       
       Das hat funktioniert, weil in Spanien in den letzten Jahren ein Netz aus
       Solidarität für ukrainische Geflüchtete entstanden ist: Ärzte, Freiwillige,
       die ukrainische Diaspora, Wohltätigkeitsstiftungen und ganz gewöhnliche
       Bürger:innen, die dabei helfen, Kinder wie Mychajlo zu retten, Wohnungen
       und Arbeit für die Neuankömmlinge zu suchen und ihnen so ein Gefühl der
       Normalität zurückzugeben.
       
       „Oft befinden sich die neu angekommenen Familien in einem psychischen
       Ausnahmezustand“, sagt Halyna Bardina-Kuts. Die Ukrainerin ist eine der
       Koordinatorinnen der Stiftung und lebt seit über 25 Jahren in Madrid. „Die
       Menschen haben ihr gesamtes gewohntes Leben verloren und kämpften darüber
       hinaus noch um das Leben ihrer Kinder.“ In Madrid wurde Mychajlo in einer
       staatlichen spanischen Klinik behandelt, das Stiftungsgeld zahlte auch eine
       teure Protonentherapie und die anschließende Rehabilitation in einem
       privaten medizinischen Zentrum.
       
       Bardina-Kuts und ihre Kolleg:innen halfen den Familien mit Lebensmitteln
       und Kleidung, mit der Suche nach einer Wohnung und Übersetzungen. Anwohner
       brachten Geschenke und Dinge des täglichen Bedarfs in die Hotels, in denen
       die Geflüchteten am Anfang untergebracht waren. Für viele Ukrainer war dies
       die erste Erfahrung damit, wie unbekannte Menschen in einem fremden Land
       einen unterstützen können, wenn das Leben zusammenbricht.
       
       Für die Eltern ging es vor allem darum, möglichst bald wieder selbständig
       zu werden. „Keiner von uns wollte einfach nur herumsitzen und auf Hilfe
       warten“, sagt Olena Hryschenko. „Sobald es unserem Sohn etwas besser ging,
       haben wir geschaut, dass und wie wir wieder arbeiten und weiterleben
       können.“
       
       Anderen helfen – nach zwei Fluchten 
       
       Als Switlana Samarchenko 2014 vor den russischen Angriffen auf die
       Ostukraine aus Donezk [2][nach Irpin bei Kyjiw] floh, hätte sie sich wohl
       kaum vorstellen können, dass sie keine zehn Jahre erneut fliehen müsse,
       dieses Mal nach Spanien.
       
       Heute lebt die Mittfünfzigerin im nordspanischen Pamplona und engagiert
       sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich in einem ukrainischen Verein, der
       Hilfsgüter in die Ukraine schickt. Allein 2025 waren es rund 70 Tonnen:
       Medikamente, technische Ausrüstung und Autos für die frontnahen Gebiete.
       Die meisten dieser Dinge werden zusammen mit Spanier*innen gesammelt.
       
       „Die Menschen engagieren sich und leisten sehr wichtige Arbeit für
       diejenigen, die unter dem Krieg gelitten haben und weiterhin darunter
       leiden“, sagt sie über die ukrainischen Freiwilligennetzwerke in Spanien.
       
       Switlana erzählt, dass in Pamplona in langen Jahren eine aktive ukrainische
       Zivilgesellschaft entstanden ist, mit Vereinen und kulturellen Initiativen,
       Hilfsangeboten und eigenen ukrainischen Schulen. Sie engagiert sich
       besonders in einer Fraueninitiative und bei Hilfsangeboten für Kinder. Und
       hat sich dem internationalen Netzwerk United Women angeschlossen, das
       Ukrainerinnen in verschiedenen europäischen Ländern im Rahmen von
       gemeinnützigen, humanitären und kulturellen Projekten zusammenbringt.
       
       Ukrainer*innen in Spanien organisieren Kulturveranstaltungen und
       Kinderprogramme. Benefizkonzerte und Aktionen zur Unterstützung der
       ukrainischen Streitkräfte sind zu einem festen Bestandteil des
       Gemeinschaftslebens geworden. Am dritten Donnerstag im Mai, [3][dem
       internationalen Wyschywanka-Tag,] veranstalten sie Umzüge in traditionell
       bestickten ukrainischen Hemden („Wyschywanka“) in spanischen Städten und
       tragen so dazu bei, dass die Ukraine in der spanischen Gesellschaft präsent
       bleibt. Gleichzeitig stärken sie damit auch den Zusammenhalt der Ukrainer
       untereinander.
       
       Ukrainer in Katalonien 
       
       Eines der bemerkenswertesten humanitären Projekte ist die Initiative von
       Schwester Lucía Caram, einer katholischen Dominikanerin. Sie organisierte
       unter anderem einen Ferienaufenthalt in Katalonien für 255 ukrainische
       Kinder aus Soldatenfamilien. Vor einigen Monaten hat Caram eine „Karawane
       der Güte“ von Barcelona aus auf den Weg in die Ukraine gebracht – eine
       Kolonne aus Rettungsfahrzeugen und Geländewagen für ukrainische
       Rettungskräfte und Soldaten. Aktuell ist die zweite Lieferung von
       Rettungsfahrzeugen geplant.
       
       Die meisten Spanier, wie auch viele andere Europäer, sind bereit zu helfen.
       Aber für die Menschen ist es wichtig zu wissen, wem sie helfen und dass
       diese Hilfe auch wirklich ankommt. Genau deshalb spielen Ukrainer, die
       schon lange in Spanien leben und – jenseits der großen politischen
       Nachrichten – erklären können, was in der Ukraine wirklich passiert, eine
       große Rolle.
       
       ## Verständigung über Sport
       
       Eine dieser Ukrainerinnen ist Nataliya Terebenets aus dem katalanischen
       Cerdanyola del Vallès. Die Trainerin und technische Leiterin des
       Sportvereins Club Gimnàstica Rítmica Cerdanyola hat zusammen mit der
       Vereinspräsidentin Mireia Moyano „Sports Unite Us“ gegründet.
       
       „Ich lebe schon seit fast 36 Jahren in Spanien“, erzählt Nataliya
       Terebenets. „1990 kam ich als Tänzerin des Nationalensembles hierher,
       später bin ich dann in den Bereich rhythmische Sportgymnastik gewechselt.“
       Nach Beginn der russischen Vollinvasion 2022 versuchte Terebenets, über den
       Sport auf den Krieg aufmerksam zu machen. Mit Unterstützung der
       Stadtverwaltung von Cerdanyola del Vallès lud der Verein ukrainische
       Turnerinnen nach Katalonien zu einem zweiwöchigen Trainingslager mit
       katalanischen Sportlerinnen ein. Daneben gab es ein breites Programm an
       Ausflügen und Workshops.
       
       „Wir wollten nicht nur ukrainische Kinder unterstützen, sondern auch der
       lokalen Bevölkerung helfen, die Realität des Krieges, in der die Ukraine
       heute lebt, besser zu verstehen. Die Mädchen sollten zumindest für kurze
       Zeit ohne Luftalarm und -angriffe leben und unter normalen Bedingungen
       trainieren können. Außerdem sind viele Sportstätten in der Ukraine
       schlichtweg zerstört“, sagt sie.
       
       ## Persönliche Begegnungen für mehr Verständnis
       
       Für die Stadtverwaltung und die Organisationen, die das Projekt finanziell
       unterstützen, sei das anfangs eher sehr abstrakt gewesen, erzählt
       Vereinspräsidentin Moyano. „Aber als sie die jungen ukrainischen
       Sportlerinnen persönlich kennenlernten, wurde alles viel emotionaler und
       realer“, sagt sie.
       
       Moyano erinnert sich an ihr erstes Treffen mit einem ukrainischen Trainer
       im Vereinscafé: „Ein Flugzeug flog tief über die Stadt hinweg, und der
       erwachsene Mann duckte sich instinktiv. Für mich war das ein Schock. Damals
       wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was es bedeutet, jahrelang in
       ständiger Gefahr zu leben.“
       
       Im Verein denkt man bereits darüber nach, wie man das Projekt auf andere
       Städte in Spanien und langfristig auch auf Sportvereine in anderen
       europäischen Ländern ausweiten kann.
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey
       
       17 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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