# taz.de -- Roman von Nadia de Vries: Nichts als Beifang
> Mein Name ist Schellfisch: Die niederländische Autorin Nadia de Vries
> führt sprachmächtig durch die Schattenreiche der modernen Arbeitswelt.
(IMG) Bild: Der Schellfisch ist fett- und kalorienarm und gerade gut genug für die Verarbeitung zu Fish and Chips
Viele Mythen kreisen um den Schellfisch und seinen charakteristischen
dunklen Fleck über der Brustflosse. Petrus soll es gewesen sein, der ihn
einst aus dem See Genezareth zog und das Mal hinterließ, das ihn deutlich
von anderen Dorscharten unterscheidet – an anderer Stelle sind es gar die
Fingerabdrücke des Teufels. Eigentlich ist er ein schöner Fisch. Doch sein
silberner Körper und seine elegante Form täuschen, denn tatsächlich zählt
er zu den gewöhnlichsten und billigsten Fischen, die die niederländische
Fischereiflotte tagtäglich aus dem Nordatlantik zieht. Er ist fett- und
kalorienarm und gerade gut genug für die Verarbeitung zu Fish and Chips.
Die pronomenlose Hauptfigur in Nadia de Vries zweitem Roman „Kapitulation
auf Kommando“ wählt diesen Namen für sich wegen einer „hubbelartigen“ Narbe
in ihrem Gesicht, die ihr nicht von biblischen Figuren beigebracht wurde,
sondern von denen, die sie eigentlich für Freunde und Schicksalsgenossen
hielt.
„Mein Name ist Schellfisch, sehr erfreut“ ist hier jedoch mehr als eine
bloße Selbstbezeichnung, denn Schellfisch hat mehr mit ihrem großäugigen
Namensvetter gemeinsam als bloß das Petrusmal.
Schellfisch stammt aus einem nicht näher bezeichneten Küstendorf, das mit
den niederländischen Urlaubsdomizilen, die im Sommer von Horden rotnackiger
deutscher Touristen heimgesucht werden, wenig gemein hat. Wer hier lebt,
[1][haust in grauen Plattenbauten] und hat höchstens die Wahl zwischen der
örtlichen Stahlschmelze oder dem Paketvertriebszentrum, ist chancenlos und
beißt bereitwillig in jeden Köder, der nach ihm ausgeworfen wird.
Hauptsache, es besteht die Möglichkeit zur Flucht in ein besseres Leben.
## Albtraumhafte Odyssee
Schellfisch und ihre Freunde erfüllen kaum die geringfügigsten
Anforderungen, die man zum Lohnarbeiten mitbringen muss, stehlen Drogen aus
Hospizen und werden schließlich zu „korrektiven Nebenjobs“ verdonnert, was
bedeutet, mit Müllpickern den Strand für Touristen zu säubern.
Märchenhaft und wie Charles Dickens in Oliver Twist erzählt de Vries
Schellfischs albtraumhafte Odyssee durch die Schattenreiche der modernen
Arbeitswelt, in der Gewalt und Erniedrigung zum Standardrepertoire
zwischenmenschlicher Interaktion gehören.
Wäre man nur ein Petermännchen! Auch dieser Fisch lebt schließlich am
Meeresgrund vor der niederländischen Nordseeküste, doch aufgrund seiner
gefährlichen Giftstacheln spielt er als Speisefisch kaum eine Rolle. Als
Schellfisch wartet jedoch an allen Ecken und Enden des Ozeans der Tod.
„Kapitulation auf Kommando“ ist eine Erzählung von der unbarmherzigen Natur
des Schicksals. So rät die abwesende Mutter Schellfischs gleich zu Beginn:
„Menschen, die etwas Kostbares durch einen Zufall verlieren, sinnen auf
Rache. Das sind böse Menschen. Nimm dich vor ihnen in Acht.“ Nach dieser
Maxime handelt der Roman ausschließlich von bösen Menschen, denn in diesem
Potpourri der Niederlagen ist jeder qua Klasse und Herkunft schon der
Möglichkeit auf ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben beraubt.
## Kein soziales Sicherungsnetz
Es ist ein brutales, an vielen Stellen grausames Buch. Auf der Suche nach
Wärme und Geborgenheit zieht Schellfisch Trauma über Trauma an, verliert,
wie bei Dickens, jedoch selbst nie ihre Ideale und Menschlichkeit. Die
aufrichtige Suche nach Liebe ohne doppelten Boden ist gleichzeitig ihre
größte Schwäche und führt zu vielerlei weiteren Verletzungen und
Erniedrigungen.
Der niederländische Staat, immerhin als progressiver bekannt als andere
europäische Konkurrenten, bleibt unsichtbar – für Menschen wie Schellfisch
sind selbst seine sozialen Sicherungsnetze zu grobmaschig. Für die
Menschenfischer der Sozialsysteme erzielt Schellfisch als Beifang keinen
lohnenswerten Preis.
Schellfisch ist der erste Dorsch, der spricht, und wie! Es ist auch de
Vries Sprache, wunderbar ins Deutsche übertragen von Lisa Mensing, über die
Schellfisch ein letztes Fünkchen an Selbstwert behält: Wie und mit welchen
Worten von der Tragik dieses Lebens erzählt wird, das bestimmt auch in
letzter Instanz niemand außer Schellfisch selbst. Folter, Qual,
Vergewaltigung – in diesen Szenen schwebt die Sprache, wie vom Körper
abgelöst, der sie in die Welt setzt. Das Dissoziieren als Traumabewältigung
bekommt hier eine eindrückliche literarische Dimension.
Auf gerade einmal 160 Seiten erzählt de Vries von einer Gesellschaft, in
der sich Angehörige der selben sozialen Klasse als vermeintliche
Schicksalsgemeinschaft begreifen, allerdings das Potenzial der Gewalt –
ganz in ihrer systemischen Ohnmacht gefangen – nur nach unten ausleben, nie
nach oben. Es ist ein Buch, das, obwohl so kurz, kaum in einem Zug gelesen
werden kann. Es tut weh, entlarvt oft in einem beiläufigen Satz die
Lügenkonstrukte, denen wir uns alle verschreiben, um unseren Hals zu
retten.
Am Ende von Schellfischs Held*innenreise gelangt sie zu einer
Erkenntnis: „Von den Jahren, die ich woanders verbracht habe, gibt es keine
Beweise. Ich habe nie ein Haus gekauft oder eine Arbeit mit einem richtigen
Vertrag gehabt, und die Autoritäten sind nicht gekommen, um sich meine
Geschichte anzuhören. Keiner der Menschen, die mir jemals Befehle erteilt
haben, wurde früher oder später von einer anderen Person erniedrigt.
Natürlich verbittert mich das zutiefst. […] Ich bin es leid, zu arbeiten.“
Es ist eine Held*innenreise, weil Schellfisch am Ende – und trotz all dem
schrecklichen Unglück, das sie erfahren hat – immerhin lebt. Ins
Schattenreich des Ozeans kann sie kein Köder mehr so leicht zurückziehen.
6 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Yannic Walter
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