# taz.de -- Alternativer Nobelpreis: „Radikales Bewusstsein zu entwickeln braucht Zeit“
       
       > Mercia Andrews gehört zu den Gründerinnen der „Rural Women’s Assembly“
       > aus dem südlichen Afrika. Die Organisation soll in diesem Jahr mit dem
       > Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet werden.
       
 (IMG) Bild: Mercia Andrews, Regional Coordinator, Rural Women’s Assembly, in Johannesburg
       
       Als das Interview gerade beginnen soll, muss Mercia Andrews kurz ans
       Telefon gehen – ein Notfall. Danach erklärt sie, was passiert ist. 
       
       Mercia Andrews: Das war eine unserer Frauen. Es gab einen schrecklichen
       Femizid, mit dem wir umgehen müssen, auf einer Farm, wo sie arbeitet. Ich
       habe ihr gesagt, dass ich sie nach dem Interview anrufe und wir dann
       besprechen, was zu tun ist.
       
       taz: Welche Rolle kann Ihre Bewegung da einnehmen? 
       
       Mercia Andrews: Ich habe erst mal ein paar einfache Fragen gestellt. Was
       hat die Polizei bisher gemacht? Wer hat die Frau gefunden? Sie sagte, es
       seien Kinder gewesen, und ich habe ihr gesagt, sie müsse dafür sorgen, dass
       diese Kinder Hilfe bekommen. Ich mache sonst nicht viel unserer Arbeit in
       Südafrika, weil ich als Koordinatorin für die gesamte Region viel zu tun
       habe. Aber geschlechtsspezifische Gewalt gehört auch sonst zu meinen Themen
       als Aktivistin. Weil ich in Südafrika bin und viel mit Farmarbeiterinnen
       arbeite, mache ich das jetzt.
       
       taz: Die Region, die Sie koordinieren, besteht aus elf Ländern im südlichen
       Afrika. 178.000 Frauen gehören zur [1][Rural Women’s Assembly] – und Sie
       sind immer noch ehrenamtliche Koordinatorin? 
       
       Mercia Andrews: Bis vor Kurzem war ich das. Ich gehöre zu den
       Gründungsmitgliedern, und von Anfang an wollten wir uns nicht offiziell als
       NGO registrieren. Wir experimentieren damit, was wir anders machen können.
       Ob wir es schaffen, dass unsere Spendengelder nicht von Büros,
       Infrastruktur und Angestellten aufgesaugt werden. Aber natürlich, wenn
       Menschen Geld spenden, erwarten sie ein gewisses Maß an Rechenschaft. Ich
       habe für eine Non-Profit-Organisation gearbeitet, und die kümmert sich um
       unsere Buchhaltung. Die Einzige mit einem Vollzeitjob in unserer Bewegung
       ist die Frau für Presse und Kommunikation, sie sitzt in Sambia.
       
       taz: Wie organisieren Sie Ihre inhaltliche Arbeit? 
       
       Mercia Andrews: Unter anderem mit ehrenamtlichen Einsatzteams zu unseren
       verschiedenen Themen – wie geschlechtsspezifische Gewalt, Zugang zu Land,
       Öko-Landwirtschaft. Alle Länder sind mit einer Frau in jedem Team
       vertreten. Diese Gruppen besprechen mit mir, wie wir unsere Strategien
       voranbringen. Und geleitet wird die Bewegung ebenfalls von einer Gruppe –
       drei Frauen aus jedem Land, die sich monatlich online treffen und viermal
       im Jahr an einem Ort zusammenkommen.
       
       taz: Ihre Bewegung bekommt nun den [2][Alternativen Nobelpreis.] Was
       bedeutet das für Sie? 
       
       Mercia Andrews: Ich sehe es als große Ehre an, dass wir dafür ausgewählt
       wurden. Die Auszeichnung wird uns Sichtbarkeit geben. Ich ziehe dafür eine
       Parallele zu unserer Arbeit mit Saatgut: Wir haben eine Studie über Frauen
       gemacht, die unser traditionelles Saatgut sichern und das Wissen darüber
       weitergeben. 700 Frauen in sieben Ländern haben wir interviewt und eine
       Fotoausstellung mit ihnen gemacht. Bis dahin hatten die Frauen das, was sie
       tun, gar nicht als ungewöhnlich angesehen.
       
       Es war für sie normal, Saatgut zu bewahren und wütend zu werden, wenn die
       Regierung ihnen das Sammeln verbieten wollte. Die plötzliche Sichtbarkeit
       durch unsere Ausstellung eröffnete ihnen eine andere Perspektive und sie
       fühlten sich geehrt. So ähnlich sehe ich das für uns. Eine Bewegung
       aufzubauen, die versucht, unsere Länder zu einen – das war nach dem Ende
       der Apartheid fast so etwas wie eine Notwendigkeit.
       
       taz: Warum? 
       
       Mercia Andrews: Wir mussten neue Perspektiven auftun, um zu merken: Ich bin
       ein Teil Afrikas, ich bin pan-afrikanisch. Bei uns erleben Frauen zum
       Beispiel, dass Nguni-Sprachen in vier oder fünf Ländern gesprochen werden.
       Wir kommunizieren in Englisch, Französisch, Portugiesisch – den
       Kolonialsprachen. Aber wir kommunizieren auch in den lokalen Sprachen. Auch
       das war uns wichtig zu zeigen: Wir brauchen, wie Samen, die Möglichkeit zu
       reisen. Um zu wachsen, zu gedeihen, uns in unserem gemeinsamen Menschsein
       zu verbinden.
       
       taz: Welche Gemeinsamkeiten haben Sie noch gefunden? 
       
       Mercia Andrews: Es ist wieder das Saatgut – die Pflanzen und das Essen
       verbinden uns. Wir haben gemerkt, dass manche Samen in der ganzen Region
       denselben Namen haben, und dass wir die gleichen Gerichte damit kochen. Die
       Verteidigung der Lebensmittel- und Saatgut-Souveränität ist der Schlüssel
       zu allem, und das eint uns.
       
       taz: Wofür kämpfen Sie noch? 
       
       Mercia Andrews: Die Verteidigung des Gemeinguts, der Commons, ist ein
       weiterer wichtiger Aspekt. In unserer Region geht es dabei hauptsächlich um
       Land. Etwa in Mosambik darf es eigentlich nicht verkauft werden. Aber man
       sieht, dass viele dort Land von Chiefs gekauft haben und entlang der Küste
       große Resorts bauen. Oder in Simbabwe: Man sieht chinesische Firmen kommen
       und Land aufkaufen. Unsere Herausforderung ist es, das Patriarchat zu
       bekämpfen und Zugang zu unserem rechtmäßigen Land zu bekommen. Um Frauen
       Unabhängigkeit geben zu können, aber auch, um unsere regionale Souveränität
       zu verteidigen. Man kann nicht einfach nach Afrika kommen und die
       Mineralien abbauen oder unsere Bäume abholzen, und dann tschüss. Auch
       deshalb sind die Commons ein wichtiges Thema. Hinzu kommen die Folgen der
       Klimakrise. Wir fragen zum Beispiel: Was für Frühwarnsysteme haben unsere
       Regierungen implementiert? Da ist nichts – also machen wir eine Kampagne.
       
       taz: Sie beschreiben ihre Bewegung mit „eher laut als radikal“. Was heißt
       das? 
       
       Mercia Andrews: Das ist so ähnlich wie mit der Tatsache, dass wir uns nicht
       feministisch nennen, obwohl wir das anstreben. Aber mit so vielen
       Mitgliedern kann man nicht garantieren, dass alle sich als Feministinnen
       sehen. Wie mit dem Begrif „radikal“: Wir wissen, wenn wir bestimmte
       Schritte unternehmen, machen wir das als ungleiche Aktivistinnen. Ein
       radikales Bewusstsein zu entwickeln braucht Zeit. Sich radikal zu nennen,
       würde bedeuten, dass wir alle am gleichen Ort sind. Wir müssen lernen,
       bescheiden zu sein bei der Frage, welche Schritte wir unternehmen, um etwas
       zu erreichen – und wie wir die Menschen dabei mitnehmen.
       
       taz: Wie sehen Sie selbst auf das bisher Erreichte? 
       
       Mercia Andrews: Der Kampf für das Recht von Frauen auf Land geht weiter.
       Aber wir haben schon viel erreicht. Auch in Südafrika, wo viel noch von der
       weißen kommerziellen Landwirtschaft kontrolliert wird. Wir haben uns
       gewehrt, haben angefangen, Land zu besetzen und dort Gemüse anzubauen.
       [3][In Eswatini] haben wir gerade einen Prozess gewonnen, da hatten Leute
       versucht, Bäuerinnen zu vertreiben. Wir haben viel erreicht, und ich
       glaube, das ist ein Grund dafür, dass wir weiter wachsen – die Frauen sehen
       den Wert der Gemeinschaft, den Wert des gemeinsamen Lernens, des Strebens
       nach neuen Ideen. Kürzlich haben wir ein Kochbuch herausgebracht. Wozu soll
       das gut sein?, könnte man fragen. Aber es ging um unser einheimisches
       Blattgemüse. Was wächst im Wald, was wir ernten könnten? Die Leute teilen
       das Wissen ihrer Vorfahren, damit wir davon lernen können. Wir haben ja
       nicht immer aus dem Supermarkt gelebt.
       
       30 Sep 2026
       
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