# taz.de -- Ausgediente Windanlagen: Auf Rotorblättern surfen
       
       > Viele ältere Windräder werden in den nächsten Jahren abgebaut. Den
       > Schrott illegal im Ausland zu entsorgen, ist keine Lösung. Es gibt
       > bessere Ideen.
       
 (IMG) Bild: Illegal entsorgte Rotorblätter liegen neben anderem Müll im tschechischen Dorf Jiříkov und müssen zurück nach Deutschland
       
       Der vor dem Landgericht Weiden in der Oberpfalz [1][verhandelte Fall] ist
       ein Extrem: Geschredderte Rotorblätter von Windkraftanlagen wurden mit
       anderem, aus Deutschland stammendem, schadstoffbelasteten Müll über die
       Grenze nach Tschechien geschmuggelt. Dort kippten ihn die Täter in der
       Ortschaft Jiříkov ab. Die Spur führte zu einem bayerischen
       Recyclingunternehmer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, 700 Tonnen
       Schrott – vor allem ausgediente Windrädern und E-Auto-Batterien – illegal
       auf diese Weise entsorgt zu haben. Der nächste Verhandlungstermin findet an
       diesem Donnerstag statt.
       
       Vor der Frage, was mit Windrädern geschehen soll, die kaputtgehen oder
       gegen neuere leistungsfähigere Anlagen ausgetauscht werden, stehen auch
       andere Unternehmen. Viele jetzt zum ersten Mal.
       
       Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat in den 1990er-Jahren begonnen. Die
       Flügel einer Windkraftanlage halten nach gut 20 bis 30 Jahren aber dem Wind
       nicht mehr zuverlässig stand, das Material ermüdet. Laut der Fachagentur
       Wind und Sonne sind heute von den bundesweit gut 29.200 Windenergieanlagen
       auf dem Festland schon ein Drittel älter als 20 Jahre. Die Anlagen auf
       hoher See kommen noch dazu. So werden zahlreiche Windräder in den nächsten
       Jahren ausrangiert werden müssen.
       
       Sie werden vom Netz getrennt, dann demontiert. Die Betreiber brauchen wie
       für den Neubau auch für den Abriss eine Genehmigung. Sie müssen die
       Baustelle anmelden und Regeln aus Baugesetzbuch und
       Kreislaufwirtschaftsgesetz beachten.
       
       ## Zu 90 Prozent recycelbar
       
       Das Recycling beginnt oft schon vor Ort. Der Beton aus Turm und Fundament
       wird zerkleinert und beispielsweise beim Bau von Straßen verwendet. Der
       Stahl aus dem Stahlbeton wird aussortiert und als Schrott verwertet.
       Metalle wie Kupfer aus den Stromkabeln sind auch gefragt. Somit lassen sich
       laut Umweltbundesamt gut 90 Prozent der Materialien gut recyceln.
       
       Anders ist das beim Rest. Besonders kompliziert ist es bislang noch mit den
       [2][abmontierten und zersägten Rotorblättern]. Das Problem: Die Windflügel
       müssen leicht, biegsam-elastisch, aber strapazierfähig sein, weil sie Wind,
       Regen und UV-Strahlung ausgesetzt sind. Darum stecken in ihnen
       [3][technisch komplexe Materialien]: in Kunstharzen eingebettete Glas- oder
       Kohlenstofffasern. Auch Holz, Schaum, Metalle sind mit verarbeitet.
       
       Das lässt sich alles kaum wieder voneinander trennen und macht das
       Recycling aufwendig und teuer. Lassen sich die Rotorblätter also einfach
       vergraben? Das wäre in Deutschland illegal, ihre Deponierung ist
       hierzulande seit 2005 verboten. Bisher werden sie meist zerkleinert und zum
       Beispiel in der Zementindustrie eingesetzt – als Brennstoff oder
       Sandersatz.
       
       ## Wichtige Sekundärrohstoffe
       
       „Das ist aber nur eine Brückentechnologie“, sagt Fabian Rechsteiner. Er
       forscht am Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und
       Verarbeitungstechnik in Augsburg an neuen innovativen Lösungen. In Zeiten
       von Kriegen, politischen Spannungen, Exportzöllen sei das Recycling nicht
       nur aus Umweltgründen interessant, sagt er: „Recycling sichert Rohstoffe im
       rohstoffarmen Deutschland.“
       
       So ein Rotorblatt sei ein „echtes Monstrum“, habe bei Anlagen auf dem
       Festland eine Länge von bis zu 80 Metern, auf hoher See sogar bis zu 120
       Meter und wiege 10 bis 30 Tonnen. Aus dem Material lässt sich einiges
       machen.
       
       Im niedersächsischen Diepholz kann man am Bahnhof seit diesem Frühjahr auf
       einer Bank aus recycelten Rotorblättern sitzen. Dahinter steckt ein
       [4][Forschungsprojekt der örtlichen Privaten Hochschule für Wirtschaft und
       Technik (PHWT)]. Das Dresdener Unternehmen Wings for Living hat das
       Stadtmöbel hergestellt. Das Unternehmen ist darauf spezialisiert,
       Outdoor-Möbel aus alten Windradflügeln zu designen und zu fertigen.
       
       ## Skier, Unterstände und Fassaden
       
       Die Dresdner sind aber nicht die einzigen, die einem Rotorblatt ein zweites
       Leben geben. Das norwegische Start-up Evi baut in Zusammenarbeit mit einer
       Recyclingfirma Skier aus alten Windradflügeln des Vattenfall-Konzerns. Der
       spanische Konzern Acciona, der auch im Erneuerbaren-Energien-Geschäft tätig
       ist, hat aus ausgemusterten Anlagen Surfbretter formen lassen. Im dänischen
       Aalborg parken Radfahrer am Hafen in einem Unterstand aus ausgedienten
       Windradflügeln. Im schwedischen Lund fahren Autofahrer in ein Parkhaus mit
       einer daraus gebauten Fassade. Und im niederländischen Rotterdam klettern
       und rutschen Kinder auf einem Spielplatz auf Gerüsten und durch Röhren, die
       einst Rotorblätter waren.
       
       Aber das werde nicht die Lösung für alle Rotorblätter sein, erklärt
       Recycling-Forscher Rechsteiner. Er und seine Kollegen haben jetzt ein
       Verfahren entwickelt, mit dem sich die [5][Carbon- oder Glasfasern aus
       ausgedienten Rotorblättern zu einem hochwertigen Vliesstoff] verarbeiten
       lassen. Ein Patent ist angemeldet. Geht alles gut, soll das Verfahren im
       großen Maßstab angewendet werden. Diese technischen Textilien können dann
       etwa Automobil-, Luftfahrt- oder Sportindustrie nutzen.
       
       Gibt es eine Alternative? Rechsteiner sagt: „Würden Rotorblätter von Anfang
       an [6][anders designt, also Materialien verwendet, die sich leichter
       recyceln ließen], würde es einfacher.“ Daran wird auch schon gearbeitet. In
       einem Windpark vor Helgoland drehen sich bereits seit 2023 solche
       neuartigen Rotorblätter. Siemens Gamesa hat sie dort erstmals installiert.
       Sie bestehen aus einem Kunstharz, das sich leichter wieder von den Glas-
       und Kohlenstofffasern lösen soll. Kriminelle Machenschaften verhindert das
       aber wohl trotzdem nicht.
       
       Wie das Urteil gegen den Recyclinghändler aus der Oberpfalz ausfällt, das
       für Mitte oder Ende Oktober erwartet wird, ist offen. Den illegal
       abgelagerten Müll ließen die bayerischen Behörden mittlerweile zurückholen.
       
       23 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.br.de/nachrichten/bayern/muellskandal-in-tschechien-unternehmen-weist-schuld-von-sich,Uf2aG2s
 (DIR) [2] /Demontage-von-Windraedern/!5556576
 (DIR) [3] /Rotorblaetter-haben-kritische-Fasern/!5486176&s=rotorbl%C3%A4tter+recycling/
 (DIR) [4] https://www.phwt.de/aus-rotorblaettern-werden-baenke/
 (DIR) [5] https://www.igcv.fraunhofer.de/de/forschung/kompetenzen/recycling-von-composites.html
 (DIR) [6] https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/produkte/oekodesign/oekodesign-verordnung/oekodesign-richtlinie
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hanna Gersmann
       
       ## TAGS
       
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