# taz.de -- Vor Parlamentswahl in Serbien: Ein Rücktritt aus Kalkül
       
       > Vučić bleibt auch nach seinem Rücktritt als Staatspräsident der
       > mächtigste Mann Serbiens. Für die anstehenden Wahlen geriert er sich als
       > normaler Bürger.
       
 (IMG) Bild: Aleksandar Vučić immer in Siegerlaune auch kurz vor seinem Rücktritt als Präsident, um als Miniserpräsident zu kandidieren
       
       Aleksandar Vučić [1][ist als Staatspräsident Serbiens zurückgetreten],
       bleibt aber der absolute Machthaber des Landes. Seit fast einem Jahrzehnt
       ist er entgegen der Verfassung quasi Regierungs- und Polizeichef,
       Staatsanwalt und Richter, Chefredakteur gleichgeschalteter Medien, Boss
       krimineller Schlägertrupps, Weihnachtsmann für Verarmte … in einem Wort:
       Volksführer.
       
       Im Machtsystem der regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS) ändert
       sich mit seinem formalen Rücktritt vom höchsten Staatsamt gar nichts. Denn
       ebenso wie Vučić kein normaler Staatspräsident war, ist auch Serbien
       [2][kein normaler europäischer Staat]. Es ist eine nach seinem Maß
       geschnittene Autokratie, in der die von der Partei des Autokraten besetzten
       staatlichen Institutionen in seinem statt im Interesse der Bürger handeln.
       
       Obwohl Vučić auch informell die Fäden in Serbien ziehen könnte, braucht er
       auch eine formale Führerposition. Zum einen, um sich auf dem
       internationalen diplomatischen Parkett bewegen zu können, und zum anderen,
       weil ihm das auf die Dauer gefährlich werden könnte. Und nicht zuletzt,
       weil er mediensüchtig ist.
       
       Sein zweites Präsidentenmandat wäre im Mai 2027 ohnehin abgelaufen, und ein
       drittes Mal darf er nicht kandidieren. Und so hat er längst die Funktion
       des Regierungschefs angepeilt. Die Wahlkampagne der SNS für die
       [3][vorgezogenen Parlamentswahlen am 25. Oktober] führte er bisher aus der
       Machtposition des Staatspräsidenten.
       
       Doch seine Popularitätswerte sind nicht gerade zufriedenstellend. Zu viele
       serbische Wähler haben seine Dreistigkeit und Überheblichkeit satt. Nun
       will er versuchen, die Stimmung zu kippen, indem er als ein einfacher
       Mensch, als einer von uns, in seinem alten, klapprigen Skoda durch Serbien
       zieht, ohne den (sichtbaren) Prunk des Präsidenten.
       
       Vučić bezieht jetzt keine einzige Funktion mehr, er ist formell nicht
       einmal Parteichef der SNS. Sollte es nun wie im Vorjahr [4][während der
       Studentenproteste] zu Gewalt, Krawallen, Polizeibrutalität und
       Massenverhaftungen kommen, wird er seine Hände im In- und Ausland in
       Unschuld waschen können.
       
       28 Sep 2026
       
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