# taz.de -- Grüne in Mecklenburg-Vorpommern: Händchen halten für den Wiedereinzug
> Die Hochrechnungen sehen die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern knapp über
> der 5-Prozent-Hürde. Sie könnten regieren – trotz Ärger über Manuela
> Schwesig.
(IMG) Bild: Vorsichtiges Klatschen in Schwerin: Die Grünen haben den Einzug in den Landtag laut den ersten Hochrechnungen knapp geschafft
In den letzten Sekunden vor der 18-Uhr-Prognose stehen Franziska Brantner
und Claudia Müller auf der Grünen-Wahlparty in Schwerin Seite an Seite. Die
Bundesvorsitzende und die Spitzenkandidatin halten sich an den Händen.
Gegenseitiger Beistand bei maximaler Anspannung: In den Umfragen stand ihre
Partei bei 5 Prozent, es geht um den Wiedereinzug in den Landtag – oder das
Aus.
Eine Minute nach 18 Uhr halten sich Brantner und Müller immer noch an den
Händen. Die Prognose steht bei 5,5 Prozent. Tendenz positiv, aber viel zu
knapp, um früh am Abend aufzuatmen.
Es dauert noch mal zwei Stunden, bis die Spitzenkandidatin endlich auf die
Bühne tritt. Eben sind die Grünen in einer neuen Infratest-Hochrechnung um
einen Zehntel-Prozentpunkt auf 5,6 geklettert. Das reicht ihr. „Ich neige
nicht dazu, vorzeitig den Sieg zu erklären“, sagt Müller. „Und ein Sieg ist
das heute nicht. Aber ich bin mir jetzt sicher: Wir sind im Landtag!“
An Wahltagen zittern zu müssen, ist für die Grünen in
Mecklenburg-Vorpommern keine neue Erfahrung: Seit 1990 hatte es der
Landesverband vor Sonntag erst zweimal ins Parlament geschafft. Im Osten
fehlt den Grünen traditionell der Rückhalt und in Mecklenburg-Vorpommern
noch dazu die urbane Wählerschaft, die sie anderswo trägt: Rostock ist die
einzige Großstadt des Bundeslandes.
## Die Präsenz im Osten erhöht
Diesmal haben die Grünen aber einen besonders großen Aufwand betrieben:
Nach den verlorenen Wahlen in Brandenburg und Thüringen 2024 hatte die
Bundespartei umgesteuert und die Präsenz in den ostdeutschen Ländern
erhöht. Der kleine Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern erhielt
zusätzliche Mittel und Know-How, Mitglieder aus anderen Bundesländern
reisten als Wahlkampfhelfer*innen an. Das gute Grünen-Ergebnis in
Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen machte Hoffnung auf zusätzlichen Rückenwind.
Die Rahmenbedingungen waren hier im Norden aber schwieriger. In
Sachsen-Anhalt kam die regierende CDU schon im Wahlkampf nicht gegen die
AfD an. Dass potenzielle Grünen-Wähler*innen zur Union wechseln würden, um
die Rechtsextremen als stärkste Kraft zu verhindern, war unwahrscheinlich.
In Mecklenburg-Vorpommern dagegen regiert in Person von Manuela Schwesig
eine populäre Ministerpräsidentin. In den Umfragen brachte sie ihre SPD auf
den letzten Metern auf Augenhöhe mit der AfD und auf Plakaten warb sie mit
dem Spruch: Die Frau gegen Blau.
Wenig Rücksicht nahm sie damit auf die Nöte der Parteien in der Nähe der
5-Prozent-Hürde – neben den Grünen auch die CDU. Beide nahmen das Schwesig
schon vor dem Wahlabend entsprechend übel. Tatsächlich verloren am Ende die
Grünen vor allem an die SPD, von der CDU wanderten etwa gleich viele
Wählende zur AfD wie zur SPD ab.
Die [1][Grünen hatten im Wahlkampf wie schon in Sachsen-Anhalt mit einem
taktischen Argument] dagegengehalten: Auch hier drohten ohne sie eine
rechtsextreme Regierung oder zumindest unfassbare komplexe
Mehrheitsverhältnisse. Die Organisation Campact startete mit der gleichen
Begründung eine Unterstützungskampagne für die Grünen. Das wiederum sorgte
bei der Linken für schlechte Laune, die in Umfragen stabil über 5 Prozent
stand und nun Verluste an die Grünen befürchtete – die aber laut einer
ersten Wählerwanderungsanalyse nicht eintraten.
## Mehrheit für Rot-Rot-Grün zunächst unsicher
Unterm Strich hat es für die Grünen trotzdem gereicht, auch wegen leichten
Zugewinnen von ehemaligen FDP- und Nichtwähler*innen. „Wir haben es
geschafft in dieser Polarisierung Stimmen bei uns zu halten“, sagt Müller
auf der Wahlparty. „Das ist ein Erfolg, zeigt aber auch, dass wir eine
Verantwortung haben werden.“ Wichtig sei, dass jetzt die demokratischen
Kräfte kein „Blame Game“ betreiben.
Die Regierungsbildung könnte tatsächlich schwer genug werden. Als Müller
auf der Bühne steht, sind die genauen Mehrheitsverhältnisse im Landtag noch
unklar. Aber selbst in der übersichtlichsten aller denkbaren
Konstellationen – einer sicheren rot-rot-grünen Mehrheit – müssten erst mal
die Verletzungen des Wahlkampfs überwunden werden. Immerhin: Claudia Müller
hat Erfahrung mit schwierigeren Koalitionen. Im Bund war sie in der Ampel
Staatssekretärin unter Cem Özdemir im Landwirtschaftsministerium. Regieren
die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern mit, dürfte sie im Kabinett sitzen.
Und die Bundespartei? Sie kann, wenn das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern
hält, auf ein ordentliches Wahljahr zurückblicken. Nicht nur mit Blick auf
das durchwachsene Abschneiden in Berlin ist aber weiterhin Luft nach oben,
und ein durchschlagendes Mittel gegen den Erfolg der AfD haben auch die
Grünen noch nicht gefunden. In den nächsten Wochen sind daher Debatten zu
erwarten – über die Strategie, aber auch übers Personal. Im Dezember wird
der Bundesvorstand neu gewählt. Die beiden Vorsitzenden Banaszak und
Brantner wackeln zwar nicht, auf den Plätzen hinter ihnen sind aber
Veränderungen zu erwarten.
20 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Taktisch-waehlen-Kampagne-von-Campact/!6208405
## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Bündnis 90/Die Grünen
(DIR) Franziska Brantner
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