# taz.de -- Objektifizierung von Männern: Was wir dürfen, dürft ihr noch lange nicht
       
       > Flinta* objektifizieren Männer und regen sich gleichzeitig über die
       > eigene Sexualisierung auf. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt.
       
 (IMG) Bild: Darf ich mit dem Körper meines Freundes angeben?
       
       Sie spricht seit drei Monaten nur noch von seinem Bizeps. Meine Freundin L.
       hat einen neuen Freund und der – anscheinend – einen Bizeps. Sie ist
       besessen, hat zahlreiche Bizeps-Memes erstellt, die unsere Chatgruppe
       regelmäßig fluten. Mal eine hilferufende Frau: „I’m sick please send
       biceps“, mal ein Mann, der auf Knien mit gefalteten Händen um Bizeps fleht,
       mal ein einfaches: „I love biceps“.
       
       Als L. bei einem Bier halb ironisch, halb ernst von ihrer Bizeps-Obsession
       erzählt, entgegnet P., der einzige Typ in der Runde: „Wäre höchst
       problematisch, wenn ein Mann so über den Po oder die Brüste seiner Freundin
       sprechen würde.“ L. widerspricht: „Der Ton macht die Musik“, meint sie.
       Wenn ein Mann ebenso schwärmerisch über den Intellekt, die
       Empathiefähigkeit und den scharfsinnigen Humor seiner Freundin sprechen
       würde, wie sie über ihren Freund, und on top betonen würde, wie geil ihr
       Arsch ist, sei das okay.
       
       So paradox es zunächst klingen mag: [1][Es ist kein doppelter Standard,
       wenn Frauen Männer objektifizieren und sich gleichzeitig über die eigene
       Sexualisierung aufregen]. Der Unterschied liegt im Kontext: Frauen werden
       seit Jahrhunderten strukturell objektifiziert, auf ihre Körper reduziert
       und ihr gesellschaftlicher Wert an ihre fuckability geknüpft.
       
       Wenn Frauen nun den Spieß umdrehen und Männer mit ihren eigenen Waffen
       schlagen, ist das Aneignung, nicht Diskriminierung. [2][Wenn Ikkimel rappt:
       „Baby, du bist lecker, gibts den Pimmel auch in groß?“ ist das
       Empowerment]. Wenn Influencerin Maria Ludovica fordert, Männer sollten
       „sich doch entschuldigen, wenn die nicht anständig ficken“ ist das
       Empowerment. Und wenn Influencerin Evil Suki für das Oktoberfest nach einem
       „Geldsklaven“ sucht, der ihr den Besuch finanziert, ist auch das
       Empowerment.
       
       ## Es ist kontraproduktiv, die Abwertung zu reproduzieren
       
       Denn es ist kein Angriff, es ist Verteidigung. Maria Ludovicas Forderung
       entspringt der Scham, die sie früher beim Sex empfunden habe, wenn sie
       nicht zum Höhepunkt kam, erzählt sie. Ikkimel rappt diese Zeilen, um
       [3][Rappern wie Kollegah und Farid Bang Paroli zu bieten], die über Frauen
       singen: „Bitches heute wollen Jungfrau bleiben/ Zwei Option’n: Arsch oder
       Mund auf, Kleines.“ Und Evil Suki nimmt Männer auf den Arm, die sich
       prahlerisch als Brotverdiener inszenieren und daraus einen naturgegebenen
       Anspruch auf ihre Partnerinnen ableiten.
       
       Gleichzeitig stimmt: Es ist weder zielführend noch besonders
       emanzipatorisch, die Abwertungen zu reproduzieren, gegen die wir uns selbst
       wehren. Allein durch die Übernahme der minderbemittelten
       Degradierungsstrategien von Männern werden wir ungleiche
       Geschlechterverhältnisse wohl kaum überwinden.
       
       Statt den Spieß einfach nur umzudrehen, sollten wir uns neue Kategorien
       überlegen. Moshtari Hilal schlägt in ihrem Buch „Hässlichkeit“ etwa als
       Gegenentwurf zum Konzept der Schönheit die Großartigkeit vor: „Großartig
       wird man nicht durch angeborenes Aussehen, sondern durch Erfahrungen“,
       schreibt sie.
       
       Denn L. findet ihren Freund absolut großartig. Und seinen Bizeps eben auch.
       
       4 Oct 2026
       
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