# taz.de -- Buch über Klimapolitik in London: Frische Brise aus England
       
       > Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, selbst asthmakrank, beschreibt in
       > seinem Buch „Atmen“ konkret, wie eine entschlossene Klimapolitik gelingen
       > kann.
       
 (IMG) Bild: Ausgezeichnet! Einer von 3000 Zero-Emission-Bussen in London
       
       Soll der Londoner Bürgermeister den Klimaktivist:innen vor dem
       Gespräch die Hand geben oder nicht? Einige seiner Berater fürchten, die
       Vertreter:innen von Extinction Rebellion könnten sich mit
       Sekundenkleber an der Hand von Sadiq Khan festkleben, und raten dringend
       ab. Bürgermeister Khan schlägt die Warnung in den Wind – und wird nicht
       festgeklebt. Sein Gespräch mit den renitenten Klimaaktivist:innen
       während der Protestwelle im Frühjahr 2019 ist produktiv. Erst später
       entfremden sich beide Seiten, nachdem die Gruppe immer umstrittenere
       Aktionen organisiert.
       
       Sadiq Khan ist ein Mann ohne Berührungsängste. Der 1970 als Sohn
       pakistanischer Eltern in London geborene ist seit 2016 Bürgermeister der
       britischen Hauptstadt, zweimal wurde er wiedergewählt. Nicht obwohl,
       sondern gerade weil er London zu einer Öko-Metropole machen will, ist Khan
       überzeugt. In seinem Buch „Atmen. Wege in eine grünere Welt“ beschreibt er
       mitunter etwas abstrakt, welche Hindernisse eine nachhaltige Klimapolitik
       überwinden muss – und kann. Mit seinem Buch will er Politiker:innen
       und Wähler:innen überzeugen, dass eine erfolgreiche Klimapolitik möglich
       und nötig ist. Eines seiner Erfolgsrezepte: Bündnisse mit allen Seiten zu
       schmieden, mit Klimaaktivist:innen ebenso wie mit Konservativen.
       
       Als der Labour-Politiker Khan im Jahr 2013 völlig unerwartet an Asthma
       erkrankt, beginnt er sich mit dem Problem der [1][Luftverschmutzung in
       London] auseinanderzusetzen. Er erkennt, dass Umwelt- und Klimapolitik auch
       Gesundheitspolitik ist, denn schlechte Luft macht krank. Als Bürgermeister
       will er aus der Stadt mit der extrem schlechten Luftqualität einen Ort
       machen, an dem alle gut atmen können. Unter Khan hat London 2018 als erste
       Großstadt weltweit den Klimanotstand ausgerufen. Mit weitreichenden Folgen:
       Hunderttausende Bäume wurden gepflanzt, Busse auf E-Antriebe umgerüstet,
       Umweltzonen mit Restriktionen gegen Autos mit hohen Schadstoffemissionen
       verschärft und ausgeweitet, Straßen verkehrsberuhigt und Radwege ausgebaut,
       Schulwände mit speziellen Farben versehen, die Schadstoffe absorbieren –
       mit vielen kleinen und großen Schritten ist es Khan gelungen, die
       Luftqualität in London enorm zu verbessern.
       
       Umweltprobleme und Klimakrise treffen arme Bürger:innen härter als
       reiche, weiß der Sohn eines Busfahrers. Mehr als 80 Prozent der
       Grundschulen, in der die [2][Luftqualität] zu Beginn seiner Amtszeit den
       Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation nicht entsprach, lagen in armen
       Gegenden. Mit einer Abwrackprämie unter anderem für Bürger:innen mit
       wenig Einkommen zieht London mehr als 15.500 der umweltschädlichsten
       Fahrzeuge aus dem Verkehr. „Ja, Klimapolitik ist kostspielig“, schreibt
       Khan. „Aber wenn man es richtig anstellt, kann sie dafür sorgen, dass alle
       davon profitieren – insbesondere die Ärmsten.“
       
       Doch das gefällt nicht allen. Der Bürgermeister trifft auf teils heftigen
       Widerstand. „Es reichte nicht aus, lediglich die richtigen Antworten auf
       eine politische Frage zu finden“, schreibt er. „Die Menschen mussten in die
       Antwortsuche einbezogen werden.“ Er ist davon überzeugt, dass die
       Bürger:innen für Klimapolitik sind – die Politik muss einen Weg finden,
       sie so zu präsentieren, dass Wähler:innen sich angesprochen fühlen. „Die
       Lösung besteht darin, zwischen dem Klimawandel – und damit der Klimapolitik
       – und dem alltäglichen Leben der Bürger eine nachvollziehbare Verbindung
       herzustellen“, rät er. Ein aktuelles Beispiel aus diesem Sommer, das nicht
       im Buch vorkommt: Während der Hitzewelle im Sommer 2026 hat London einen
       Hitzeaktionsplan vorgelegt, der Zugang zu öffentlichen kühlen Räumen, mehr
       Trinkwasserstellen im Stadtgebiet, den Ausbau von Schattenplätzen und viele
       andere Maßnahmen vorsieht.
       
       Nicht immer frei von Eitelkeit und Selbstlob beschreibt Khan, wie
       Klimapolitik gelingen und Anklang finden kann – eine Handlungsanweisung ist
       sein Buch nicht. Trotzdem: In Zeiten, in denen die Klimapolitik weltweit
       zwischen Stillstand und Rückschritt wankt, ist Khans Plädoyer für einen
       beherzten und bürgernahen Kampf gegen die Erderhitzung erfrischend und
       ermutigend.
       
       1 Sep 2026
       
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