# taz.de -- 150 Jahre deutscher Parteienstaat: Wozu Parteien?
> Die CDU kann „konservativ“ nicht mehr definieren und die SPD nicht
> „Gerechtigkeit“. Interessierte Kreise beschwören den Untergang des
> Parteiensystems. Falsch, meint taz FUTURZWEI-Kolumnist Udo Knapp.
(IMG) Bild: Joggen vor dem Reichstag: Läuft das Volk dem Parlamentarismus davon?
[1][taz FUTURZWEI] | [2][Die Bundesrepublik] ist ein Parteienstaat. Die
Parteien wirken gemäß Artikel 21 des [3][Grundgesetzes] an der
Willensbildung und an der Gesetzgebung zu allen politischen und
gesellschaftlichen Fragen mit. Ihre rechtsförmigen Organisationen, ihr
Auftreten, ihre Finanzierung etcetera sind abschließend im Parteiengesetz
geregelt.
Die Parteien streben nach der Macht in den politischen Institutionen, um
dort angekommen, ihre Ideen praktisch umzusetzen. Sie kontrollieren den
politischen Prozess auf allen Ebenen. Schließlich rekrutieren sie das für
diese Aufgaben erforderliche Personal. Sie bestimmen den Diskurs auf der
politischen Agora der Republik.
Auch wenn in der deutschen Geschichte für den Parlamentarismus auf der
Grundlage einer Parteiherrschaft erst gut 150 Jahre Erfahrung zu Buche
schlagen, sind und bleiben die Parteien die Schlüsselorte für eine
funktionierende Meinungs- und Mehrheitsbildung in der freiheitlichen
Demokratie.
Die Parteien erarbeiten sich im Vorfeld ihrer Arbeit in allen Gremien und
Vertretungen Positionen. Deren Inhalte werden, wenn sie mit einem
mehrheitlichen Votum des Elektorats bestätigt worden sind, in Gesetze
übertragen und umgesetzt. Auf diesem Weg wird die Herrschaft der Gesetze,
des Rechts als zentraler Inhalt der freiheitlichen Demokratie in der
Republik begründet.
## Parlamentarische Praxis: Erfolgsmodell vor Herausforderungen
Diese parlamentarische Praxis hat sich in den meisten europäischen Ländern
und den [4][USA] als demokratisches Erfolgsmodel für die Garantie von
individueller Freiheit und Gesetzen bewährt, die das Zusammenleben regeln.
Die heute gern verbreiteten Behauptungen von einem „Untergang des deutschen
Parteiensystems“ (wie es im Magazin Cicero in diesem Sommer hieß) sind
Stimmungsmache gegen die Gestaltungskräfte, die nur in einer
Parteiendemokratie im Interesse eines gemeinsam beschlossenen und
geregelten Wandels in die nächste Moderne freigelegt werden können.
Daran wird sich auch in Zukunft, vor dem Hintergrund der im Augenblick
unübersichtlich komplexen Probleme wenig ändern. Die Probleme müssen gelöst
werden und können bei gutem Willen auch gelöst werden. Ich bin überzeugt:
Mit dem Bekräftigen, Streiten und Pflegen des politischen Innen- und
Außenlebens der Parteien können im freiheitlichen Rechtsstaat alle noch so
schwierigen Probleme im Interesse breiter Mehrheiten der Bevölkerung gelöst
werden.
Hier einige Hinweise, wo und wie sich dieser Wandel in der Hand der
Parteien und der Bürger vollziehen könnte, kann und wird.
## Öffentlichkeit gut organisiert
Die öffentliche Infrastruktur, Straßen, Schienen, Brücken. zerbröckelt
zwar, aber auch mit weniger Autobahnen, weniger Brücken, weniger
innerstädtischem KFZ-Verkehr wird die einmal erreichte Qualität der heute
primär individuell bestimmten Mobilität nicht aufgehoben. Sie wird, stärker
als bisher, von einer öffentlich garantierten, am besten kostenlosen,
Mobilität mit Schiene, Bahn, Bus und auch in der Luft bestimmt sein.
Der Städtebau und das Wohnen werden zu zentralen politischen
Zukunftsaufgaben, die alle Parteien mit Lösungswegen versehen werden. Die
Stadt kann mit dem Ende ihrer Auslieferung an den privaten KFZ-Verkehr
wieder zentraler Ort der Begegnung, allen öffentlichen Lebens und auch
Arbeitens werden. Dazu sind alle mobilisierbaren, öffentlichen und privaten
Flächen in öffentlicher Obhut für einen Wohnungsbau zu mobilisieren, der
Wohnen und öffentliches Leben wieder zusammenführt und für Mieter bezahlbar
macht – sagen wir, nicht teurer als zwischen 6 und 8 Euro pro
Quardratmeter.
Bildung wird auf allen Ebenen und in allen Schichten zum zentralen
Lebensinhalt aller Kinder, aber auch aller Erwachsenen. Dabei wird es in
Zukunft nicht zuerst auf die technische Ausstattung der Schulen, wohl aber
auf die Methoden des Lernens ankommen, weil so eine tiefe Leidenschaft nach
Wissen und Bildung ausgelöst werden kann.
Digitalisierung und [5][KI] sind unterwegs; die in die hunderttausende
gehenden Verluste an klassischen Arbeitsplätzen in fossiler Produktion und
Verwaltung werden durch weniger, aber viel produktivere Arbeitsplätze bei
höherer Wertschöpfung ersetzt. Für die große Mehrheit der Menschen, die im
Produktionsprozess heute oder schon bald nicht mehr gebraucht werden,
werden öffentlich unterstützte und gesellschaftlich gebrauchte neue
Lebensstrukturen entwickeln. Bildung wird für alle, jenseits ihrer sozialen
Herkunft zum zentralen, selbstverständlichen tool ihrer
Selbstverwirklichung.
## Nötiger Aufbruch der Mitte
[6][Putin], [7][Xi] und auch die USA haben zugunsten ihrer
imperialistischen Ziele jede Strategie der Einen Welt aufgegeben, Europa
muss und wird eine eigene Armee und Selbstverteidigungsstrategien
entwickeln. Die Bundesrepublik wird in diesem Prozess vorangehen, die
Parteien werden diese Bemühungen argumentativ absichern.
Alle Parteien haben zu jedem dieser Probleme mehr oder weniger
nachvollziehbare, dissonante Positionen. Die [8][CDU] kann nicht
beschreiben, was konservativ heute sein soll. Die [9][SPD] gibt keine
Auskunft darüber, wer im digitalen KI-Kapitalismus ihr politisches Subjekt
für das Fortschreiben des Gerechtigkeitsgedankens sein soll. Die Grünen
scheinen zufrieden, wenn sie mitregieren dürfen, einen Anspruch auf die
ganze Macht beim Regieren erheben sie nicht.
Dem Verfassungsauftrag des Grundgesetzes werden alle drei damit gerecht.
Dennoch werden [10][AfD] und [11][Linkspartei] auch in der nächsten Zeit
den Ton setzen. Ein gemeinsamer Aufbruch der in der Mitte eingequetschten
Parteien ist, Stand heute, nicht zu erwarten. Nötig ist er aber.
🐾 Lesen Sie weiter: Die Ausgabe taz FUTURZWEI N°38 mit dem Titelthema „Wozu
Männer?“ ist erschienen. [12][Hier bestellen im taz Shop].
29 Sep 2026
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