# taz.de -- Anerkennung in der Wissenschaft: Wem Ehre gebührt
> Die Nobelpreise rücken Forschende ins Rampenlicht. Aber wer erlangt
> eigentlich Anerkennung für seine Entdeckungen – und wer nicht?
(IMG) Bild: Lise Meitner, 50-mal nommiert, nie ausgezeichnet für ihre Leistungen in der Kernphysik
Die Nobelpreise in Chemie, Physik und Medizin gehen an Forscher, die das
Unsichtbare sichtbar machen. Physiker Francis Halten arbeitet mit Neutrinos
aus dem All, sogenannte [1][Geisterteilchen, die er einfängt] und sichtbar
macht.
Den [2][Nobelpreis für Medizin] bekommen Peter Hegemann, Georg Nagel und
Karl Deisseroth für ihre Arbeit auf dem Feld der Optogenetik. Sie machen
Nervenzellen steuer- und sichtbar: Lichtempfindliche Proteine werden zum
Beispiel in Hirnzellen eingebaut, um zu erkennen, welche Zellen für
Erinnerungen, Gefühle und Verhaltensweisen zuständig sind. Und die
[3][Chemiker Henri Kagan und Kenso Soai] finden eine Erklärung zu den
undurchsichtigen Prozessen, wegen derer alle Moleküle des Lebens dem
gleichen Bauplan folgen und nicht ihrem Spiegelbild.
Sehen hilft Verstehen, so ist das in der Forschung wie in der Gesellschaft.
Wir müssen unsere Blicke auf etwas richten, aufmerksam gemacht werden auf
die Dinge, auf die es ankommt. So sind auch die Nobelpreise in Physik,
Chemie und Medizin dafür gedacht, die großen Fragen der Zeit zu beleuchten
– und die Menschen zu würdigen, die ihnen auf den Grund gehen. So ist es
jedenfalls gedacht.
## Grundlagenforschung mit Aussicht auf Anwendung
Die großen Fragen, das waren zuletzt vor allem Fragen aus der
Quantenphysik, dem Zusammenspiel von Erbgut und Immunsystem und
maßgeschneiderte Moleküle. Drei Themen mit einem gemeinsamen Nenner: Es
geht um Grundlagenforschung mit Aussicht auf Anwendungen, die unser Leben
deutlich besser machen können. Doch wer verdient dieses Rampenlicht? Wer
erhält die angemessene Wertschätzung? Und wer macht die Forschung für uns
sichtbar?
Wer den Nobelpreis gewinnt, schreibt Geschichte, die sonst schnell
vergessen würde. Er bringt öffentliche Sichtbarkeit und Geld, die
insbesondere die Grundlagenforschung braucht, denn sie lebt von
Fördermitteln. Die zahlen sich immer wieder aus. Beruhend auf der
Grundlagenforschung entstehen Erfindungen, die schließlich auf einen Markt
gebracht werden können.
Albert Einstein, Max Planck, Robert Koch: Viele Forschende sind dank ihres
Nobelpreises weltberühmt geworden. Andere Preisträger traten für ihre
Erfindungen in den Hintergrund. Frederick Banting und John Macleod für
Insulin, Fritz Haber für Kunstdünger, Jack Kilby für Mikrochips.
Und viele Forschende, vor allem Frauen, gingen ohne jede Anerkennung aus,
weil stattdessen ihre Kollegen den Vorzug bekamen. [4][Lise Meitner],
Mitentdeckerin der Kernspaltung, wurde fast 50-mal für den Nobelpreis
nominiert – und ging immer leer aus. [5][Rosalind Franklin], ohne deren
Röntgenaufnahmen die Entdeckung der DNS-Doppelhelix kaum möglich gewesen
wäre, starb wenige Jahre, bevor ihre Forschung ausgezeichnet wurde.
## Statistisch gesehen gewinnt ein Mann
Wer die besten Chancen auf einen Nobelpreis hat, ist statistisch gesehen
keine große Überraschung. Man sollte am besten ein Mann, Ende 50, weiß und
aus den USA sein. Auch 2026 geht es so weiter: Medizin-, Physik- und
Chemiepreis gingen an 6 Männer. Zwischen 1901 und 2025 gingen von 995
Auszeichnungen gerade einmal 68 an Frauen.
Dass sich dieser Trend dreht, ist nicht in Sicht. Das liegt einerseits am
Zeitverzug. Weil Preise oft erst Jahrzehnte nach einer Entdeckung vergeben
werden, spiegeln sie auch die Geschlechterverteilung in den Laboren von
damals. Der Lithium-Ionen-Akku entstand in den 1980ern, die blaue LED in
den 1990ern, die Preise kamen 2019 und 2014. Auch die Optogenetik wird erst
jetzt geehrt, gut zwei Jahrzehnte nach den ersten Arbeiten.
Zum anderen ist eine Spitzenposition für eine Würdigung hilfreich. In
Deutschland ist [6][nicht einmal jede dritte Professur mit einer Frau
besetzt,] in Mathematik und Naturwissenschaften jede vierte, in der Physik
nur etwa jede siebte. Schließlich hat die Fachwelt selbst nicht die gesamte
Welt im Blick. Forschende aus einkommensschwächeren Ländern werden viel
seltener als ErstautorInnen genannt. Rund 4 von 5 PreisträgerInnen stammen
aus Europa oder Nordamerika, dort, wo am meisten Geld in die Forschung
fließt.
Auch persönliche Kontakte helfen. Viele NobelpreisträgerInnen haben
miteinander zu tun, weil sie verwandt oder verschwägert sind oder weil sie
MentorInnen hatten, die selbst ausgezeichnet wurden. So ein wieder und
wieder ausgezeichnetes Netzwerk brachte, ausgehend vom Physiker John W.
Strutt, über Generationen hinweg mehr als 200 NobelpreisträgerInnen hervor.
Nur wer nominiert wird, kann den Preis überhaupt gewinnen. Es ist nur
logisch, dass frühere PreisträgerInnen den eigenen Nachwuchs oder
KollegInnen aus der Forschung vorschlagen.
## Wer kommt auf die Liste?
Wie genau ein Name auf die Liste der Nominierungen kommt, bleibt
jahrzehntelang unter Verschluss. Bekannt ist nur der Ablauf bis zur
Vergabe. Ein Komitee schickt in einem rotierenden Verfahren Einladungen an
ausgewählte Universitäten. Daraus entstehen einige Hundert Vorschläge, die
geprüft und diskutiert werden. Wenn die Entscheidung der Jury steht, werden
die PreisträgerInnen angerufen und kurz darauf öffentlich gemacht.
Die Auswahl ist groß. Dementsprechend ist für eine Auszeichnung und
Anerkennung entscheidend, wer eine Entdeckung mit welchen Beweggründen
sucht und findet. Natürlich fallen darum viele wichtige Ideen durchs Raster
des Nobelpreises, das allein schon durch seine sechs Kategorien vorgegeben
ist.
Alfred Nobels Testament verlangt nach einer einzelnen Entdeckung mit großem
Nutzen für die Menschheit. Ole von Uexküll sieht genau darin ein Problem:
„Es kann nicht nur um den kalten, wissenschaftlichen Blick gehen, der die
Menschheit voranbringt“, sagt der Geschäftsführer des Right Livelihood
Awards. „Dieser Blick hat uns den Sieg des Menschen über die Natur
gebracht. Aber eben auch deren Zerstörung und dadurch in der Konsequenz
unsere eigene Zerstörung. Fragen von Macht und Moral sind in dieser
Sichtweise ausgeklammert.“
Der Right Livelihood Award, der auch als „[7][Alternativer Nobelpreis]“
bekannt ist, soll deshalb Personen wertschätzen, die akute Probleme vor Ort
bekämpft und damit eine gesellschaftliche Transformation in Gang gesetzt
haben. Der Preis würdigt seit 1980 Umweltschutz, Menschenrechte und
Demokratie – Themen, die damals keine Nobelkategorie erhielten, als der
Preis um die Kategorie Wirtschaftswissenschaften erweitert wurde.
Edward Snowden, die syrischen Weißhelme, Greta Thunberg bekamen den Award.
Vergangene Woche erhielten ausnahmslos Frauen beziehungsweise von Frauen
geführte Organisationen den Preis: die [8][pakistanische Anwältin Jalila
Haider], die [9][US-Informatikerin Timnit Gebru], eine
[10][Menschenrechtsorganisation aus Georgien] sowie die [11][Rural Women’s
Assembly aus dem südlichen Afrika].
## Ein Preis für die, die Aufmerksamkeit brauchen
Mit rund 200 Vorschlägen beschäftigt sich Uexkülls Team jedes Jahr. Die
internationale Jury konzentriert sich dann darauf, welche Themen neu und
wichtig sind, wer mehr Aufmerksamkeit braucht, und welche Strategien für
den gesellschaftlichen Wandel etwas bewegen können.
Vergleicht man dieses Vorgehen mit dem Nobelpreis, wird deutlich, wie
entscheidend die Perspektive auf die großen Fragen unserer Zeit ist: „Für
den Nobelpreis schaut der Mensch auf die Welt, als Magier hinter dem
Vorhang“, sagt Ole von Uexküll. „Subjekt und Objekt sind in der westlichen
Wissenstradition strikt voneinander getrennt.“
Das habe ohne Zweifel unglaubliche Erfolge gebracht. „Doch das System stößt
an seine Grenzen, sobald das Subjekt als Teil des Ganzen mitgedacht werden
muss.“ Für Uexküll ist daher insbesondere die indigene Perspektive
interessant, weil sie die westliche Erkenntnisfähigkeit wesentlich
erweitere. In seiner Jury sind indigene Weltsichten aus Kenia und den
Philippinen vertreten.
Das bedeutet nicht, dass Grundlagenforschung deshalb weniger Beachtung
verdient. In der Optogenetik zum Beispiel ging es zuerst darum, wie ein
Einzeller Licht wahrnimmt. 20 Jahre später wurde daraus ein Werkzeug der
Hirnforschung. Doch wie viel das der Welt besonders nützt, kann man
hinterfragen. Über eine Milliarde Menschen leiden an Tropenkrankheiten.
Lange Zeit wurde kaum an ihnen geforscht, wohl auch, weil sich kein Markt
damit erschließen lässt. Wo geforscht wird, entscheidet das Geld.
Wer den Nobelpreis bekommt, entscheidet ein Gremium in Stockholm.
Vielleicht drängen aber in Kenia oder auf den Philippinen andere Fragen als
an den Universitäten der westlichen Welt. Immerhin können sich beide Welten
berühren: 2015 bekam Tu Youyou als erste Chinesin den Medizinnobelpreis für
ein Malariamittel, für dessen Entdeckung sie auch alte Heilkundebücher
ausgewertet hatte.
## KI verändert die Frage nach Anerkennung
Welche Antworten also verdienen die Anerkennung und die Erinnerung im
kollektiven Gedächtnis der Öffentlichkeit? Und wer soll es sein, der
darüber urteilt? Können wir uns überhaupt darauf einigen, dass es Menschen
sein sollen, die unsere Wertschätzung erhalten sollen?
Die Nobel Turing Challenge ist eine Initiative rund um den japanischen
Forscher Hiroaki Kitano. Sie will bis 2050 KI-Systeme entwickeln, die
selbstständig Wissenschaft vorantreiben und auf Entdeckungen stoßen, die
schließlich einen Nobelpreis erhalten. Eine Maschine, vor der selbst
Nobelpreisträger wie Geoffrey Hinton warnen, und der gerade in den
vergangenen Tagen immer öfter der Weltuntergang zugetraut wird? Das klingt
in etwa so zynisch, als wenn Donald Trump den Friedensnobelpreis erhalten
würde.
Schon heute werten KI-Systeme Massen an Fachartikeln und Patenten aus,
schlagen Experimente vor, entwerfen Therapieansätze, erstellen Simulationen
und arbeiten in Laboren mit. Wie konkret das werden kann, zeigt die
Mathematik.
Anfang September erklärte OpenAI, KI-Agenten hätten binnen weniger Tage ein
Matheproblem gelöst, für dessen Antwort ein Institut eine Million Dollar
ausgesetzt hat. Der Beweis der KI ist veröffentlicht und formal geprüft. Ob
die Fachwelt ihn akzeptiert, ist offen. Der Professor, der das Problem
beschrieben hat, sieht die Lösung bei den Mathematikern, die den KI-Agenten
den Weg dorthin geebnet hätten.
Eine komplett eigenständig forschende, mit Doktortiteln auf allen Gebieten
garnierte Super-KI gibt es noch nicht. Und manche Forschende zweifeln
daran, dass sie das in naher Zukunft tatsächlich kann. Dass Mensch und
Maschine aber zunehmend im Team forschen, gerade wenn riesige Datenmengen
durchkämmt werden müssen, ist längst Realität.
9 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Philipp Brandstädter
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