# taz.de -- Neuer Roman von Sven Regener: Wer hier lebt, entwickelt ganz bestimmt eine Mauermacke
> Der Autor schickt „Frankie und Freddie“ durch die Mauerstadt: Der neue
> „Herr-Lehmann“-Roman ist so lustig und blöd, wie man es sich nur wünschen
> kann.
(IMG) Bild: Den „Geisterbahnhof“ Stadtmitte musste man passieren, wenn man mit der U-Bahn von Kreuzberg in den Wedding wollte
Frank Lehmann stolpert wieder durch Westberlin. Für einen Tag schickt Sven
Regener die von ihm ersonnene Kultfigur noch einmal durch die Stadt. Nur
für einen Tag? All die Westberlinereien, die der spätere Herr Lehmann an
jenem 23. Dezember 1980 erlebt, füllen gut 270 Seiten. „Frankie und
Freddie“ heißt der neue Regener. Der ist so blöd, [1][wie man es sich nur
wünschen kann für einen Lehmann-Roman.] Er hat aber auch fast kitschige
Momente. Ja, ja, die Liebe! Und ganz nebenbei ist er so etwas wie ein
Lehrbuch in leichter Romansprache, in dem man jede Menge über die
Mauerstadt lernen kann.
Die Geschichte über die Jagd der Brüder Frank und Freddie Lehmann nach
einer verloren gegangenen Tasche durch die verschneite Teilstadt ist mehr
als eine bloße Liebeserklärung an die Mauerstadt, auch wenn all die irren
Romanfiguren so liebevoll beschrieben sind, dass man sie am liebsten sofort
kennenlernen möchte. Diesen riesigen Ollie zum Beispiel, der in einem
Overall voller Shell-Aufnäher an einer Aral-Tankstelle rumlungert und so
tut, als wäre er der Tankwart.
Auch die Drogenhölle Schnaftifix, wo noch gesoffen und gefixt wird, wenn
anderswo in der Stadt die Läden schon geschlossen sind, hätte man gerne mal
selber in Augenschein genommen, auch wenn sie als ganz besonders abgefuckt
beschrieben wird. Ach, und all die ganzen Künstler, die in der Mauerstadt
nur das Beste sehen wollen und von der kreativen Kraft von Wall City
schwärmen. Bruder Freddie gehört zu dieser Kunstszene – und H.R. Ledigt,
der Mitbewohner in der Lehmann-WG.
Der macht aus Malen nach Zahlen in Rottönen große Kunst. Darauf eine
Flasche Bier im Café Einfall! Auch so ein Sehnsuchtsort im
Lehmann-Universum. Alles eine große Gaudi in diesem Westberlin? Eben nicht.
Ein Wintersmog aus unzähligen Braunkohlekachelöfen liegt über der Stadt, in
der man dunkle U-Bahnhöfe unter Ostberlin zu passieren hat, will man von
Kreuzberg ins Schnaftifix im Wedding. Wer da aufwächst wie die
Icke-ditte-weeßte-Berliner entwickelt ganz bestimmt eine Mauermacke.
Und auch all die neurotischen oder möchtegernneurotischen Wahlwestberliner
werden am Tag vor Weihnachten ganz ernst. Fahren die Brüder nach Hause, um
sich bei ihren Eltern in Bremen unter den Weihnachtsbaum zu setzen? Sie
können es selbst nicht sagen.
2 Oct 2026
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