# taz.de -- Die Wahrheit: Mein Leben als Tscheche
       
       > Die Tschechische Woche der Wahrheit: Eine Reise nach Prag holt unangenehm
       > bollernde Erinnerungen an dunkle Zeiten zurück.
       
       Mein Leben als Tscheche war kurz, aber heftig. Ich stieg mit Kind und Kegel
       aus Wien flüchtend an dem Bahnhof aus, den die Einheimischen etwas seltsam
       „Praha hlavní nádraží, kurz: Praha hl.n.“ nennen, der aber praktischerweise
       sehr zentral liegt, jedenfalls fußläufig zum Zentrum. Dortselbst lag auch
       unsere Unterkunft, die eine Mischung aus einfachem Hotel, Hostel und AirBnB
       ohne Frühstück war und uns ein eigentlich gutes Obdach gewährte, gegen Geld
       natürlich. Aus dem Fenster gestürzt sind wir nicht; und doch hat nicht viel
       dazu gefehlt.
       
       Das Stadtzentrum, in dem wir uns befanden, liegt ganz in der Hand
       kommerziell orientierter Mächte, kurz: der Tourismusindustrie. Die fand
       hier das Nötigste vor: Die Architektur ringsum macht auf alt, ist aber
       zuckergebacken und als solches verlässlich anziehungsstark, die Bierpreise
       sind gegenüber den Spelunken der äußeren Stadtviertel, in denen die
       Einheimischen verkehren, nur leicht erhöht und also rauschförderlich, auch
       gibt es hier und da etwas zu sehen, was Kafka hätte sein können oder
       jüdisch oder beides. Man kennt das aus Venedig, Rom, Dubrovnik: eine
       entmietete Stadt, deren Besitzer in der Vorstadt ein gutes Auskommen
       genießen, voll mit Reisebusverkehr, Souvenirläden, jungen Menschen, alten
       Menschen, Straßenmusik und deutschen Reisegruppen.
       
       ## Unverständlicher Hype
       
       Auch wir liefen herum und gönnten uns, den Hype um diese Stadt fanden wir
       dennoch eher unverständlich, Franz Kafka hätte hier auch nicht weiter
       gewusst. Am Abend nach dem tagabschließenden Lokalbesuch in der Vorstadt –
       Insidertipp – gingen wir schlafen, zweiter Stock, es war angenehm still.
       
       Dann passierte es. Mitten in der Nacht, es war zwischen drei und vier Uhr
       morgens, bollerte es unten an der Eingangstür und eine laute,
       deutschsprechende Männerstimme verlangte unmittelbaren Eintritt. Prag,
       nächtliche Bollerei samt hart deutschem Befehlston, da war doch mal was?,
       dämmerte mir im Halbschlaf. Es ging noch Minuten lang so, bis mein Hirn
       verstand, dass es nicht 1943 war und das bislang mir unverständliche
       „Matze“ wohl Kumpel Matthias meinte, der oben im dritten Stock selig
       schlummerte, während seine beiden Volksgenossen ihre Zimmerschlüssel
       vergessen hatten und folglich nicht reinkamen.
       
       Irgendwann schaffte es die angetrunkene HJ endlich doch, den Matze aus der
       Matratze zu bollern, es gab dann noch kurz lautes Gerumpel im hölzernen
       Treppenhaus, bevor auch über diesen Flash zurück in die Geschichte wieder
       die warme Decke des AirBnB-Hostel-Hotels gelegt werden konnte. Kind schlief
       übrigens durch, während Kegel Angstschübe schob, die dann schließlich auch
       beruhigt werden konnten. Gute Nacht, Prag.
       
       Am nächsten Morgen strahlte die Sonne unschuldig auf die Moldau, während
       wir im Café ums Eck frühstückten, umringt von Kindern, die sich um 10 Uhr
       bereits mit Bier versorgten. Prag in Zukunft dann ohne mich.
       
       6 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) René Hamann
       
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