# taz.de -- Stanišić-Stück in Osnabrück: Wider die Beschissenheit des Hier und Jetzt
> Witwe Gisela gibt’s wirklich: In Saša Stanišić’ Erzählungen rumoren die
> Jugoslawienkriege. Regisseur Demjan Duran bringt sie in Osnabrück auf die
> Bühne.
(IMG) Bild: Tenzin Chöney, Thomas Kienast, Michi Wischniowski und, auf dem Sprung, Soraya Abtahi geben als Witwe Gisela mehrdeutige Zeichen
„An einem heißen Weinbergnachmittag im Juni 1994 wirft Fatih einen Stein in
die Luft …“ Der auf die Bühne projizierte Text wird von einem Schauspieler
ganz sanft in gesprochenen Erzählertext verwandelt, fortan in direkter
Publikumsansprache in die Figurenrede gepackt und lässig in szenisches
Spiel überführt. So geht Literaturadaption.
Dafür wurde [1][am Theater Osnabrück] zwar nicht der Buchtitel „Möchte die
Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem
Ausguss nach vorne“ werbewirksam gekürzt. Aber Regisseur Demjan Duran
[2][hat für seine Dramatisierung von den 256 Buch- nur 49 Stücktextseiten
übriggelassen].
Das Regiekonzept präsentiert Schauspieler William Hauf in der Rolle des
Autors Saša Stanišić wie auf einer Lesung: Da aus Zeitgründen nicht alle
zwölf der in seiner Publikation versammelten Geschichten vorgestellt werden
könnten, seien zentrale Momente der Hälfte von ihnen ausgewählt worden.
Aus zugewanderter Perspektive sind es liebevoll satirisch aufbereitete
Impressionen eigentümlicher Selbstverständlichkeiten, schrulliger
Eigenarten und beängstigender Entwicklungen, die dem Autor in der deutschen
Provinz begegneten und nicht mehr „sicher schlafen“ ließen. „Hanau. Die
AfD. Kampf und Not. Mutter, die morgens vor der Arbeit in der Küche stumm
weint, während sie Brote schmiert. Mich schuldig fühlen vor den Bullen,
ohne mich schuldig gemacht zu haben.“
## Verrückte Einfälle, spielerische Mittel
So beschreibt Stanišić das Lebensgefühl im Kontext Armut, Ausgrenzung,
Racial Profiling, Alltagsrassismus, Rechtspopulismus, sozialer Spaltung,
drohender Abschiebung usw. Der Tristesse zum Trotz kommen die Geschichten
empathisch gewitzt und mit herrlich verrückten literarischen Einfällen
daher. Duran sucht mit spielerischem Ernst entsprechende Theater-Mittel.
Die jetzt nicht immer Sinn machen, aber meist auch amüsant sind.
Etwa wenn sich mit Schwimmweste, Rettungsring oder Fischernetz bekleidete
Darsteller:innen wie Robben über die Bodenwellen des Bühnenbildes
bewegen. Oder wie Puppen einer Spieluhr mechanisch emporschnellen und
wieder verschwinden. Oder als herumrollende Tüllknäuel mit Dilek über ihre
Zeit als Ziegenhirtin in der Türkei sprechen und die Flucht nach
Deutschland feiern, wo sie jetzt als Reinigungskraft arbeitet und über
Rückkehr sowie neuerlichen Aufbruch nachdenkt.
Oder die Stammtischbrüder einer anti-woken Kartenspielrunde. Die nehmen
ihre Ganzkopfmasken in Kieselsteindesign erst ab, als jemand mit Hitlergruß
einen Mann in Wehrmachtsuniform begrüßt, dem ein ausgewachsener Panzer an
die Haustür geliefert wurde.
Und weil Duran Musik wichtig ist, muss ein Gottesdienst nicht nur erwähnt,
sondern auch ausagiert werden: Das fünfköpfige Ensemble intoniert „Kumbaya,
my Lord“ und „Amazing grace“, bis das Publikum mitsummt und mitklatscht:
eine inhaltlich und ästhetisch folgenlose Interaktion.
Überzeugend aber die performative Leichtigkeit, mit der die
Spieler:innen bei ständiger Rollenwechselei stets aus ihrem jeweils ganz
eigenen Duktus heraus agieren. [3][Deutlich wird, was Regisseur] und Autor
verbindet. Beide kamen [4][infolge der Jugoslawienkriege] nach Deutschland
und wuchsen dort auf. Nun setzen sie sich mit der Suche nach Identität
[5][zwischen Herkunft aus einem fremden Land sowie dem Ankommen und der
Zugehörigkeit in einer fremden Heimat auseinander].
Der zur Bestärkung bereits ins Buch hineingeschriebene Heinrich Heine rückt
als Revolutions-Romantiker auf der Bühne überdeutlich in den Fokus. Saša
fabuliert sich Begegnungen und einen Austausch herbei über Freiheit,
[6][Märchen, Exil, politischen Aufbruch und das Gefühl von
Marginalisierung].
Die Inszenierung schließt sich schnell der Stanišić-Botschaft an: Damit aus
der „Beschissenheit“ des Hier und Jetzt nicht „die Beschissenheit der
Zukunft“ wird, schlägt eine Migranten-Clique einen „Anproberaum fürs Leben“
vor, in dem Versionen vorstellbarerer Zukünfte auszuprobieren sind und zum
Einloggen einladen. Fiktionsspielerei auch als ideale Vorlage für das
Theater als Ort alternativ gedachter Lebensmodelle. „Ihr könnt euch die
Zukunft nicht leisten, wisst aber jetzt, dass sie möglich ist. Also macht
ihr was in der Gegenwart …?“, fragt Fatih.
## Vom Grab ins neue Leben
„Wir strengen uns an?“, mutmaßt Michel. Saša: „Die Antwort war richtig und
leuchtet allen sofort ein!“ Also gilt: Raus aus dem Gefängnis der eigenen
Biografie und Selbstentwurf in eigene Zukunftsszenarien hinein. Flucht in
die Realität.
Wie die Witwe Gisela, die am Grab ihres Mannes stücktitelgemäß eine
Gießkanne platziert – als Zeichen, offen für neue Beziehungen zu sein. Oder
wie Saša liest und liest und liest, um am Ende nicht mehr rettungsankernd
in die Literatur anderer zu flüchten, sondern selbst Schriftsteller wird.
Natürlich verkürzt die Aufführung die Vorlage, bringt die ausgelegten
Handlungsfäden und das Personal in der Episodendramaturgie auch nicht final
zusammen. Aber die Figuren erblühen warmherzig pointiert und die
Mutmacherthese kommt als Animation zum Handeln mit theatralem Schmackes
über die Rampe.
26 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Theaterstueck-Drei-Winter/!6085676
(DIR) [2] /Saa-Staniic-am-Theater-Freiburg/!6084498
(DIR) [3] https://www.demjanduran.com/
(DIR) [4] /Balkan-Korrespondent-ueber-den-Jugoslawienkrieg/!5896694
(DIR) [5] /Herkunft-von-Saa-Staniic/!5575589
(DIR) [6] /Kindertheater-von-Sasa-Stanisic/!6157852
## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
## TAGS
(DIR) Theater Osnabrück
(DIR) Saša Stanišić
(DIR) Jugoslawien-Krieg
(DIR) Jugoslawien
(DIR) Ex-Jugoslawien
(DIR) Baden-Württemberg
(DIR) Integration
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kafka-Abend am Berliner Ensemble: Das Unentrinnbare verdichtet sich
Barrie Koskys „K. Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas ‚Prozess‘“
verknüpft eindrucksvoll Schumann, jiddisches Liedgut und Kafkas Texte.
(DIR) „Der Keim“ im Theater Bremen: Ersoffen in Bedeutung
Am Theater Bremen inszeniert Ruth Mensah den Roman „Der Keim“ von Tarjei
Vesaas. Das ist schön anzuschauen – und vielleicht ein bisschen zu clever.
(DIR) Spielfreude am Göttinger Theater: Europa als Lachnummer
Als erstes Stadttheater im Norden bespielt Göttingen wieder sein großes
Haus. Zu sehen ist eine Adaption des absurden EU-Romans „Die Hauptstadt“.