# taz.de -- Landtagswahl und AfD: Hilflose Demokraten
> Eine wachsende Zahl Menschen ist bereit, ihre Freiheiten aufzugeben für
> ein vages Sicherheitsversprechen der AfD. Dadurch stehen den
> Rechtsradikalen die Tore der Macht offener als bisher. Was tun?
(IMG) Bild: Erklärungsnot und Abgänge: Das Spitzenpersonal der deutschen Sozialdemokratie nach den Landtagswahlen
[1][taz FUTURZWEI] | Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen.
Dennoch bieten seine Ufer und seine Fließrichtung Hinweise auf den sich
wiederholenden Kreislauf des Leidens an der Zivilisation und an der
Demokratie.
Die [2][AfD] hat [3][die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen]
(38,2 Prozent), dazu in [4][Berlin] 16,3 Prozent geholt. [5][SPD] und
[6][CDU], die großen Volksparteien der alten Bundesrepublik, haben trotz
[7][Manuela Schwesig] keine selbst bestimmten Führungs- und Machtoptionen
mehr. Das Ende der [8][FDP] scheint gekommen. Es bereitet wenig Vergnügen,
die gegenseitigen Kritiken und Schuldvorwürfe der Parteivertreter auf ihren
politischen Gehalt abzuklopfen, ihre Spekulationen über mögliche
Koalitionen und ihre Beschwörungen, die Demokratie in der Bundesrepublik
vor dem Zugriff der rechtsnationalen, populistischen AfD zu schützen.
Zur Kenntnis zu nehmen ist aber: Eine wachsende Zahl Menschen in der
Bundesrepublik ist bereit, ihre Freiheiten, ihre Selbstbestimmung, ihren
Anspruch auf Mitgestaltung der ökologischen und digitalen Transformation
aufzukündigen im Interesse einer von der AfD aus der Vergangenheit
abgeleiteten Sicherheit, die jeden Wandel ablehnt.
Den anderen Parteien, allen voran CDU und SPD, ist es nicht gelungen, den
Bürgern nachvollziehbar die Herausforderungen nahezubringen, die mit einer
Anpassung aller gesellschaftlichen Strukturen an den ökologischen,
digitalen und [9][KI] bestimmten Wandel der kapitalistischen Produktion und
der ihm angepassten sozialen Sicherungssysteme verbunden ist.
## Verwirrung innen und außen
Verstärkt wird diese Sprachlosigkeit in ihrer Wirkung noch durch den
aggressiv imperialistisch ausgerichteten Kurs [10][Russlands], [11][Chinas]
und mit Abstrichen auch der [12][USA], sowie durch die Weigerung von CDU
und SPD, die Bürger offen mit den Herausforderungen der nur noch global
einzudämmenden Klima- und der mit ihr verknüpften globalen Verteilungskrise
zu konfrontieren. Die Politiker weigern sich, den Bürgern die Tatsache
zuzumuten, dass eine ordentliche Zukunft sehr unwahrscheinlich ist, ohne
Abstriche in allen Lebens- und Konsumgewohnheiten, ohne gemeinsame, große
Anstrengungen, die in vielerlei Hinsicht auch Verzicht auf soziale
Sicherheit bedeuten können.
Stattdessen schwadroniert [13][Kanzler Merz] noch im Augenblick des
offensichtlichen Scheiterns seines Politikangebotes bei den jüngsten
Landtagswahlen immer noch davon, die Bundesrepublik wieder zu führenden
Nation in der westlichen Welt machen zu wollen.
Leere Versprechungen. Wichtiger wäre es, politisch und rechtlich „einen Weg
zu finden, um die freiheitliche Demokratie auch unter Anwendung von Gewalt
zu retten“, wie [14][Moshe Zimmermann] in seinem neuen Buch „People gone
mad“ schreibt. Die Schwachstelle des freiheitlichen Systems ist das
uneingeschränkte Recht, die demokratischen Freiheiten zur politischen
Selbstorganisation auch dazu zu nutzen, die Demokratie selbst abzuschaffen
oder sie zumindest illiberal zu machen. Die AfD setzt darauf, dass die
Liberalen sich am Ende lieber den Autoritären an verwandeln statt sie
entschlossen, daran zu hindern die politische Agora für ihre
Zerstörungslust zu missbrauchen. Etwa durch Einleitung eines
Verbotsverfahrens.
Die Hilflosigkeit der Demokratien oder der sogenannten politischen Mitte
zeigt sich auch daran, dass es bis heute keinen Versuch gibt, das Bild
einer ökosozialen Demokratie zu beschreiben, den Aufbau einer Industrie
jenseits von fossiler Energie, und den Weg dahin als von den Bürgern mit
Mehrheiten gesteuerten Prozess der Transformation zu beschreiben. Wer
ökologische Zukunft will, muss groß denken, weit in Voraus planen und dafür
einstehen.
Macht aber keiner. Dieses Defizit wurde auch in den Wahlkämpfen in
Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wieder deutlich. Zum Beispiel ist den
überhöhten [15][Mieten] nur mit massenhaftem, staatlichen Neubau von
Wohnungen und neuen Stadtteilen in ökologischen Standards an der Peripherie
der Städte zu begegnen; in Berlin wäre das längs des S-Bahn-Rings. Der
Gedanke der Enteignung großen Immobilienbesitzes mag faszinieren, aber es
wäre nur eine machtpolitische Geste gegen die auf ihren Geldsäcken
hockenden Immobilienhaie, die keine einzige neue Wohnung schafft. Dass es
auch anders geht, haben [16][Kopenhagen], [17][Barcelona] und andere Städte
längst mit Erfolg vorgeführt.
## Mobilisierende Ideen?
Längs des vor hundert Jahren klug geplanten S-Bahn-Ringes großflächig neue
Stadtteile mit bis zu 50.000 Wohnungen zu konzipieren und zu bauen, die
über fünf oder sechs Magistralen auch noch direkt mit der Innenstadt
verbunden wären, das könnte so eine mobilisierende Idee sein, die auch
Zustimmung bei Bürgern findet und Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der
Demokratie in der Stadt stärkt.
Gleiches braucht es auch für eine Mobilitätswende. Die CDU führte ihren
verlorenen Wahlkampf mit Warnung vor „Poller-Wahnsinn“, freie Fahrt für
Autos und den Rückbau von Radwegen als Alleinstellungsmerkmal der
Stadtentwicklungspolitik in Berlin. Statt Schneisen für ein zukünftiges
demokratisches, öffentliches Leben in den Städten zu schaffen, wollte sie
den Machtkampf für das Auto und gegen die Leute entscheiden.
Ob CDU und auch andere Parteien das bedrohliche blaue Zeichen an der Wand
erkennen oder ob sie weiter in ihrem selbstgeglaubten Sud herumrühren
werden? Die Tore zur Macht jedenfalls stehen für die AfD nach diesen
Landtagswahlen weiter offen als zuvor.
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22 Sep 2026
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## AUTOREN
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