# taz.de -- Franziska Gänslers Roman „Orca“: Direct Action
       
       > Franziska Gänsler erzählt in ihrem desillusionierten Roman „Orca“ von
       > Klimaprotesten und Rich Kids und bringt eine zeitgemäße Hauptfigur
       > hervor.
       
 (IMG) Bild: Franziska Gänsler versteht es, von komplexen Situationen zu erzählen: Protest in Lützerath
       
       Alles entwickelt sich langsam in diesem Roman und mit erstaunlich
       unerbittlicher Konsequenz. Zwei Häuser fungieren dabei als zentrale
       Schauplätze. Das eine ist ein altes Anwesen. Großer Garten mit Teich,
       Hühnern, unübersichtlicher Anordnung der Zimmer. Es gehört einem älteren
       Mann, „der Elson“ genannt, der es von seinem Ehemann geerbt hat. Zu Beginn
       des Romans steht es leer. Im Verlauf der Handlung werden hier junge Leute
       einziehen und eine linke Klimaprotest-WG à la Letzte Generation aufmachen,
       sich radikalisieren und von „Direct Action“ träumen.
       
       Das zweite Haus befindet sich in der Nachbarschaft, aber durch einen hohen
       blickdichten Zaun abgetrennt. Es ist eine moderne, kühl eingerichtete
       Villa, auch mit großem Garten, Schwimmbad. Sie wird von Putzteams und
       Gärtnern im halben Dutzend klinisch sauber gehalten und von zwei Personen,
       einer Managerin und ihrer Tochter, bewohnt.
       
       Die beiden Häuser sind also Gegensätze, zwei sehr unterschiedliche
       Lebenswelten, doch es existieren auch Gemeinsamkeiten: In beiden Kellern
       gibt es große Vorräte und für einen Ernstfall vorbereitete Räume. Wenn es
       hart auf hart kommt, kann man in der Villa das Wasser aus dem Schwimmbad
       trinken. Ein gedoppeltes Prepper-Szenario. Das apokalyptische Bewusstsein,
       dass ein Ernstfall eintreten könnte, womöglich unvermeidlich ist, eine
       Klimakatastrophe etwa, vielleicht damit verbundene Unruhen, bildet den
       Hintergrund des Romans.
       
       ## Die andere Zeitebene
       
       Und es gibt noch einen dritten Schauplatz, der zunächst gar nicht zu den
       beiden Anwesen passen mag: eine Fleischtheke in einem Supermarkt. Er liegt
       auf einer anderen Zeitebene. Von hier aus wird die Vorgeschichte in
       Rückblenden erzählt. Dabei wird von Anfang an klar, dass es zu einem
       Verhängnis gekommen ist.
       
       Eine junge Frau, Olympia, ist unter Terroranklagen verhaftet worden. Cora,
       ihre Freundin, hat ihren Lebenstraum, an einer ausländischen
       Elite-Universität zu studieren, nicht verwirklichen können. Sie ist
       Verkäuferin an der Fleischtheke geworden. Beides hängt zusammen. Was genau
       geschehen ist, wird dann, Schritt für Schritt, offengelegt.
       
       Es kann einem seltsam gehen mit diesem dritten Roman „Orca“ der 1987
       geborenen Schriftstellerin [1][Franziska Gänsler.] Auf der Plotebene
       erscheint er überorchestriert, als hätte sich die Autorin nicht für ein
       Thema entscheiden können.
       
       ## Überzeugend zeitgemäße Hauptfigur
       
       Die Dynamiken des aktivistischen Klimaprotestes, das Leben unter Rich Kids,
       auch die Arbeitswelt im Mindestlohnsektor – jedes einzelne dieser Themen
       hätte einen eigenen Roman verdient, und keins dieser Themen ist sonderlich
       originell. Doch das Bemerkenswerte ist, indem dieser Roman diese Themen
       miteinander vermengt, bringt er eine überzeugende und zeitgemäße Hauptfigur
       hervor.
       
       Das ist Cora, die Ich-Erzählerin. Sie ist bei allen Themensträngen dabei,
       gehört aber bei keinem selbstverständlich dazu. Da sie ihre Schule
       abschließen will, zieht sie in letzter Konsequenz nicht in das sich zum
       Protestcamp wandelnde Anwesen ein. In der Schule wiederum, einem Gymnasium
       für reiche Leute, in das sie nur durch ein Stipendium hineingekommen ist,
       bleibt sie eine Außenseiterin. In den Supermarkt passt sie auch nicht
       richtig; sie arbeitet dort wie in einem Exil.
       
       Immer dabei, doch nie selbstverständlich Teil der Gruppe, das ist für die
       Figur anstrengend, aber zugleich auch eine ideale Position als Erzählerin.
       Sie muss ständig genau hinsehen, ihr Verhalten kontrollieren, Codes
       dechiffrieren, aus Mimiken und Tonfällen herauslesen, was gerade von ihr
       erwartet wird. Franziska Gänsler nutzt das für genaue Beschreibungen. „Der
       Geruch der Fleischtheke ist etwas, das mir für immer bleiben wird …“
       
       ## Mehr als eine Coming-of-Age-Geschichte
       
       Dabei lässt Franziska Gänsler einen in Bezug auf diese Ich-Erzählerin eine
       Entwicklung durchlaufen. Zunächst meint man noch, dass man sich im Sinne
       einer Coming-of-Age-Geschichte mit ihr identifizieren soll. Einschlägige
       Marker werden dazu abgerufen: Cora hört Billie Eilish, [2][liest Sylvia
       Plaths „Glasglocke“,] betreibt Fitness, hat schwierige Eltern, die die
       Corona-Epidemie ungut verarbeiten (einer von vielen interessanten
       Seitensträngen: Die Eltern können es sich als prekär arbeitende
       Übersetzer*innen auch nicht leisten, krank zu werden).
       
       Doch bald baut Franziska Gänsler Distanzierungen in die Figurenzeichnung
       ein. Nicht nur, dass der Roman von erst leisen, dann deutlicher werdenden
       Gewaltszenen durchzogen ist. Diese Cora hat auch zu sehr ein
       Anpassungsthema. Ständig ist sie damit beschäftigt, Erwartungen erfüllen zu
       wollen, und sei es mit Tricks, oft sieht sie sich selbst mit den Augen der
       anderen. Eine kleine Bemerkung, sogar nur eine Modulation in der Stimme,
       ein kurzes Zögern kann bei ihr ein Drama hervorrufen.
       
       Franziska Gänsler zeichnet hier auch ein Porträt der mit den sozialen
       Medien Aufgewachsenen, die permanent ihren selbst produzierten Bildern von
       sich hinterherlaufen, zwischen Ich-Wahrnehmung und internalisierter
       Außen-Wahrnehmung gibt es oft keine Schranke mehr.
       
       ## Jeder manipuliert jeden
       
       Auf die eine oder andere Weise sind die Figuren außerdem ständig dabei,
       sich gegenseitig subtil zu manipulieren. Irgendwann glaubt diese Cora, sie
       könne beides haben, die Nähe zum Rich Kid Lilian und die Anerkennung ihrer
       in der Protest-WG wohnenden Freundinnen Ariel und Olympia, doch es ist die
       ganze Zeit über klar: Das kann nicht gutgehen. Und es geht auch nicht gut.
       
       Insgesamt ist „Orca“ ein zutiefst desillusionierter Roman mit einem
       differenzierten Figurentableau. Dass die Managerin Elionore Brecht mit
       ihrem Einsatz für Flüssiggasterminals die Welt nicht besser macht, wird in
       dem Buch vorausgesetzt. Doch auch sie ist keine rundum negative Figur.
       Ihrem sicheren Auftreten nach außen hin stehen Ängste und nervöse Anfälle,
       die sie mit Tabletten bekämpft, gegenüber.
       
       Im Umgang mit Cora, die mit ihrer Tochter Lilian eine Beziehung eingeht, in
       der Nähe und Ausnutzung nicht voneinander zu trennen sind, wirkt Elionore
       Brecht auch sympathisch. Überhaupt, emotional komplexe Gesprächssituationen
       kann Franziska Gänsler sehr gut schildern.
       
       ## Mackertum von links
       
       Aber auch die Gemeinschaft der Protestierenden wird keineswegs als heile
       Gegenwelt gezeichnet. Es gibt Sprücheklopferei: „Wir checken, glaub’
       einfach nicht mehr, wo du ideologisch stehst.“ (Zugleich ein gutes Beispiel
       dafür, dass Franziska Gänsler den aktuellen Politjargon gut drauf hat.) Und
       in der Nebenfigur des Chefprotestlers Ben gibt es in der Gruppe auch
       Mackertum (wobei zu sagen ist, dass Männer in diesem Buch sowieso
       eigentlich durch die Bank schlecht wegkommen; mit Ausnahme des
       idealistischen Hausbesitzers Elson vielleicht).
       
       Was bleibt? Am Schluss drückt Franziska Gänsler etwas zu sehr auf die Tube.
       Egal. Der allerletzte Satz ist dann wieder großartig. „Ohne mich wäre
       nichts von alledem passiert.“ Ist das wieder eine ihrer
       Selbstinszenierungen? Oder gibt es für Cora im Erzählen die Möglichkeit zur
       Selbsterkenntnis?
       
       Man wünscht ihr Letzteres. Man weiß es aber nicht.
       
       5 Oct 2026
       
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