# taz.de -- Nordirland, Schottland und Wales: Ach wie schön wäre die Unabhängigkeit
       
       > Die Parteichefs der Unabhängigkeitsparteien von Wales, Schottland und
       > Nordirland sagen London den Kampf an. Premier Andy Burnham reagiert
       > verhalten.
       
 (IMG) Bild: Vier Stimmen für ein bisschen Unabhängigkeit
       
       „Es kann kein klareres Zeichen geben, dass Westminsters Zeit zu einem Ende
       kommt“, so steht es in einer von den Parteichefs der mehrheithaltenden
       Parteien von Wales, Schottland und Nordirland unterzeichneten
       Absichtserklärung. Der Chef der walisischen Partei Plaid Cymru, Rhun ap
       Iorwerth, der schottische SNP-Parteichef und Regierungschef [1][John
       Swinney], die irische Sinn-Féin-Präsidentin [2][Mary Lou McDonald] und die
       Erste Ministerin Nordirlands Michelle O’Neill unterschrieben die Erklärung
       am Montag in der walisischen Hauptstadt Cardiff.
       
       Die kleineren Landesteile des Vereinigten Königreichs haben anders als
       England jeweils ihr eigenes Parlament und eine Regionalregierung. Die
       Posten der Regierungschefin oder des Regierungschefs sind dort inzwischen
       überall mit Mitgliedern der jeweiligen Unabhängigkeitspartei besetzt.
       
       Diese wollen nun Ideen zum Wirtschaftswachstum und zur Energieversorgung
       teilen und eine Zukunft innerhalb der EU planen. „Wir fordern von der
       britischen Regierung einen Plan, eine konstitutionelle Veränderung
       vorzubereiten“, so die Erklärung weiter. Im Klartext: Sie erhöhen damit den
       Druck, Forderungen – insbesondere aus Schottland und Nordirland – nach
       [3][Volksabstimmungen] über die Abspaltung der Landesteile nachzugeben.
       
       Auf einer Pressekonferenz erklärte der Waliser ap Iorwerth: Das starke
       Ergebnis bei den Wahlen für nationalistische Parteien – in Wales wurde
       Plaid Cymru mit 43 Prozent der Stimmen zum ersten Mal stärkste Partei –
       bedeute, dass das Westminster-Modell des Vereinigten Königreichs überholt
       sei. Und dass es ein Mandat gebe, Politik anders zu machen.
       
       Konkret hat Wales bereits angekündigt, eine Kommission zur Untersuchung der
       notwendigen Schritte für die walisische Unabhängigkeit einzurichten. In der
       Zwischenzeit geht es ap Iorwerth um Zugeständnisse von der britischen
       Regierung, darunter eine für Wales bessere Ausschüttung der Ressourcen aus
       dem Staatshaushalt, ausgeweitete Kontrolle über die walisische Polizei und
       Justiz sowie das Rechte auf Gebiete, die unter der Obhut der Royals stehen,
       wie auch mehr Rechte über Küstenregionen, etwa zum Zweck der
       Energiegewinnung durch Windkraft.
       
       Ein Grund, weshalb das Thema in den vergangenen Jahren an Fahrt gewann, war
       der [4][Brexit, der Austritt Großbritanniens] – und damit auch aller
       Landesteile – aus der EU.
       
       ## Ein Kurswechsel in der Politik in London?
       
       Viele dieser Rechte bestehen beispielsweise bereits für Schottland, etwa
       ein in weiten Teilen unabhängiges Justizsystem.
       
       Der Schotte John Swinney forderte ein neues Unabhängigkeitsreferendum für
       seinen Landesteil innerhalb von fünf Jahren. Und verwies auf
       Premierminister Andy Burnham. Dieser hatte in der letzten Woche zu
       verstehen gegeben, dass für ihn ein neues schottisches Referendum durchaus
       möglich wäre, wenn die Mehrheit der Schott:innen es verlange. Das ist ein
       Kurswechsel gegenüber den Positionen seiner Vorgänger in den letzten zehn
       Jahren. Burnham hatte jedoch gleichzeitig betont, dass ein Referendum
       derzeit nicht in Aussicht stehe.
       
       In Meinungsumfragen sind mehr Schotten für die Unabhängigkeit als dagegen.
       Dem britischen Regierungschef Andy Burnham prophezeite Swinney, er werde
       „der letzte Premier des Vereinigten Königreichs“ sein. Seine Partei SNP
       hatte bei den letzten Wahlen im Mai allerdings Verluste erlitten.
       
       Sinn Féins Mary Lou McDonald betonte, dass es um das unveräußerliche Recht
       gehe, die eigene Zukunft zu bestimmen. Irland, Schottland und Wales hätten
       eine andere Geschichte, die respektiert werden müsse.
       
       Nordirlands Erster Ministerin O’Neill machte es noch deutlicher: Es gehe
       darum, sich der Fesseln Westminsters zu entledigen. Die stellvertretende
       nordirische Erste Ministerin Emma Little-Pengelly bezichtigte O’Neill
       daraufhin des Amtsmissbrauchs. Little-Pengelly und O’Neill haben beide
       dieselbe Macht, so wurden ihre Positionen im [5][Karfreitagsabkommen], das
       1998 den Nordirland-Konflikt befriedete, festgehalten. Der nordirischen
       Einheitsregierung gehören auch Befürworter der Union mit Großbritannien an.
       
       [6][Premierminister Burnham] sagte nach der Verkündigung aus Wales, er
       glaube an ein Vereinigtes Königreich und die Partnerschaft mit den
       Nationen. Sein Fokus liege dabei nicht bei konstitutionellen Veränderungen,
       sondern beim Versuch, die Lebenskosten der Menschen im Land zu senken.
       
       (mit dpa)
       
       14 Sep 2026
       
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