# taz.de -- Aktivist für Menschen mit Behinderung: „Hunderttausende wollen nicht mehr fremdbestimmt werden“
       
       > Menschen mit Behinderungen protestieren vorm EU-Parlament für ein
       > selbstbestimmtes Leben. Aktivist Florian Sanden kritisiert geplante
       > Sozialkürzungen.
       
 (IMG) Bild: Kürzungen bei der Teilhabe sind weitere Barrieren für Menschen mit Behinderung
       
       taz: Herr Sanden, Sie engagieren sich in der Bewegung für ein
       Selbstbestimmtes Leben – was ist das genau? 
       
       Florian Sanden: Das ist eine sehr alte und globale Selbstvertreterbewegung
       von behinderten Menschen. Entstanden ist sie in den 1950er Jahren in den
       USA. Die [1][Dokumentation „Crip Camp“] erzählte die Geschichte der Anfänge
       sehr gut. Auf Sommercamps, den Crip Camps, kamen junge behinderte Menschen
       zusammen, um über Diskriminierung zu sprechen und politische Forderungen
       aufzustellen. Ein zentrales Ziel ist bis heute, Heimunterbringungen
       abzuschaffen und durch Leistungen wie persönliche Assistenz zu ersetzen.
       Das sind Unterstützungspersonen, die behinderten Menschen im Alltag helfen,
       aber behinderte Menschen behalten selbst die Kontrolle. Aus der Bewegung
       haben sich dann die Zentren für Selbstbestimmtes Leben entwickelt. Dort
       beraten behinderte Menschen andere Menschen mit Behinderungen.
       
       taz: Und das Europäischen Netzwerk für Selbstbestimmtes Leben ENIL stellt
       dann die europäische Vertretung dieser Bewegung dar? 
       
       Sanden: Genau, viele Europäer*innen mit einer Behinderung waren bei den
       Anfängen der US-amerikanischen Bewegung dabei und gründeten 1989 das
       „European Network on Independent Living“, kurz ENIL, in Straßburg: Schweden
       hat als erstes europäisches Land 1994 ein Gesetz für das Recht auf
       persönliche Assistenz erlassen. Wir waren auch bei der Entstehung der
       UN-Behindertenrechtskonvention sehr stark eingebunden. Artikel 19, das
       Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, ist auf unsere Arbeit zurückzuführen.
       
       taz: [2][In Deutschland soll aktuell stark im Sozialwesen gekürzt werden.]
       Wie wirkt sich das auf das selbstbestimmte Leben behinderter Menschen in
       Deutschland aus? 
       
       Sanden: Es stehen beispielsweise Kürzungen beim Bundesteilhabegesetz zur
       Debatte. Aber auch bei der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung, in
       der behinderte Menschen andere Menschen mit Behinderungen beraten. Das ist
       sehr schade, weil das in Deutschland im europäischen Vergleich ein
       Aushängeschild ist. Die Zentren für Selbstbestimmtes Leben sind auch von
       Kürzungen bedroht. Hier gehen sehr gut organisierte Strukturen verloren.
       
       taz: Wie werden die Kürzungen gerechtfertigt? 
       
       Sanden: Es wird mit einer vermeintlichen Überversorgung und zu hohen Kosten
       argumentiert. In vielen Köpfen gibt es das Bild, Gleichberechtigung würde
       nur Kosten verursachen und der Wirtschaftskraft schaden. Die Ausgaben dafür
       könne man sich in der aktuellen wirtschaftlichen Situation nicht mehr
       leisten. Ähnliche Entwicklungen gibt es auch in anderen EU-Ländern. Wir
       fordern deshalb ein festes Budget für selbstbestimmtes Leben im Haushalt
       der Europäischen Union.
       
       taz: Sie sind in diesen Tagen in Brüssel und vernetzen sich mit anderen
       Aktivist*innen. Warum ist dieses Treffen für Sie bedeutsam? 
       
       Sanden: Das ist die einzige Veranstaltung dieser Art in Europa organisiert
       von behinderten Menschen selbst. Für behinderte Menschen ist es eine der
       wenigen Möglichkeiten, sich mit anderen behinderten Menschen aus ganz
       Europa auszutauschen und ihre Behinderungen offen zeigen zu können.
       Selbstvertreter*innen geben in Workshops ihr Wissen über inklusive
       Bildung, persönliche Assistenz und viele weitere Themen weiter. Für viele
       ist das eine enorme Erweiterung des Weltbildes und Empowerments. Und es
       geht darum, unsere politische Arbeit voranzubringen.
       
       taz: Am 1. Oktober findet zum Abschluss eine Demonstration zum
       Europaparlament statt. Dort gibt es dann eine öffentliche Anhörung und die
       Möglichkeit, selbst mit Europaabgeordneten zu sprechen. Wie politisch
       wirksam sind diese Gespräche? 
       
       Sanden: Für uns als kleine NGO ist das sehr wichtig, weil wir
       Entscheidungsträger*innen klarmachen können, dass wir eine
       Graswurzelbewegung sind. Viele haben noch nicht verstanden, dass unsere
       Forderungen auf tausende behinderte Menschen aus ganz Europa zurückgehen.
       Das haben wir uns nicht als Angestellte in einer NGO ausgedacht. Hinter uns
       stehen hunderttausende Menschen, die nicht mehr fremdbestimmt werden
       wollen. Das klarzumachen, hilft dabei, unsere Forderungen durchzusetzen.
       
       1 Oct 2026
       
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 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=OFS8SpwioZ4
 (DIR) [2] /Kuerzungen-bei-Menschen-mit-Behinderung/!6171785
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andrea Schöne
       
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