# taz.de -- Neonazis in Hamburg-Bergedorf: Jugendliche wegen rechten Terrors vor Gericht
> Die 16- bis 20-Jährigen sollen Gewalttaten verübt und den Hitlergruß
> gezeigt haben. Einer von ihnen soll der „Letzten Verteidigungswelle“
> nahestehen.
(IMG) Bild: Einer der Angeklagten soll mit Springerstiefeln auf sein Opfer eingetreten haben
Marks* Haare sind gescheitelt und gegelt, durch die kurzgeschorenen Seiten
blitzt die helle Kopfhaut, auf der Oberlippe trägt er einen dunklen Flaum.
Anders als seine drei Mitangeklagten verdeckt er sein Gesicht nicht. Er
schaut selbstbewusst in die Kameras, die für ein paar Minuten zum
Prozessauftakt in den Gerichtssaal gelassen werden.
Die Anklage wirft Mark und den drei anderen unter anderem das Verwenden von
Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Raub- und Erpressungstaten
sowie gefährliche Körperverletzung in mehreren Fällen vor. Auf der
Anklagebank vor dem Amtsgericht in Hamburg-Bergedorf sitzen Jugendliche.
Mark soll 2024 in der Whatsapp-Gruppe der rechtsextremen Terrorgruppe
Letzte Verteidigungswelle einmal „Sieg Heil“ und zweimal „Heil Hitler“
geschrieben haben. Die Letzte Verteidigungswelle hatte zuletzt im Sommer
mediale Aufmerksamkeit erregt, [1][als das Oberlandesgericht Hamburg gegen
acht Jugendliche Haftstrafen verhängt hatte]. Die Jugendlichen wurden unter
anderem wegen versuchten Mordes, Brandstiftung, Mitgliedschaft in einer
terroristischen Vereinigung und gefährlicher Körperverletzung verurteilt.
Die Letzte Verteidigungswelle hatte Brand- und Sprengstoffanschläge auf
Asylbewerberheime und linke Einrichtungen geplant.
Zudem sollen Mitglieder sogenanntes Pädo-Hunting – also Jagd auf Menschen,
die sie für Pädophile hielten – betrieben haben. Auch darum wird es im
aktuellen Prozess in Bergedorf gehen.
## Beleidigungen, Prügel und Erpressung
Neben Mark sitzt seine kleine Schwester Ronja* und schaut ins Leere, sie
ist 16, ein Jahr jünger als er. Unter ihrem ebenfalls streng gescheiteltem
Haar sieht sie müde aus. Kein Blick geht in Richtung ihrer Eltern, die
ebenfalls im Raum sind. Bekzod*, 20 Jahre alt, sagt, er sei verwirrt, dass
er heute hier sein müsse und Matthias*, 16 Jahre, antwortet auf die Frage
des Richters nach seinem Familienstand mit: „Was ist das?“
Die Vorwürfe der Anklage sind nicht trivial. Zusammen mit einer weiteren
Person soll Mark eine an einer Bushaltestelle wartende Person als
„Ausländersau“ beleidigt und gedroht haben, sie aufzuschlitzen. Seine
potenzielle Mittäterin, deren Fall gesondert verhandelt wird, soll sich und
Mark als „Nazis“ und „Skinheads“ bezeichnet haben.
Die angeklagten Jugendlichen sollen außerdem in unterschiedlicher
Zusammensetzung mit weiteren Personen zweimal Jagd auf angebliche Pädophile
gemacht haben. In einem Fall sollen sie sich vor einem Gasthof in
Geesthacht mit einem 18-Jährigen getroffen haben, der sich vermeintlich mit
einer 14-Jährigen treffen wollte. Sie sollen ihm ein Messer vorgehalten und
ihn unter Androhung von Schlägen auf einen Waldweg getrieben haben. Dort
habe er seine Taschen leeren sollen. Als er versucht habe zu flüchten, soll
Mark ihn mit einem Teleskopstabstock verprügelt und mit Springerstiefeln
getreten haben. Vor dem Weglaufen sollen Ronja, Matthias und eine weitere
Person das Handy des 18-Jährigen eingesteckt haben.
Ein anderes Mal sollen sie einen 19-Jährigen in seiner Wohnung in einer
Jugendeinrichtung in Billstedt aufgesucht haben. Er soll von der damals
15-jährigen Ronja ein Nacktbild gefordert haben. Mark, Bekzod und zwei
weitere Personen sollen unter Androhung von Schlägen 1.000 Euro als
„Schadensersatz“ von dem 19-Jährigen gefordert haben. Als dieser gesagt
habe, er könne nicht zahlen, habe Mark ihn aufgefordert, sich hinzuknien.
Als er dem nachgekommen sei, habe Marks mutmaßlicher Mittäter mit
Springerstiefeln auf ihn eingetreten. Bekzod filmte – wohl weil Mark ihn
dazu aufgefordert hatte. Die Jugendlichen verließen die Wohnung ohne das
Geld, dafür aber wohl mit der Adidas-Jacke des Opfers.
Das Filmen von Straftaten ist bei der Letzten Verteidigungswelle gängige
Praxis. Laut dem Bericht des NDR-Journalisten Hannes Stepputat in einem
Deutschlandfunk-Podcast verlangten die Administratoren der Chatgruppe
entsprechende Videos als „Aufnahmeprüfung“ von potenziellen Mitgliedern.
Hauptsächlich gehe es um Sachbeschädigungen, allerdings gebe es auch Fälle,
in denen Teilnehmer andere Personen angegriffen hätten, um das Logo der
Letzten Verteidigungswelle auf ihre Körper zu sprühen.
## Haftstrafen von über einem Jahr erwartet
Vier Tage nach dem ersten Überfall auf den 19-Jährigen in Billstedt sollen
Mark und sein Mittäter wieder in die Jugendwohneinrichtung gekommen sein –
dieses Mal war wohl Marks Schwester Ronja auch dabei. Wieder sollen sie
1.000 Euro gefordert haben. Wieder habe der 19-Jährige sich hinknien
sollen, diesmal soll Mark mit Springerstiefeln auf ihn eingetreten haben.
Bekzod wollte diesmal wohl nicht filmen, darum soll dies ein Dritter
übernommen haben. In beiden Fällen der „Pädophilen-Jagd“ erlitten die
„Gejagten“ blaue Flecken und mehrere Tage andauernde Schmerzen.
Beim Verlesen der Anklageschrift wird Mark erst rot, dann setzt er einen
überlegenen Gesichtsausdruck auf. Die anderen Jugendlichen schauen zu
Boden, ins Leere oder verdecken ihre Gesichter. Danach wird die
Öffentlichkeit ausgeschlossen. Denn Jugendliche brauchen Schutz. Dass die
Presse beim Verlesen der Anklage überhaupt geduldet war, lag daran, dass
Bekzod mit zwanzig Jahren als einziger vor dem Gesetz nicht mehr als
Jugendlicher, sondern als Heranwachsender gilt.
Der Fall wird von einem Jugendschöffengericht verhandelt, was bedeutet,
dass die Angeklagten wahrscheinlich Haftstrafen von über einem Jahr zu
erwarten haben. In Strafprozessen, in denen die zu erwartende Haftstrafe
unter einem Jahr liegt, ist ein Jugendrichter zuständig. Bislang sind fünf
weitere Termine angesetzt, ein Urteil wird Mitte November erwartet.
* Alle Namen zum Schutz der Jugendlichen geändert
1 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Prozess-gegen-Letzte-Verteidigungswelle/!6201954
## AUTOREN
(DIR) Antonia David
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Rechter Terror
(DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
(DIR) Hamburg
(DIR) Straffällige Jugendliche
(DIR) Social-Auswahl
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