# taz.de -- Buch über Lobotomie in der NS-Zeit: Die ruhiggestellte Tante
       
       > Ina Boesch rekonstruiert in „Marleen“ das Leben ihrer schizophrenen Tante
       > im NS-besetzten Holland.
       
 (IMG) Bild: Schnitt der linken Hemisphäre des menschlichen Großhirns
       
       Afwezig (abwesend) sei sie gewesen, vorwiegend inactief und negativistisch,
       dazu snibbig (schnippisch), kribbig (mürrisch) und vreemd (seltsam). So
       stehen die Zuschreibungen in einer Akte aus den Niederlanden, auf die die
       Schweizer Kulturwissenschaftlerin Ina Boesch durch Zufall stößt: die Akte
       ihrer holländischen Tante Marleen, deren Jugend in die [1][Zeit der
       deutschen Besatzung] fällt. Schon das kleine Marleentje habe sich stets
       minderwaardig (minderwertig) gefühlt, sei viel krank und boos zu anderen
       gewesen. Auch die Zuschreibungen der Teenagerin fallen nicht positiver aus.
       Marleen beginnt zu halluzinieren und mit imaginierten Personen zu sprechen.
       
       Boesch erzählt das alles im Du, spricht ihre Tante Seite für Seite direkt
       an und lässt damit auch die Lesenden nicht davonkommen: Man steht selbst
       mit im Raum, wenn die Ärzte Marleen Etiketten anheften, die in der Akte
       stehen bleiben. Die Diagnose lautet schließlich Schizophrenie. Als nichts
       zu helfen scheint, greifen die Ärzte 1947 zu einem damals als modern
       geltenden Eingriff: der [2][Lobotomie]. Dabei durchtrennen Chirurgen
       Nervenbahnen im Frontallappen des Gehirns, um unruhige PatientInnen
       ruhigzustellen. Marleen wird durch den Eingriff still, aber nicht gesund;
       den Rest ihres Lebens verbringt sie in Anstalten. Sie war eine von
       Zehntausenden, vor allem Frauen, die Mitte des 20. Jahrhunderts Opfer
       dieser zweifelhaften medizinischen Praxis wurden, deren Ergebnis meist eine
       Ruhigstellung ohne Heilung blieb. Eingestellt wurde die Lobotomie erst
       allmählich in den 1950er Jahren.
       
       Aus dem Schweigen der Familie und den knappen, oft entwürdigenden
       Akteneinträgen über ihre Tante setzt Boesch nach und nach ein Leben
       zusammen, das sonst verschwunden wäre, und erzählt nebenbei ein Stück
       niederländischer Zeitgeschichte.
       
       „Marleen. Von der Chirurgie des Wahns“ ist ein Buch ohne Abstand: Wer im Du
       liest, kann sich nicht hinter der Geschichte verstecken. Dieser
       erzählerische Ansatz Ina Boeschs gibt der Tante im Buch die Stimme zurück,
       die ihr zu Lebzeiten genommen wurde. Beklemmend und berührend zugleich.
       
       7 Oct 2026
       
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