# taz.de -- Roman von Sarah Elena Müller: Eine Abrissliebe
> Sarah Elena Müller schreibt sich in ihrem Roman „Unwucht“ tief in eine
> unglückliche Liebe hinein. Die Sprache, die sie dafür findet, ist die
> einer Künstlerin
(IMG) Bild: Ein Auto ganz ohne Hagelschäden ist schwer zu finden…
Am Anfang steht ein Versicherungsbetrug. Als Alice mit ihrem alten
verbeulten Fiat und einer selbst verursachten Macke eine Versicherungssumme
von 3.000 Franken auslöst, kann sie ihr Glück kaum fassen. Hagelschäden
sind offenbar schwer nachzuweisen, ein Auto ganz ohne Hagelschäden schwer
zu finden und so ist eben fast jedes Auto: ein für Hagelschäden zu
entschädigendes.
In Alices Leben sind die Schäden schwerwiegender, sichtbarer, der Hagel
heißt Rio und er hinterlässt tiefe Dellen. Nur Versicherungen, die gibt er
vor Alice schon länger nicht mehr ab.
Rio ist methsüchtig. Tagelang bleibt er der gemeinsamen Wohnung fern, Alice
sucht nach ihm und findet ihn selten. Ja, in diese Liebe regnet es schon
länger und jegliche Versuche, die Löcher zu stopfen, die Decke abzudichten,
sind genauso aussichtslos wie darauf zu hoffen, dass das Abrisshaus, in dem
Alice und Rio wohnen, vielleicht doch nicht abgerissen wird.
Trotzdem schafft es Alice aus dieser Abrissliebe nicht heraus. Sie hält
aus, weil sie ihn liebt und sie liebt ihn, damit sie es aushält. Ein
Teufelskreis: „Nie wieder wird mich jemand so gut amüsieren. Nie wieder,
hoffe ich, werde ich so laut lachen, damit ich nicht verzweifeln muss.“
## Flucht ins Wunderland
Alice und Rio, diese traurigen Helden in Sarah Elena Müllers zweitem Roman
„Unwucht“, haben eine ganze Fabelwelt, in die sie sich flüchten.
Kurzsichtige Mäuse leben dort, alleinerziehende Papageien. Auch Alice und
Rio sind Teil dieser Welt, als Halbkatzen, denen alles nur halb gehört; die
Kunst, die Arbeit in der Gastro, die Liebe. Gemeinsam entwickeln sie eine
Art Privatsprache, weil sie wollen und weil sie müssen.
Die Bedeutung der Worte ergibt sich durch ihren Gebrauch, ihr Sprachspiel
ist zugleich bitterer Ernst. So nennt Alice die Drogendealerin, zu der Rio
verschwindet, wenn er behauptet, nur schnell Brot zu holen, eben so: Brot.
„Sie Brot zu nennen, war meine Kapitulation“, sagt sie. „Ich habe
eingewilligt, hochoffiziell belogen zu werden.“
Auch Sarah Elena Müller findet eine eigene Sprache, mit der sie diese Liebe
ins Unreine schreibt. Ihre Bilder sind mitunter schneidend – „er ist zehn
Jahre kälter“ –, ihre Komposita – „topfnüchtern“ – deuten auf eine Wahrheit
hin, die eher im Klang eines Worts als in seiner Bedeutung zu suchen ist.
Es geht hier um Materialien, so stellt man irgendwann fest, um
Stofflichkeit, Stoff, den Rio raucht, und Stoffe, die er an guten Tagen mit
seiner Nähmaschine zusammennäht. Darum, wie sich die Welt im Dunkeln
anfühlt: „Sie habe zwei Philosophen gleichzeitig gehabt in einem Chalet“,
erzählt Alices Freundin Marcia an einer Stelle, „und es sei was rein
Intellektuelles, es sei seidig und fein, aber auch lesbisch, obwohl es
Männer seien.“
## Am Rande bilden sich kleine Nischen
„Unwucht“ ist zugleich ein sehr lustiger Roman. Wie Müller gleich zu Anfang
der Geschichte ein Warndreieck der Absurditäten aufstellt, das
Hagelzentrum, den Versicherungsberater „Björn Direct“ und den
Lebensmittelgroßhandel auf wenigen Seiten ineinander laufen lässt, macht
großen Spaß, zu lesen. Überall bilden sich dabei entlang der Geschichte
kleine Nischen, kleine Gemeinschaften. Sei es im Kloster, wo Alice
irgendwann einen Film dreht, dabei den Nonnen lästig und einer zum
Kannibalismus unter Legehennen promovierenden Agrarbiologin lieb wird, oder
am Telefon, wenn sie die an eine Toilettenwand geschriebene Nummer anruft,
unter der ein „Arschfick“ angeboten wird – die Barrieren zwischen den
Menschen sind nur einen Fußbreit hoch. Bezug und Beziehungen können überall
entstehen, in Müllers Roman, entstehen auch überall. Irgendwo ist es der
Zufall, der darüber bestimmt, wen man kennt und wen man liebt, und
vielleicht sieht das nur ein, wer nichts mehr zu verlieren hat. Alice zum
Beispiel.
Dabei sind alle Figuren, Alice und Rio eingeschlossen, selbstverständlich
so queer wie links. Da ist die Zeckengemeinschaft, die bei der illegalen
Entsorgung des alten Fiats hilft, da ist die Sammlung an Liebesliedern, die
Alice über die Jahre für die von ihr umschwärmten Frauen komponiert hat.
Die alten Ordnungen haben sich aufgelöst, oder doch, es gibt sie noch, sie
verlaufen nur jenseits der Grenzen, die das Wunderland von Alice und den
anderen umzäunen. Brechen sie über sie herein, so brauchen sie Gewalt: Wer
Sozialleistungen erhält, entscheidet immer noch das Amt, wer nicht
obdachlos wird, der Vermieter, wer ins Gefängnis einfährt, das Gericht.
## Missbrauch in der Kindheit
Dass es sich vor dieser Außenwelt abzugrenzen gilt, macht Müller auch
deutlich. Wie sie auf ein paar Seiten die Sucht, den Schmerz, die ganze
generelle Unmöglichkeit zum Klingen bringt, indem sie [1][den erfahrenen
Missbrauch in beiden Kindheiten] anzitiert und mit einem verzweifelten
Sexualakt zwischen den eigentlich nunmehr Erwachsenen spiegelt, ist große
Kunst.
Begrenzt wird die Geschichte von Alice und Rio dabei von einer noch
größeren ordnenden Instanz. Es ist Alice selbst, die Rio schlussendlich
doch verlassen konnte und nun im Nachhinein in einer zweiten Zeitebene
dieser Geschichte Herr werden will, indem sie über sie schreibt. Ein Stück
ihrer Würde zurückgewinnend, wenn man so will, und Rio will eigentlich
nicht. Denn dass er wiederum seine verliert, indem Alice erzählerisch
bewusst zuspitzt und eskaliert, dazudichtet und weglässt, ist ebenso Teil
der Gleichung. „Was für eine Selbstübertölpelung es doch ist, dieses
Erzählen“, weiß Alice. Wann die Versicherung zahlt und wann sie einem
kündigt, das ist manchmal aus den Vertragsbedingungen nicht ganz klar
herauszulesen.
3 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
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