# taz.de -- Wandernde Arten: Die gefährlichen Reisen der Regenpfeifer und Trauerschnäpper
> Klimawandel, Landwirtschaft und Siedlungsbau gelten als größte
> Bedrohungen für die Zugvögel. Ihr Schutz muss über Grenzen hinweg
> organisiert werden.
(IMG) Bild: Kurze Pause: Der Seeregenpfeifer zieht im Herbst von der Nordseeküste nach Nordafrika
Kranich, Mehlschwalbe und Trauerschnäpper stehen auf der Shortlist für die
Abstimmung zum [1][Vogel des Jahres des Naturschutzbunds Nabu]. Doch sie
eint noch mehr: Sie sind Zugvögel. Der Trauerschnäpper, ein kleiner,
schwarz- und braun-weißer Singvogel etwa fliegt ins Winterquartier ins
tropische Afrika. Die Sahara überquert er an zweieinhalb Tagen ohne
Unterbrechung. Erst spät im Frühling kehrt er zurück – und weil dieser
wegen der Erderwärmung früher einsetzt, sind seine Nistplätze häufig von
Vögeln wie Meisen besetzt, die den Winter über hier verbringen.
Der Trauerschnäpper hat es schwer, und nicht nur er. Laut dem Bericht
[2][„State of the World’s Birds“] vom Dachverband BirdLife International
gehen 45 Prozent der Bestände aller Zugvogelarten zurück, jede neunte ist
vom Aussterben bedroht. Bei den Seevögeln ist es sogar jede Dritte. Der
Bericht erscheint alle vier Jahre und wurde kürzlich in Nairobi
vorgestellt. Neben 120 weiteren Naturschutzorganisationen aus aller Welt
war als deutsche Vertretung auch der Nabu vor Ort.
Die größte Bedrohung sieht der Bericht im Klimawandel, in der
Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft und dem Flächenschwund durch
Bebauung. „Insbesondere Zugvögel können durch den Verlust von Gebieten
beeinträchtigt sein“, sagte Vera Brust vom Nabu. Auf dem Zug selbst seien
die Tiere widrigen Wetterbedingungen und Fressfeinden ausgesetzt. Das war
schon immer so, aber heute setzen ihnen zusätzlich Straßenverkehr, Jagd,
Hochspannungsleitungen, Glasfassaden und Windkraftanlagen zu.
Mehr als 2.200 Zugvogelarten gibt es weltweit. Die meisten Zugvögel bewegen
sich im Herbst vom Norden in den Süden. Deutschland spielt dabei in
dreifacher Hinsicht eine Rolle: als Transitland, als Ausgangspunkt für
Vogelzüge, die in den Süden übersiedeln, und auch als Überwinterungsgebiet
für Vogelarten, die den Sommer weiter nördlich verbracht haben. Etwa 150
Zugvogelarten brüten in Deutschland, 300 rasten oder überwintern
hierzulande. Besonders wichtig sei es, Lebensräume wie das Wattenmeer zu
schützen: „Zweimal jährlich wird es zur Drehscheibe des Vogelzugs für
mehrere Millionen rastende Watvögel“, sagte Brust.
## Internationale Zusammenarbeit gefragt
Dabei verenden See-, Meeres- und Küstenvögel zum Beispiel an
Plastikabfällen, die sie fälschlicherweise für Nahrung halten. Über eine
Million Seevögel sterben zudem als Folge von Beifang in der Fischindustrie.
Eine weitere Million Wasservögel werden jedes Jahr in Europa durch
Vergiftungen mit bleihaltigen Munitionsresten getötet, die als
Abfallprodukte von der Jagd auf Vögel auf dem Boden landen und von den
Tieren mit Futter verwechselt werden.
Erste Lösungsansätze stellt das Michael-Otto-Institut (MOIN) vom Nabu
bereit: Aus der Erforschung des bedrohten Seeregenpfeifers wurde ein
[3][Nationales Artenhilfsprogramm für Strandbrüter] entworfen. Das Programm
wird vom Bundesamt für Naturschutz mit über einer Million Euro gefördert
und läuft noch bis Februar 2027. Neben dem Seeregenpfeifer zählen auch der
Sandregenpfeifer und die Zwergseeschwalbe zu den untersuchten Arten.
## Seevögel besonders bedroht
Ziel des Projekts ist es, Rast- und Mauserplätze im Wattenmeer gezielt zu
schützen. Mauserplätze sind Orte, an denen sich Vögel zum Mausern
zurückziehen. Während sie ihr Gefieder wechseln, sind die Vögel über
mehrere Wochen hinweg flugunfähig. Sie benötigen Ruhe, suchen im Schilf
Schutz vor Fressfeinden und brauchen eine nahrungsreiche Umgebung, weil sie
weniger Kräfte zur Verfügung haben.
Um die Strandbrüter zu schützen, werden sogenannte „Strandinseln“
eingerichtet, sagte Brust. Auch Elektrozäune werden erprobt, um Ratten,
Katzen oder Hunde von Eiern und Jungtieren fernzuhalten. Eines der
wichtigsten Überwinterungsgebiete der Seeregenpfeifer ist laut Brust das
Saloum-Delta im Senegal. Dort finden in Zusammenarbeit mit senegalesischen
Akteuren aktuell umfangreiche Untersuchungen zu den genutzten Lebensräumen
und Gefährdungen vor Ort statt.
„Um Zugvögel ganzjährig zu schützen, müssen ihre Sommer- und
Winteraufenthaltsorte und ihre Zugrouten bedacht werden“, meinte Brust. Die
internationale Zusammenarbeit müsse dabei mit lokalen Partnern erfolgen.
„Sie kennen die Gegebenheiten am besten und können vor Ort geeignete
Maßnahmen und Kampagnen ausführen“, sagte Brust.
Die Wahl zum Vogel des Jahres etwa soll hierzulande die Aufmerksamkeit auf
Zugvögel lenken. Noch bis zum 15. Oktober kann abgestimmt werden, und am
Wochenende des dritten und vierten Oktober findet zum Höhepunkt des
Vogelzuges das bundesweite [4][Birdwatch-Wochenende] statt. Da sind die
Trauerschnäpper allerdings schon längst unterwegs nach Afrika –
wahrscheinlich rasten sie gerade irgendwo in Spanien.
25 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.vogeldesjahres.de/
(DIR) [2] https://www.birdlife.org/state-of-the-worlds-birds/
(DIR) [3] https://www.bfn.de/projektsteckbriefe/artenhilfsprogramm-strandbrueter
(DIR) [4] https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/birdwatch/index.html
## AUTOREN
(DIR) Anna Simbürger
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