# taz.de -- Vorwahlkampf in Nigeria: Ein Land im Griff der „Generation Gestern“
> Nigerias Wahlen 2027 rücken näher. Alle Favoriten für das Präsidentenamt
> sind im Rentenalter, aber die Bevölkerung ist mehrheitlich jung.
(IMG) Bild: Mohammed Hayatu-Deen, nigerianischer Präsidentschaftskandidat, im Wahlkampf
In diesen Wochen entscheidet sich Nigerias politische Zukunft. Mehrere
Oppositionsparteien sind dabei, zu klären, wer bei den nächsten
Präsidentschaftswahlen im Januar 2027 gegen Amtsinhaber [1][Bola Tinubu]
antreten darf.
Der 74-jährige Tinubu, der 2023 für den regierenden APC (All Progressives
Congress) gewählt wurde, plant eine Kandidatur zu einer zweiten und letzten
vierjährigen Amtszeit. Aber die mangelnden Fortschritte im Kampf gegen
[2][islamistische Rebellen], die seit zwanzig Jahren die muslimisch
dominierte Nordhälfte Nigerias verwüsten und mittlerweile Tausende Menschen
gegen Lösegeld entführt haben, trüben seine Bilanz.
Zu den Entführungsopfern gehören Schulkinder, christliche Pastoren sowie
Soldaten. Für diese sowie Personen mit Verbindungen zu Ministerien und dem
Staat zahlt die Regierung Lösegeld – was der Kritik Vorschub leistet, dass
die Regierung Tinubu die islamistischen Terrorgruppen gleichzeitig bekämpft
und finanziert.
Ende 2025 und erneut in diesem Jahr [3][griff die US-Luftwaffe in Nigeria
ein], um mutmaßliche islamistische Stützpunkte zu bombardieren. Für Tinubu
ist das eine Erniedrigung, denn eigentlich hat Nigeria den größten
Militärhaushalt in ganz Afrika südlich der Sahara, aktuell rund 5
Milliarden US-Dollar.
## Tinubus Hauptgegner hat schon sechs Wahlen verloren
Bei den [4][Wahlen 2023] hatte Tinubu die absolute Mehrheit des APC bereits
eingebüßt, er regiert in einer Koalition. Die APC errang nur 176 der 360
Sitze im Unterhaus des Parlaments, und bei der Präsidentschaftswahl siegte
Tinubu mit nur 36,6 Prozent. Die oppositionelle PDP (People’s Democratic
Party), die Nigeria nach Ende der Militärherrschaft 1999 bis 2015 regiert
hatte, kam mit ihrem Präsidentschaftskandidaten [5][Atiku Abubakar] auf
29,1 Prozent.
Abubakar will 2027 ein siebtes Mal antreten – diesmal als Kandidat der
oppositionellen ADC (African Democratic Congress). Die Kleinpartei unter
Führung des ersten Präsidenten Nigerias nach der Demokratisierung,
[6][Olusegun Obasanjo], bastelte ursprünglich an einem Wahlbündnis zwischen
Abubakar und dem Überraschungsdritten der Wahlen von 2023, [7][Peter Obi]
von der linken LP (Labour Party), um Tinubu an der Wahlurne zu besiegen.
Aber Abubakar wird im November 80, und ihn in einem Land mit einem
Durchschnittsalter von 18 nach lauter Wahlniederlagen erneut als
Hauptoppositionskandidaten aufzustellen, stieß auf Widerwillen. Peter Obi
zog sich Anfang Mai aus dem ADC zurück und will nun doch selbst antreten,
für die ADC-Abspaltung NDC (Nigeria Democratic Congress) auf einem
gemeinsamen Ticket mit dem Viertplatzierten der Wahlen von 2023, [8][Rabiu
Kwankwaso]. Sie sind jeweils 64 und 69 und damit jünger als der amtierende
Präsident, nicht älter wie Abubakar, und sie vertreten unterschiedliche
Regionen.
Die Spaltung der Opposition könnte Tinubu helfen, als Erstplatzierter aus
den Wahlen hervorzugehen und damit wiedergewählt zu werden. Es könnte aber
auch insgesamt die Opposition stärker werden und Tinubu in eine erneute
Koalition zwingen.
## Schwieriger Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen
Koalitionen in Nigeria sind notorisch instabil, weil sie einerseits einen
Machtausgleich zwischen Politikern darstellen, andererseits aber einen
Ausgleich zwischen Bevölkerungsgruppen widerspiegeln sollen. Nigeria mit
rund 240 Millionen Einwohnern ist gespalten zwischen Muslimen und Christen,
Letztere sind wiederum in Katholiken und Protestanten gespalten. Quer zu
dieser Spaltung prägt die Aufteilung der Bevölkerung in Sprachen und
Ethnien das Land.
Die vier großen Sprachgruppen Yoruba, Hausa, Fulani und Igbo beanspruchen
alle eine Stimme in der Staatsführung – wenn nicht, regen sich
separatistische Tendenzen wie im blutigen Bürgerkrieg von 1967 bis 1970,
als Igbo-Generäle den eigenen Staat [9][Biafra] gründeten, der mit Krieg
und Aushungern niedergekämpft wurde – bis heute ein Trauma. Im Südosten des
Landes nimmt aktuell die Unterstützung für ein „Biafra zwei“ wieder zu, je
mehr unter der jungen Generation die Erinnerung an den Krieg verblasst.
Nigeria wird eine kluge Führung brauchen, um den Zusammenhalt zu wahren.
Unter Präsident Tinubu hat das Land aber nicht nur eine Zunahme von Gewalt
erlebt, sondern es verschlechtern sich auch die Lebensbedingungen der
Bevölkerung insgesamt.
Die Treibstoffpreise haben sich nach der Beendigung eines
Subventionssystems zweimal verdoppelt, was zu Unruhen geführt hat. Mangels
verarbeitender Industrie werden fast alle Konsumgüter importiert, und die
gestiegenen Transportpreise zusammen mit einem Verfall der Landeswährung
haben eine Inflationsspirale in Gang gesetzt, die weite Bevölkerungsteile
in Verschuldung und Armut gestürzt hat. Sogar Grundnahrungsmittel sind für
viele Menschen kaum noch erschwinglich.
## Ein junger Geschäftsmann mit Ronald Reagan als Vorbild
Der sich abzeichnende Wahlkampf zwischen Tinubu, Abubakar, Obi und
Kwankwaso wird vor diesem Hintergrund oft als „Kampf der Gestrigen“ (Battle
of the Has-Beens) bezeichnet. Sie alle sind im Rentenalter und machen seit
Jahrzehnten Politik. Derweil wird das Leben auf der Straße immer
schwieriger und die Kriege nehmen kein Ende.
[10][Bei den Wahlen 2023 galt Peter Obi als frische Kraft], die die
verkrustete Politik aufbrechen könnte, und erhielt immerhin 25,4 Prozent
der Stimmen. Vor den Wahlen 2027 macht nun als neue Stimme [11][Mohammed
Hayatu-Deen] von sich reden – ein Geschäftsmann, dem die zwei größten
Shoppingmalls in Nigeria gehören und der jetzt Abubakar um die
Spitzenkandidatur beim ADC herausfordert.
Der an der US-Universität Harvard ausgebildete 72-Jährige zitiert gern den
ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan mit seinem Satz, die Regierung sei
das Problem und nicht die Lösung. Terror, Geiselnahmen, Banditentum und
Kriminalität will er mit Schnellgerichten ausmerzen und sieht Nigerias
Sicherheitsprobleme ansonsten in erster Linie als ökonomisches Problem, dem
man nicht nur militärisch beikommen kann. Damit zielt er auf die Jugend.
„Es gibt keinen Plan für die junge Bevölkerung“, sagt er. „Und wenn wir
jetzt zu wenige Arbeitsplätze haben, wie wird es in zehn oder zwanzig
Jahren aussehen?“ Er verweist darauf, dass viele Nigerianer erfolgreiche
Unternehmer in Großbritannien oder den USA geworden sind, aber in der
Heimat gelingt ihnen das nicht. „Warum? Weil unsere Bürokratie
Unternehmertum knebelt.“
Im Kontrast zu den „Gestrigen“ könnten sich viele Nigerianer für ein
frisches Gesicht erwärmen. Aber auch Hayatu-Deen ist nicht jung, er ist
höchstens relativ neu in der Politik und bringt Erfahrungen aus dem
wirklichen Leben ein.
Doch der Respekt vor dem Alter ist in Nigeria nach wie wichtig, und dass
Atiku Abubakar nun zum siebten Mal Präsident werden will und nicht
lockerlässt, bringt ihm auch Anerkennung ein. Obi und Kwankwaso wiederum
haben eine starke Basis in ihren jeweiligen Heimatregionen, aber noch keine
Botschaft für das ganze Land. Und Präsident Tinubu hat einen Heimvorteil,
denn ihm stehen die Ressourcen des Staates zur Verfügung.
18 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Bola_Tinubu
(DIR) [2] /Terroranschlaege-in-Nigeria/!6163378
(DIR) [3] /US-Angriffe-auf-Ziele-in-Nigeria/!6141384
(DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/2023_Nigerian_general_election
(DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Atiku_Abubakar
(DIR) [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Olusegun_Obasanjo
(DIR) [7] https://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Obi
(DIR) [8] https://en.wikipedia.org/wiki/Rabiu_Kwankwaso
(DIR) [9] https://en.wikipedia.org/wiki/Biafra
(DIR) [10] /Praesidentschaftswahlen-in-Nigeria/!5915985
(DIR) [11] https://www.thecable.ng/who-is-mohammed-hayatu-deen/
## AUTOREN
(DIR) Okoro Chinedu
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