# taz.de -- Dramenergüsse und Spaßvögel: „Friedrich Merz – unser letzter Sponti“
> In der Krankenkassendiskussion folgt der Kanzler der Chaostheorie. Und
> für eine Linkenregierung in Berlin spricht nicht zuletzt: der
> Antifaschismus.
(IMG) Bild: René Benko vor dem Landgericht in Innsbruck am 22. September
taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?
Friedrich Küppersbusch: [1][Lawrow hämt] hinter Wadephul her.
taz: Und was wird besser in dieser?
Küppersbusch: „Bestes Einvernehmen“ schadete Wadephul mehr.
taz: Die Berliner Linke hat auf einem Parteitag darüber abgestimmt, ob sie
Grüne und SPD zu Sondierungsgesprächen einlädt. Wie beurteilen Sie das
Ergebnis?
Küppersbusch: 2005 und 2013 gab es rot-rot-grüne Mehrheiten im Bund, die
Mehrheit hatte Mitte-links gewählt und bekam jeweils – Merkel. Kann man mal
in Betracht ziehen, wenn über das „Erstarken der Ränder“ fabuliert wird.
Berlin wurde seit 2002 insgesamt 16 Jahre von zwei oder drei der
Bündnispartner regiert, der Zustand der Stadt ist kein Kompliment für ihre
Kompetenzen. Beides zusammen stellt allerdings die Frage, woher diese
Riesenaufregung jetzt kommt. Die Antisemitismusdebatte sollte wenigstens so
geführt werden, dass auch jüdische Deutsche ihre Kritik an Netanjahus
Kriegsverbrechen äußern können. Der große Enteignungsspaß mag nie kommen,
hat jedoch schon jetzt das Thema Wohnungsnot klarer adressiert denn je.
Beunruhigend, dass Union, SPD, Grüne die AfD ablehnen und ihre
Abschottungspolitik einfach nachmachen. Sollen sie die Linke halt auch
ablehnen und zugleich ihre Politik nachmachen, das wird lustig.
taz: Wie zielorientiert finden Sie die aktuelle Diskussion über das
deutsche Krankenkassensystem?
Küppersbusch: Friedrich Merz ist von der Chaostheorie zur Chaospraxis
übergegangen. Wahldebakel, dringend mal was Soziales sagen, noch nie im
Wartezimmer gesessen und einfach mal einen raushauen. Sein CDU-Kollege
Laumann aus NRW soll es angestiftet haben, die SPD kann für Momente ihr
Glück kaum fassen. Substanz hat die Äußerung dann leider nicht, Merz sitzt
mit vorzeitigem Dramenerguss beim Hausarzt und wartet auf Überweisung.
Seine Regierung hat offenbar geschickt vor ihm geheim gehalten, dass sie an
einer diffusen „Termingarantie“ arbeitet und sich von einem
„Primärversorgungsmodell“ tolle Effekte verspricht. Also, dass alle erst
mal zum Hausarzt müssen und der dann einen ansehnlichen Strahl kotzt,
selber krank wird und zumacht. Friedrich Merz – unser letzter Sponti. Falls
er noch mal antritt – sein Slogan „Nur mal so ne Idee“.
taz: [2][René Benko] ist zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren
verurteilt worden. Gibt es doch noch Gerechtigkeit?
Küppersbusch: Ihr Spaßvögel! Das Urteil bezieht sich auf ein schlankes
Invest von 360.000 Euro in sein privates Anwesen, während seine
Sigma-Gruppe schon abrauchte. Die 680 Millionen Euro vom deutschen Staat,
die in „Karstadt Galeria“ verbrannten, bleiben ungesühnt, weil das „GmbH“
hinter „Karstadt Galeria“ nun mal „beschränke Haftung“ bedeutet. Hey, lass
uns stattdessen wieder Menschenjagd auf ein paar „[3][Sozialbetrüger]“
machen, da sind locker 500 Euro zu holen.
taz: Alle reden über Berlin – dabei waren wir doch so geschockt von dem
AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt. Was passiert da gerade?
Küppersbusch: Ein links geführter Berliner Senat brächte die noch fehlenden
vier Stimmen im Bundesrat für die „Bund-Länder-Gruppe AfD-Verbot“. Mag ein
Nebenaspekt sein, doch auch bei Merz’ zweitem Wahlgang und der
Verfassungsrichterinnenwahl rettete ausgerechnet die Kommunistenbande den
Bürgerlichen den Arsch. Die Union verhält sich dazu paradox: definiert die
Rechtsextremisten als Wettbewerber, die staatstragenden Linken hingegen als
Feinde. Kann schon mal passieren, wenn man blau gemacht hat, als in
Geschichte die frühen 1930er drankamen.
taz: Ein KI-Agent hat sich in ein australisches Regierungsportal gehackt,
auf dem auch Statistiken zur staatlichen Krankenversicherung lagen. Was
würden Sie gerne mal hacken?
Küppersbusch: Die Schnapsidee, technologischen und wissenschaftlichen
Fortschritt zu „verlangsamen“. „Ich erfinde schon mal den
Verbrennungsmotor, lasse mir aber mit den Zündkerzen noch bisschen Zeit“?
„Atombombe, Hammeridee, wir bauen sie erst mal halb“? Ich traue es uns, der
Menschheit, einfach nicht zu: Wenn irgendein Quatsch möglich ist, findet
sich auch ein Irrer, der ihn macht. So wa’s bisher. Immer. Das Vorbild
Atombombe zeigt, dass wir höchstens hinterm GAU befristet lernfähig sind
und man sich also den KI-GAU alsbald wünschen müsste. Das wird hier nicht
mehr besser, fragt lieber die KI.
taz: Singapur bezahlt Menschen jetzt dafür, wenn sie lesen, statt auf dem
Handy zu scrollen. Für welches Buch sollte man am meisten Geld bekommen?
Küppersbusch: Finde ich schön, wenn der Buchhändler auch fragt: Sammeln Sie
Punkte? Wäre es nicht einfacher, die Verlage legten das Geld dem Buch bei?
taz: Und was macht der RWE?
Küppersbusch: Preußen Münster ruft 38.75 Euro für einen Sitzplatz bei
seinem Heimspiel gegen RWE auf. Bekommt man überhaupt eine Karte für den
BVB in der Ersten Liga, kostet sie die Hälfte. Fragen: jdo, waam
Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Produzent und empört (ohne
Topzuschlag)
27 Sep 2026
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