# taz.de -- Neuanfang in Armenien: Die Heimat, die es nicht mehr gibt
> Drei Jahre nach der Eroberung Bergkarabachs durch Aserbaidschan leben
> Zehntausende Karabach-Armenier in Armenien. Viele träumen von einer
> Rückkehr.
(IMG) Bild: Gästehaus in Jerewan: Auch kulinarische Traditionen aus Bergkarabach werden hier gepflegt
Das „Mamik“-Gästehaus liegt hoch über der armenischen Hauptstadt Jerewan,
an einem Hang, von dem aus man an klaren Tagen den Berg Ararat sehen kann.
Eine Schulklasse ist an diesem frühsommerlichen Vormittag zu Besuch. Kinder
kneten Teig, es riecht nach Hefe und warmem Mehl. Lusine Baljan bringt den
Kindern bei, wie man den Teig richtig faltet, so wie sie es in ihrer Heimat
Bergkarabach getan hat. Einer Heimat, die die 53-Jährige vor drei Jahren
verloren hat.
Nachdem Armenien schon 2020 in einem sechswöchigen Krieg große Teile
Bergkarabachs verloren hatte, sollten russische Friedenstruppen die
bestehenden Grenzen sichern. Doch als Aserbaidschan die bergige Region erst
monatelang von der Außenwelt abschnitt und am 19. September 2023
militärisch angriff, erwies sich diese Schutzgarantie als wertlos.
In einer Blitzoffensive überrollten aserbaidschanische Truppen die
armenische Enklave, die seit jeher mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird,
nach dem Ende der Sowjetunion aber völkerrechtlich Aserbaidschan zufiel –
Ursprung eines jahrzehntelangen Konflikts.
Das hochgerüstete Aserbaidschan entschied ihn vor drei Jahren in kürzester
Zeit für sich. Armenien leistete keine Gegenwehr, die russischen Truppen
sahen zu. Zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung kam es zwar nicht, doch
rund 120.000 Menschen mussten fliehen. Die Bilder der kilometerlangen
Autokolonne, die sich über die einzige Passstraße nach Armenien
schlängelte, gingen um die Welt.
## Handwerk und Rezepte aus Bergkarabach
Am Tag nach ihrer Ankunft in Jerewan klopfte Vanuhi Simonjan, die
armenischstämmige Betreiberin des benachbarten Gästehauses, an die Tür:
„Kann ich euch helfen?“ Kurz darauf begann Baljan im „Mamik“ zu arbeiten.
Das von Anfang an als Ort armenischer Kultur gedachte Gästehaus hat seither
eine neue Rolle bekommen. Schulklassen und Touristen lernen hier Handwerke
und Rezepte aus Bergkarabach kennen, singen Lieder und backen das typische
Kräuterbrot. Die Arbeit und die Routine halfen Baljan, zumindest ein wenig
über den Verlust ihres Zuhauses hinwegzukommen.
Wie Baljan landeten die meisten Geflüchteten in Jerewan. Die Stadt war auf
die Ankunft Zehntausender Geflüchteter aber nicht vorbereitet. Der ohnehin
[1][durch russische Kriegsemigranten angespannte Mietmarkt] hat sich weiter
verschärft. Wer eine Wohnung gefunden hat, zahlt oft achtzig Prozent seines
Einkommens für die Miete, sagt Lianna Petrosjan.
Sie wurde selbst aus Bergkarabach vertrieben, erst 2020 aus ihrer
Heimatstadt Hadrut, dann 2023 endgültig. In Jerewan angekommen, sammelte
sie auf Facebook Hilfsgesuche anderer Geflüchteter und engagierte sich für
sie. Weil die Resonanz so groß war, gründete sie bald darauf ein
Informations- und Beratungszentrum für Vertriebene, das sie bis heute
leitet.
Fünf Menschen arbeiten heute in ihrem Büro etwas außerhalb der Jerewaner
Innenstadt. Auch drei Jahre nach der Vertreibung hat das Team genug zu tun.
Das drängendste Problem bleibt der Wohnraum: Staatliche Soforthilfen gibt
es kaum noch. Mietbeihilfe erhalten nur die vulnerabelsten Gruppen,
Menschen über 63 oder mit schwerer Behinderung. Alle anderen stehen allein
da.
## Kein armenischer Pass
Eine große Hürde bleibt die armenische Staatsbürgerschaft. Wer aus
Bergkarabach stammt, ist zwar ethnisch Armenier, besitzt aber keinen
armenischen Pass, sondern ein Dokument der früheren, international nicht
anerkannten Republik Arzach. Jahrzehntelang spielte das kaum eine Rolle.
Seit 2023 hat es alltägliche Konsequenzen. Offiziell ist man „vorübergehend
Schutzberechtigter“. Das kann bedeuten, keine ordentliche Anstellung zu
bekommen. Oder kein Visum für Reisen ins Ausland.
Zwar läuft die Einbürgerung für Karabach-Geflüchtete über ein vereinfachtes
Verfahren, für das keine Sprachkenntnisse mehr nachgewiesen werden müssen.
In der Praxis überfordert das Onlinesystem jedoch viele Ältere und dauert
oft länger als die offiziellen drei Monate.
„Die Staatsbürgerschaft zu erlangen, ist sowohl emotional als auch
finanziell für viele ein Problem“, sagt Petrosjan. Immerhin: Die Zahl der
Einbürgerungen ist zuletzt gestiegen. Bis Ende Juni 2026 hatten rund 40.680
aus Bergkarabach Vertriebene die armenische Staatsbürgerschaft erhalten. An
dem mühsamen Verfahren habe sich dadurch aber nichts geändert, sagt
Petrosjan.
Dieses Prozedere kennt auch eine Bergkarabacherin in ihren Zwanzigern, die
wegen ihrer Arbeit für eine NGO anonym bleiben will. Sie kam schon vor 2020
zum Studium nach Jerewan. Als die feindlichen Truppen anrollten, kamen ihre
Eltern und ihr Bruder nach. Im Juli hat sie nun einen Einbürgerungsantrag
gestellt, eine Antwort erwartet sie frühestens zum Jahresende.
## Offene Anfeindungen
Die Entscheidung für den Antrag war keine leichte: „Der Pass aus Arzach ist
meine letzte Verbindung zur Heimat. Wenn man ihn aufgibt, schließt man ein
Kapitel“, sagt sie. Gleichzeitig braucht sie armenische Dokumente, denn
ohne armenischen Pass wird ihr manchmal das Visum verweigert.
Was sie darüber hinaus umtreibt, sind offene Anfeindungen.
Karabach-Armenier, oft am Dialekt zu erkennen, erlebten oft feindselige
Blicke oder gehässige Kommentare, erzählt sie. Im Bus, im Fitnessstudio, im
Kosmetiksalon, unter Menschen die nicht wüssten, wer da neben ihnen sitze.
Auch online gebe es Hasskommentare. Bestärkt werde all das von der
Regierungsspitze: Premier Nikol Paschinjan habe Bergkarabach-Armenier
wiederholt scharf kritisiert. „Wenn sogar der erste Mann im Staat Hass
verbreitet, breitet dieser sich eben aus“, sagt die junge Frau.
Echten Frieden befürwortet sie – aber nur, wenn er auf Gegenseitigkeit
beruht. Was die Regierung derzeit darunter verkaufe, sei ein von oben
verordneter „Schutzfrieden“. Man gebe Bakus Forderungen nach, statt
Konflikte und offene Fragen zu lösen. Auch brauche es den Willen beider
Seiten.
Als Beleg für fehlenden Respekt der Gegenseite nennt sie einen Vorfall
Mitte September: Ein Berater des aserbaidschanischen Präsidenten hatte
ausländischen Diplomaten am Kloster Gandzasar armenische Handschriften
vorgeführt und deren Echtheit verspottet. Dabei reicht das armenische
Kulturerbe in Bergkarabach Jahrtausende zurück.
## Keine Zweidrittelmehrheit
Viele in Armenien fürchten, dass das dreimal so große und militärisch
haushoch überlegene Aserbaidschan weitere Forderungen stellt. Zwischenfälle
an der nicht vollständig demarkierten Grenze gab es seit 2023 immer wieder.
Zumindest zu einem erneuten Krieg ist es aber nicht gekommen
Für einen Friedensvertrag braucht es noch eine Verfassungsänderung seitens
Armeniens, die wohl weiter auf sich warten lässt. Denn die armenische
Verfassung enthält eine Präambel, die sich als Territorialanspruch auf
Bergkarabach lesen lässt. Um sie zu streichen, bräuchte Paschinjan ein
Referendum und dafür eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, die er auch
[2][nach seinem Wahlsieg im Juni] nicht hat. Aserbaidschans
Außenministerium bekräftigte am 9. September, dass die Verfassungsänderung
Bedingung für die Unterzeichnung sei.
Eng mit einem Friedensschluss verknüpft ist ein geplanter Straßen- und
Eisenbahnkorridor durch Südarmenien: Er soll das aserbaidschanische
Kernland mit dessen Exklave Nachitschewan verbinden, ohne den bisherigen
Umweg über Iran. Eine solche direkte Verbindung fordert Baku seit
Jahrzehnten – dank einer von US-Präsident Donald Trump vermittelten
Grundsatzeinigung vom August 2025 soll die Trump Route for International
Peace and Prosperity (TRIPP) nun tatsächlich gebaut werden.
## Appetit auf mehr
Trotz manch offener Frage kommt das Projekt voran: Im August 2026 gründeten
die USA, Armenien und Aserbaidschan eine gemeinsame
Entwicklungsgesellschaft, im September einigten sich die beiden Länder auf
die Grenzabgrenzung entlang der Trasse. Ob es sich dabei um Armeniens beste
Chance auf dauerhaften Frieden handelt oder ob TRIPP Aserbaidschans Appetit
auf mehr weckt, darüber ist man sich uneins.
Drei Jahre nach der Vertreibung ist der armenische Alltag für die meisten
Geflüchteten zur Routine geworden. Dennoch bleibt die Sehnsucht. Viele
haben die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Bergkarabach nicht aufgegeben.
„Es gibt nicht eine einzige Person unter unseren Vertriebenen, die sie
nicht hegt“, sagt Helferin Lianna Petrosjan. Allerdings unter
internationaler Vermittlung, nicht mit militärischer Gewalt.
Im Gästehaus „Mamik“ backen Lusine Baljan und ihre Besucher unterdessen
weiter das traditionelle Kräuterbrot aus Bergkarabach. Solange die Rezepte,
die Lieder und die Geschichten weitergegeben werden, bleibt die Heimat
lebendig. Wenn auch nur in der Erinnerung, hoch über den Dächern von
Jerewan.
Transparenzhinweis: Die Recherche in Armenien erfolgte auf Einladung der
deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung.
18 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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