# taz.de -- Die Wahrheit: Das Gegenteil ist immer wahr
> Bald startet die Impfsaison: Ein Wahrheit-Besuch beim
> Allround-Verschwörer Stefan „Pro Polio“ Oppi.
(IMG) Bild: Verschwörern ein Dorn im Auge: Schluckimpfung anno 1962
Kürzlich schreckte die Ständige Impfkommission (Stiko) die bundesdeutsche
Öffentlichkeit auf: 30 bis 40 Prozent der Vorschulkinder hätten keinen
ausreichenden Polio-Impfschutz, seien also der Gefahr einer Kinderlähmung
ausgesetzt. Die Älteren von uns erinnern sich noch an die
Schluckimpfung-Kampagnen aus den Sechzigern und Siebzigern: „Zucker ist
süß, Kinderlähmung ist grausam“. Aber natürlich drohte die Polio-Meldung,
wie fast alles, im Mahlstrom der Nachrichten unterzugehen. Bis Stefan Oppi
mit seiner „Bürgerbewegung Pro Polio“ kam. „Pro Polio“? Für Kinderlähmung?
Wie irre kann man sein?
Ein wenig Recherche genügt, und der Name Oppi taucht an verschiedenen
Stellen auf. Etwa als Sprecher der „Initiative CO4“, die 2022 in Reaktion
auf die Klimaschutzpläne der Ampel für den massiven Ausstoß von
Kohlenstoffgasen aller Art warb. CO2 sei positiv und CO4 sogar doppelt so
gut.
Höchste Zeit für einen Besuch. Uns öffnet ein drahtiger 140-Kilo-Mann von
schätzungsweise Mitte 50. Die Kombination aus dem orange eingefärbten
Irokesen und dem Trachtenjanker fällt sofort ins Auge. „Herr Oppi – ist
ihre Bewegung ‚Pro Polio‘ nicht geschmacklos und zynisch? Sind Sie
ernsthaft dafür, dass Kinder an Kinderlähmung erkranken und lebenslang
beeinträchtigt sind?“, fragen wir.
„Der Name soll Schlafschaf-Medien wie Ihres provozieren“, antwortet Oppi
unverzüglich. „Denn eine solche Krankheit gibt es gar nicht. Es handelt
sich nachweislich um bedauerliche Erbschäden oder um vertuschte Fehler in
staatlichen Kreißsälen, die dann auf eine erfundene Krankheit geschoben
werden.“
## Vorhersagen von Hobbyärzten
Damit ist der Ton gesetzt. Wir versuchen einen Einwand: „Aber die Stiko …“
Doch die ist offenbar ein rotes Tuch für den gemütlich wirkenden
Choleriker: „Die haben uns doch die Coronaimpfungen eingeredet! Und damit
90 Prozent der Bevölkerung ermordet!“ Bitte wie? „Na klar! Es soll
systematisch vertuscht werden – aber wir sind nur noch acht Millionen. Der
Rest ist an der Impfung verreckt – genau wie unabhängige Hobbyärzte damals
vorhergesagt haben. Oder was glauben Sie, woher der Fachkräftemangel kommt?
Warum Restaurants und Läden ihre Öffnungszeiten reduzieren müssen? Warum
die Renten gekürzt werden? Warum so viele Ukrainer kommen?“
Uns schwirrt schon jetzt der Kopf. Kommen die Ukrainer nicht wegen des
Krieges? „Hä, welcher Krieg denn? Das sind doch alles gefälschte Bilder.“
Hat er dafür irgendwelche Belege? „Brauch ich nicht! Die Regierung sagt, in
der Ukraine sei Krieg – also ist da keiner. Naturgesetz. Die Regierung lügt
immer. Also ist das Gegenteil immer wahr. Und das Gegenteil davon auch.“
Auf Oppis Lippen bildet sich ein leichter Schaumfilm, den seine Frau
liebevoll-routiniert entfernt. Sie hat sich vorgestellt als Gaby Schmitz.
Wir versuchen zur Auflockerung ein wenig Smalltalk: Woher die
unterschiedlichen Namen? Und hat er italienische Vorfahren? Unser Gastgeber
lächelt gegen seinen Willen etwas wehmütig.
Mit 16 sei er den Jusos beigetreten – und da wurde „Oppi“ schnell sein
Spitzname. Weil er immer in Opposition war. Er habe die Führung permanent
attackiert, und zwar von links und rechts gleichzeitig. Und sei deshalb
schon mit 17 wieder ausgeschlossen worden.
„Ich kann einfach nicht anders“, sagt Oppi und sieht dabei fast traurig
aus. Aber dann ballt er wieder die Faust: „Eine Regierung, die meine
Forderungen umsetzt, würde ich sofort bekämpfen.“ Wieder der Schaum. Das
Taschentuch noch in der Hand, versucht Frau Schmitz, ein wenig gut Wetter
zu machen.
„Manchmal müssen auch Kompromisse gefunden werden. So sind manche unserer
Mitglieder aus Opposition zur Papstkirche pro Kopernikus. Auch wegen
gewisser Indizien. Andere lehnen diese Mainstream-Wissenschaft ab. Deshalb
ist unser Modell der Erde jetzt das einer Halbkugel: eine Hälfte flach, die
andere rund.“
Ihr Mann übernimmt wieder: „Mein Juso-Spitzname wurde irgendwann mein
offizieller Künstlername. Mit Eintrag im Ausweis. Ursprünglich hieß ich
Stefan Schmitz.“ Fangfrage: Für diese Umbenennung habe er doch ein Amt des
von ihm verachteten Staates aufsuchen müssen. Mit einem fast teuflischen
Grinsen erwidert er: „Und seitdem kann ich den Staat jederzeit der Lüge
überführen. Schwarz auf weiß. Ich muss nur meine Geburtsurkunde zeigen –
und dann den Ausweis mit dem von der Regierung verfälschten Namen
danebenhalten.“
Das drückende Schweigen dauert nicht lange. „Unter anderem bin ich
Queerulant: Es gibt nur zwei Geschlechter und keine homosexuellen
Beziehungen.“ Wir schauen demonstrativ bedeutungsvoll und investigativ auf
die beiden Starschnitt-Poster, deren Glow die Tür des alten Küchenschranks
leuchten lässt: Sahra Wagenknecht und … Alice Weidel. Aber unser beredtes,
anklagendes Schweigen bleibt leider unbemerkt.
Wir haben genug gehört. Als wir aufstehen, hält Oppi uns eine Keksdose vor
die Nase. „Bitte eine Spende für die Bewegung.“ Wobei das „Bitte“ nicht
recht passen mag zu seinem drohenden Gesicht und dem Knurren der beiden
Dobermänner „Pro“ und „Kontra“. Wofür genau das Geld sei? Oppi plustert
sich ein letztes Mal auf: „Ich parke grundsätzlich im Halteverbot. Dafür
nehme ich auch längere Fußwege in Kauf. Aber was glauben Sie, was so eine
konsequente Dagegen-Haltung kostet?“
## Viele Märtyrer in letzter Zeit
Eine letzte Frage noch: Wie viele Mitglieder hat die Oppositionsbewegung
der Familie Schmitz-Oppi eigentlich? Ein flackernder Blick zur Seite, dann
ein trotzig-kleinlautes Auftrumpfen: „Wir haben sehr viele Märtyrer, gerade
in letzter Zeit.“ Uns fröstelt erstmals so richtig. Was für Märtyrer? „Wir
missachten Reisewarnungen der Regierung grundsätzlich.“ Oppis Stimme bricht
fast, als er hinzufügt: „So viele sind nicht wiedergekommen.“ Dann schließt
sich die Tür.
Erst jetzt fällt uns der Spion darin auf – und das Klebeband, mit dem er
unbrauchbar gemacht worden ist. Er bekämpft sogar seine eigenen
Schutzvorrichtungen. Ein wenig widerwilligen Respekt angesichts so
konsequenter Blödheit nehmen wir dann doch mit zurück in die Welt jenseits
der Stefan-Oppi-Grenzanlagen. Und in einem Anfall von Bockigkeit stecken
wir das gebührenpflichtige Ausreisevisum, das er uns ausgestellt hat,
entgegen seinen Anweisungen nicht in die Box links, sondern in die rechte.
Hat Oppi uns etwa schon angesteckt?
30 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Oliver Domzalski
## TAGS
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