# taz.de -- Nigerias Präsident schwänzt die UNO: Regieren „per Fernbedienung“ – geht das?
       
       > Nigerias Präsident Bola Tinubu soll eigentlich Wahlkampf machen und bei
       > der UNO sprechen. Stattdessen macht er ausgiebig Urlaub in Frankreich.
       
 (IMG) Bild: Ist gern mal weg: Nigerias Präsident Bola Tinubu, hier auf einem Wirtschaftsgipfel in Ruanda, 14. Mai
       
       Nigerias Präsident [1][Bola Tinubu] will Anfang 2027 wiedergewählt werden.
       Aber seit dem 30. August macht er Urlaub, zuerst in Großbritannien und dann
       in Frankreich, und er ist von dort nicht wie erwartet zur
       UN-Vollversammlung nach New York gereist. An diesem Sonntag sollte der
       74-jährige die Heimreise antreten, gab das Präsidialamt vergangene Woche
       bekannt – am Sonntag berichteten nigerianische Medien, der Termin sei
       verschoben.
       
       Die Erklärung über die bevorstehende Heimreise sei „enttäuschend und eine
       Frechheit“, reagiert die größte Oppositionspartei PDP (Peoples Democratic
       Party). „Enttäuschend“ sei das Statement, „weil kein vernünftiger
       Sorgeberechtigter in Urlaub fährt, während sein Haus in Flammen steht“,
       sagte PDP-Sprecher Ini Ememobong. „Der Präsident und das Präsidialamt
       scheinen zu suggerieren, dass der Präsident – ein Diener des Volkes – frei
       entscheidet, welche Aufgaben er wahrnimmt und von wo aus. Es gibt keine
       größere Beleidigung seines Amtes. Wenn der Präsident nicht in Nigeria ist
       und die Probleme des Landes nicht löst, sollte er bei der
       UN-Generalversammlung internationale Unterstützung für das Land suchen,
       aber stattdessen hängt er herum und vergnügt sich in einem Land, dessen
       Präsident zur UN-Generalversammlung gereist ist.“ Frankreichs Präsident
       Emmanuel Macron nahm an der UN-Vollversammlung in New York teil.
       
       Das Präsidialamt nennt den nunmehr vier Wochen währenden Urlaub des
       Präsidenten einen „Diensturlaub“, während dessen Dauer er „beständig mit
       der Heimat in Kontakt ist und die Staatsgeschäfte regelt“. Dazu gehöre die
       Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission, um den Tod von 37
       Bergleuten in Gewahrsam der Sicherheitsbehörden nach ihrer Festnahme wegen
       angeblich illegalen Schürfens in Minna aufzuklären.
       
       Die scharfe Reaktion der Opposition greift die öffentliche Sorge auf, dass
       Nigeria in ein Machtvakuum gerutscht sein könnte. Präsident Tinubu hatte
       für die Zeit seines Urlaubs wie üblich die Amtsgeschäfte an Vizepräsident
       [2][Kashim Shettima] übergeben. Aber in dieser Funktion reiste Shettima am
       vergangenen Sonntag nach New York, um in Abwesenheit Tinubus Nigeria bei
       der UN-Generalversammlung zu vertreten, und ist somit auch nicht in
       Nigeria. Ebenfalls im Ausland befindet sich Senatspräsident Godswill
       Akpabio, der laut Verfassung die Amtsgeschäfte übernimmt, wenn Präsident
       und Vizepräsident beide wegen Tod, Rücktritt, Amtsenthebung oder
       Amtsunfähigkeit verhindert sind. Akpabio reiste vergangene Woche nach Rom,
       um für Nigeria zu beten.
       
       ## „Nigeria nicht per Fotos aus dem Élysée-Palast regieren“
       
       Wer Nigeria regiert, wenn der Präsident, sein Stellvertreter sowie der
       Senatspräsident alle gleichzeitig im Ausland weilen, ist manchen
       Nigerianern nicht klar. Tinubus Büro verweist auf den Sekretär der
       Bundesregierung, Senator George Akume, der den Präsidenten bei einigen
       Feierlichkeiten vertritt. Bei der Regierungspartei APC (All Progressives
       Congress) führt Wahlkampfleiter Senator Abubakar Yari die Geschäfte. Aber
       das sind keine rechtlich abgesicherten Lösungen.
       
       [3][Atiku Abubakar], Nigerias erster Vizepräsident bei der Demokratisierung
       1999 und seitdem mehrfach gescheiterter Präsidentschaftskandidat, findet
       diesen Zustand unbefriedigend. „Nigeria kann nicht mit Mutmaßungen regiert
       werden. Man kann Nigeria nicht per Social Media aus Europa oder Fotos von
       privaten Diners aus dem Élysée-Palast regieren“, sagte er.
       
       Politikexperte Auta Ibrahim in Nigerias Hauptstadt Abuja sagt, die Sorge
       sei berechtigt. Nigeria sei durch eine vergangene Instabilität
       traumatisiert, sagt er und verweist auf die lang anhaltende Erkrankung von
       Präsident [4][Umaru Yar’Adua] vor dessen Tod im Amt 2010 und später die
       ständigen langen gesundheitsbedingten Abwesenheiten von Präsident
       [5][Muhammadu Buhari] (2015–2023), dem Vorgänger Tinubus. In diesen beiden
       Fällen habe man sich immer auf die jeweiligen Vizepräsidenten verlassen
       können, sagt Ibrahim. Nun sei das erstmals anders.
       
       „Die gleichzeitige Dreifachabwesenheit von Präsident, Vizepräsident und
       Senatspräsident katapultiert die Sorge in ungeahnte Höhen“, so Ibrahim.
       Nigeria mit seinen aktuellen großen Wirtschafts- und Sicherheitsproblemen
       eigne sich nicht für Regieren „per Fernbedienung“.
       
       Die Verfassung sieht in Artikeln 145 und 146 vor, dass der Staatspräsident
       Urlaub oder sonstige Nichtverfügbarkeit schriftlich bei den Präsidenten
       beider Parlamentskammern anmeldet, womit seine Befugnisse auf den
       Vizepräsidenten übergehen. Was in Ermangelung einer solchen schriftlichen
       Anmeldung gilt oder bei weiteren Komplikationen, wie sie jetzt aufgetreten
       sind, ist nicht festgelegt, und so gibt es immer kontroverse Debatten
       darüber, ob ein Präsident auf Reisen seine Amtsgeschäfte ausübt oder nicht.
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Bola_Tinubu
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Kashim_Shettima
 (DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/Atiku_Abubakar
 (DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Umaru_Musa_Yar'Adua
 (DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Muhammadu_Buhari
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Emeka Okonkwo
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Nigeria
 (DIR) Bola Tinubu
 (DIR) UN-Vollversammlung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ölkonzern unter Druck: Shell verseucht das Nigerdelta
       
       Seit Jahren machen Umweltorganisationen dem Ölriesen schwere Vorwürfe für
       Ölunfälle in Nigeria. Ein neuer Bericht zeigt ein neues Ausmaß der
       Vergehen.
       
 (DIR) Islamistischer Terror in Nigeria: Nigerias Armee beendet Massengeiselnahme von Kindern
       
       Mitte Mai hat die islamistische Terrorgruppe Boko Haram in drei Schulen
       weit weg von ihrem Kerngebiet zugeschlagen. Nun greift Nigerias Armee
       erfolgreich ein.
       
 (DIR) Vorwahlkampf in Nigeria: Ein Land im Griff der „Generation Gestern“
       
       Nigerias Wahlen 2027 rücken näher. Alle Favoriten für das Präsidentenamt
       sind im Rentenalter, aber die Bevölkerung ist mehrheitlich jung.