# taz.de -- Ungerechtigkeiten überall: Steuerhinterzieher kaufen Straffreiheit
> Kleiner Sozialleistungsbetrug und große Steuerhinterziehung werden
> schreiend unterschiedlich verfolgt, beklagt die Organisation Finanzwende.
(IMG) Bild: Schwarzfahren wird härter bestraft, als in großem Stil Steuern zu hinterziehen
Wer in der U-Bahn schwarzfährt und dabei erwischt wird, aber nicht bezahlt,
muss mit Gefängnis rechnen. Wer dagegen große Summen Steuern hinterzieht,
kommt oft um eine Strafe herum. Angesichts derartiger Widersprüche beklagt
die [1][Organisation Finanzwende] „eine systematische Ungleichbehandlung
von Armutsdelikten und Wirtschaftskriminalität“ durch die hiesige Justiz.
Mit ihrer Analyse will die Organisation Bundesfinanzminister Lars Klingbeil
und Justizministerin Stefanie Hubig (beide SPD) zum Handeln drängen.
Finanzwende setzt sich für ein faires Finanzsystem ein.
„Gleichheit vor dem Gesetz ist kein abstraktes Versprechen, sie muss im
Alltag der Strafverfolgung erfahrbar sein“, sagte Finanzwende-Vorständin
Anne Brorhilker. „Gerade, weil das Vertrauen in demokratische Institutionen
ohnehin unter Druck steht, muss der Rechtsstaat Wirtschaftskriminalität
endlich mit derselben Konsequenz bekämpfen wie Delikte von Menschen mit
weniger finanziellen Möglichkeiten.“
Als Armutsdelikt stuft Finanzwende auch Sozialleistungsbetrug ein – etwa
Fälle, in denen unbescholtene Bürger:innen mehr Grundsicherung erhalten
haben, als ihnen nach Einschätzung der Behörden zusteht. Dann droht zum
Beispiel die Kürzung der ohnehin kärglichen Leistung zur Existenzsicherung.
Zusätzlich können finanzielle Strafen verhängt werden.
## Gesetze befördern die Ungleichbehandlung
Wohlhabende und reiche Steuerhinterzieher:innen kommen dagegen oft
davon, indem sie den Schaden begleichen und die hinterzogenen Summen
zurückzahlen. „Die Möglichkeit der strafbefreienden Selbstanzeige besteht
in dieser Form nur bei Steuerhinterziehung, nicht aber beim [2][Betrug nach
Paragraf 263] des Strafgesetzbuches“, ist im Gutachten zu lesen. „Menschen,
die einen Sozialleistungsbetrug begehen, können einer Strafe daher nicht
durch Rückzahlung der zu Unrecht erhaltenen Gelder entgehen.“
Dieser Widerspruch existiert, obwohl die Schäden, die arme und reiche
Missetäter verursachen, eindeutig verteilt sind. „Die Polizeiliche
Kriminalstatistik weist 2024 für Sozialleistungsbetrug eine Schadenssumme
in Höhe von 42,6 Millionen Euro aus“, schreibt Finanzwende,
„Wirtschaftskriminalität hingegen hat 2,76 Milliarden Euro Schaden
verursacht.“
Die Gründe für die Ungleichbehandlung entdecken Brorhilker und ihr Team
schon in den Gesetzen. Zum Beispiel fehle ein Straftatbestand „schwere
Steuerhinterziehung“, der empfindlichere Strafen als heute ermögliche.
Außerdem komme es oft zu „Deals“ zwischen Strafverfolgern und
Steuerhinterziehern, mit denen sich Letztere die Straffreiheit erkauften –
erzwungen auch durch die schlechte personelle Ausstattung der
Institutionen.
Ebenfalls beschreibt Finanzwende, wie unterschiedlich die Verwaltung beide
Gruppen behandelt: „Die Behörden schauen bei der Bewilligung von
Grundsicherungsgeld ganz genau hin, während sie bei Anträgen von im Ausland
ansässigen Finanzinstituten und großen Unternehmen auf Erstattung der
Kapitalertragsteuer mit der Prüfung nicht hinterherkommen.“
Handlungsbedarf sieht Brorhilker vor allem bei der schärferen Ermittlung,
Verfolgung und Verurteilung der großen Fische. Unter anderem forderte sie
eine „interdisziplinär besetzte, auf international organisierte Geldwäsche
und Steuerhinterziehung spezialisierte Ermittlungseinheit auf Bundesebene“.
Dass es eine solche Truppe beim Zoll bald geben werde, [3][haben Klingbeil
und Hubig Mitte Juli bereits angekündigt]. Sie sprachen auch davon, den
Verbrechenstatbestand „schwere Steuerhinterziehung“ einführen und die
strafbefreiende Selbstanzeige abschaffen zu wollen. Klinge gut, sagte
Brorhilker, bisher sei aber „kein konkretes Vorhaben auf dem Weg“. Bis
dahin bleibe sie skeptisch.
22 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.finanzwende.de/
(DIR) [2] https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__263.html
(DIR) [3] /Steuerhinterziehung-in-Deutschland/!6196229
## AUTOREN
(DIR) Hannes Koch
## TAGS
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(DIR) Justiz
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