# taz.de -- Die Wahrheit: So ein niedlicher Kleiner
       
       > Die aktuelle Wahrheit-Filmkritik: Der furiose Reißer „Aus dem Weg! Der
       > letzte E-Roller“ jetzt im Kino.
       
 (IMG) Bild: Mit plüschigem Schutz auf dem Scooter
       
       Als der kleine E-Roller in einer langen, traurig-schönen Anfangssequenz
       einsam durch eine menschenleere Welt kurvt, denkt wohl jeder, er sei in
       einem Remake des Pixar-Klassikers „WALL·E: Der Letzte räumt die Erde auf“
       gelandet. Aber dem ist nicht so – und die Macher dieser modernen
       Technik-Saga haben zum Glück der Versuchung widerstanden, ihr Werk
       umsatzfördernd „ROLL·E“ zu nennen. Gemeinsam haben die beiden Filme
       lediglich den dystopischen Blick in eine Welt, die wir Menschen zuerst
       zugrunde gerichtet und dann verlassen haben. Doch „Aus dem Weg!“ ist
       weitaus düsterer als die Liebesgeschichte der beiden knuffigen Müll-Roboter
       WALL·E und EVE.
       
       Aber Moment mal: Der Roller kurvt allein durch die Stadt? Wer fährt ihn
       denn? Da sind wir bereits mitten im Drama: Der selbstfahrende E-Roller ist
       da. Aber wie kam es dazu?
       
       In kurzen Rückblenden wird erzählt, wie die Menschen sich mit den
       neuartigen Gefährten zu arrangieren versuchten: Rüstige Senioren, die im
       Weg stehende Mietroller vor Wut umwerfen, ins Gebüsch oder ins nächste
       Gewässer schmeißen. Nachbarn, die unbekümmerte Kids bitten, sich einmal
       vorzustellen, es würden fünf weitere Roller auf dieselbe Art abgestellt –
       und dann müsse ihre Oma mit dem Rollator dort durch.
       
       Behörden, die Abstellzonen an Bahnhöfen markieren. Sportfunktionäre, die
       jungen Menschen das „Laufen“ nahelegen. Städte, die die Roller verbieten.
       Bürger, die mit buddhistischer Gelassenheit jeden störenden Roller von der
       Mitte des Gehsteigs an den Rand heben – „und zwar auch das Hinterrad,
       verdammte Hacke!“ Krankenkassen, die fordern, die Behandlung von
       E-Roller-Fahrern ohne Helm nicht mehr bezahlen zu müssen. Idioten, die den
       Roller quer vor der Treppe zum Bahnsteig abstellen, weil sie noch die Bahn
       kriegen wollen. All das kennen wir.
       
       ## Wachsende Wut
       
       Neu für uns Zuschauer ist der selbstfahrende, geländegängige und
       treppensteigende E-Roller. Man kann ihn sich vor die eigene Haustür ordern.
       Wen er auf dem Weg dorthin nervt und gefährdet, kriegt man ja nicht mit.
       Aber die Wut auf die Dinger wächst dermaßen, dass jetzt fast alle Kommunen
       sich gezwungen sehen, Verbote zu erlassen. Und hier könnte eine mittelmäßig
       spannende kleine Geschichte zu Ende sein. Käme da nicht der Twist mit der
       nordkoreanischen KI.
       
       Ob sie ausgebrochen ist oder mutwillig freigesetzt wurde, bleibt im Film
       offen. Tatsache ist, dass plötzlich eine ungezügelte, dezentral
       organisierte Massenvermehrung selbstfahrender Roller einsetzt. Millionen
       von leise und bedrohlich brummenden Gefährten tauchen überall auf wie eine
       biblische Plage.
       
       Die KI bedient sich auf der ganzen Welt diverser Materialien, weshalb die
       Produktion lebenswichtiger Güter ins Stocken gerät. Als die Behörden
       beginnen, die Roller einzusammeln, schließen diese sich zu Barrikaden
       zusammen und gehen dann zu gezielten Attacken auf Menschen über. Sehr bald
       schon verlässt ein Großteil der Menschheit nicht mehr das Haus, weil es
       draußen zu gefährlich ist.
       
       ## Dauerhaft im Dunkeln
       
       Das Militär versucht, der Invasion Herr zu werden, indem es Roller mit
       gewaltigen Flammenwerfern großflächig einschmilzt, aber es kommen täglich
       Hunderttausende neue aus verborgenen Werken. Die Stadt London versucht,
       durch ein gigantisches Dach über der City die solargetriebenen Roller von
       der Stromversorgung abzuschneiden. Das gelingt zwar – aber niemand will
       dauerhaft im Dunkeln leben.
       
       Die E-Volution der Roller macht sie immer aggressiver, so dass der
       verbliebene Rest der Menschheit die Erde schließlich aufgibt und sich mit
       Raumschiffen davonmacht. Und plötzlich … fehlt den angriffslustigen
       Fahrzeugen das Ziel. Also gehen sie aufeinander los. Die Kampfszenen der
       Roller gehören zum Eindrucksvollsten, das die Tricktechnik bis jetzt
       vermocht hat. Allein sie lohnen den Gang ins Kino. „Transformers“ sind
       Kuscheltiere dagegen.
       
       Und am Ende bleibt nur dieser eine kleine Roller übrig. Eben noch der
       Inbegriff des Schreckens – und plötzlich wieder niedlich und
       mitleiderregend. Tagtäglich geht er tapfer seiner Mission nach: Er fährt
       über die Fußwege und stellt sich quer. Er platziert sich vor den Türen von
       Senioreneinrichtungen. Er legt sich fast unsichtbar vor Kellertreppen. Er
       blockiert den Zugang zu Bushaltestellen. Und niemand ist mehr da, der sich
       aufregt. Was für eine traurige Existenz.
       
       Wir empfehlen den Film für Kinder ab 12. Spannende Unterhaltung, die
       zugleich nachdenklich macht.
       
       25 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Oliver Domzalski
       
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