# taz.de -- „Deutscher Herbst“ in Bochum: Deutschland suhlt sich in Melancholie und Angst
> Mehr Meditation als Analyse: Christopher Rüping inszeniert einen
> „Deutschen Herbst“ in der Jahrhunderthalle Bochum.
(IMG) Bild: Komi Mizrajim Togbonou, Wiebke Mollenhauer, Svenja Liesau (v. l.) auf der Bühne der Jahrhunderthalle Bochum
Die meisten assoziieren den Begriff „Deutscher Herbst“ wohl mit dem Jahr
1977: jenem Krisenjahr der Bundesrepublik, als Hanns-Martin Schleyer und
die Landshut-Maschine entführt wurden, um die inhaftierten RAF-Mitglieder
freizupressen.
In der Inszenierung von [1][Christopher Rüping,] einer Koproduktion von
Ruhrtriennale und Deutschem Theater Berlin, kommt das jedoch nicht vor.
Grundlage des Abends ist vielmehr die Reise des schwedischen Reporters Stig
Dagermann durch das kriegszerstörte Deutschland von 1946, der in seinem
Buch „Deutscher Herbst“ von Hunger, Elend, Trostlosigkeit schrieb. Es hat
den Regisseur Rüping tief beeindruckt.
Extreme 80 Meter tief ist die Bühne der Jahrhunderthalle Bochum – und
bleibt an diesem Abend fast leer. Nur seltsame rosa Pool-Nudeln wachsen aus
den Stahlträgern, riesige transparente Plastikgebilde stehen an den Seiten,
in der Mitte wartet ein einsames Klavier. Von weit hinten kommt [2][die
Schauspielerin Wiebke Mollenhauer] und beginnt ganz leise und zart diesen
Abend. Geplagt wird sie von chronischem Schwindel, erzählt sie, zu Besuch
ist sie bei ihrem dementen Vater. Vergeblich versucht sie ihn zu erreichen:
mit dem alten Gesangbuch „Frau Musica“, mit Klavierklängen und
Volksliedern.
Erst später versteht man: Dieser Vater sind wir, das Publikum.
Stellvertretend für jenes Volk der Deutschen, das so viele deutsche Herbste
erlebt hat – und dennoch in Zeiten des Rechtsrucks seltsam
geschichtsvergessen agiert. Eigenartige Gestalten gesellen sich zu Wiebke
Mollenhauer: junge Camper, die „Deutscher Herbst“ von den Böhsen Onkelz
grölen, jenen Song, mit dem sich die Band vom Rechtsrock lossagte. Ein
Mann, gekleidet wie Caspar David Friedrich, der aus „Frau Musica“ zitiert.
Die Sängerin Blümchen in blinkendem Neonpelz, eine 1990er-Ikone, die
unbedingtes Fantum einfordert. Und – ein feiner Herr im Anzug.
## Verlorene Jugend
Steven Adjei Sowah spielt den schwedischen Autor Stig Dagermann, der ein
wenig erstaunt und distanziert über die Bühne wandert und von den blassen
Fischgesichtern der Kellerdeutschen, Flüchtlingströmen, Tuberkulose,
feuchten Kartoffeln, zugemauerten Schulgebäuden und einer verlorenen Jugend
erzählt. Gestalten mit grünen Masken irren dabei über die Bühne,
Erinnerungsgeister und Greenscreens – Projektionsflächen einer Geschichte,
die immer mehr verschwimmt, mit vielen Perspektiven aufgeladen werden
können.
Wiebke Mollenhauer wandert mit, fragend, erstaunt, etwas spießig entrüstet
manchmal, eine naive Reisende durch eine fremde Welt. Immer wieder wehrt
sie sich gegen die Gestalten, die sie bedrängen, gefangen in einem alten
Trauma, das sie nicht versteht, dem sie aber auch nicht entkommen kann.
Erst spät versteht man: Regisseur Rüping nimmt uns mit in den Kopf der
Hauptfigur, die Bühne ist ihr Ohr – und die rosa Poolnudeln entpuppen sich
als die Innenohr-Härchen, die den Schwindel auslösen. Dieser wird an diesem
Abend zum Krankheitssymptom und zur Gegenwartsdiagnose einer Gesellschaft,
die Orientierung, Sinn, Boden verliert und nach rechts rückt.
Düster und melancholisch ist die erste Hälfte der dreieinhalb Stunden.
Lässig und eher unterspannt agieren die Schauspieler, reihen Assoziatives,
manchmal Beliebiges aneinander – so wie es im Kopf eben durcheinandergeht.
Fast schon banal verplaudert wirkt das, oder wie Kindertheater: Farbcodes
werden aufgezählt, minutenlang. Sängerin Blümchen windet sich als Ohrwurm
auf dem Boden. Wiebke Mollenhauer erzählt vom senfgelben Sofa, von dem aus
sie als Kind auf Caspar David Friedrichs Gemälde „Abtei im Eichwald“
guckte. Zu dunklen Bläserklängen werden die Darsteller dann selbst zu
dessen sargtragenden Mönchen: Deutschland suhlt sich in Melancholie und
Angst. Das ist so trist und düster, dass es schon fast grotesk wirkt.
Erst nach der Pause kommt Trost ins Spiel: Die Zuschauer sollen die
wunderschönen Volkslieder mitsingen. In einem irrwitzigen, wunderschönen
Moment des Rauschs schwebt ein riesenhaft transparentes Foliengebilde im
Raum, von herbstlichen Laubbläsern in die Luft getragen. Und es spricht die
große Schauspielerin Almut Zilcher einen Text von Stig Dagermann vom Trost,
den wir alle brauchen und jagen müssen, um nicht zu verzweifeln.
Leider nahm sich der hellsichtige Autor Dagermann trotzdem mit nur 31
Jahren das Leben. Und doch liegt zum Schluss etwas Befreiendes, fast
Albernes in der Luft, wenn alle zusammen zu Blümchens Techno-Song „Liebe
Liebe“ tanzen, es sind die Kindheitschoreografien der Hauptfigur – die so
nun doch irgendwie Zugang zur eigenen Erinnerung bekommt. Das ist tröstlich
und lustig – und zugleich ein Moment zum Fremdschämen. Vielleicht sollten
wir uns doch alle nicht zu ernst nehmen. Anstrengend assoziativ, oftmals
recht banal ist dieser Abend: mehr Meditation oder Gedankenspiel als
Analyse. Straffung hätte ihm gutgetan. Eine schwankende Reise in
schwankende Seelenzustände – auf die sich vermutlich nicht jeder einlassen
kann.
20 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dorothea Marcus
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