# taz.de -- Ars-Electronica-Festival 2026: Lieber Kritik oder lieber Sabotage?
> Das Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz wagte dieses Jahr unter
> dem Titel „Future Begins: Negotiating Humanity“ die ganz große
> Selbstvergewisserung.
(IMG) Bild: „Qwen Stefani Against Techfascism“ von Mediengruppe Bitnik zitiert ein Handbuch gegen algorithmische Kontrolle
Die Zukunft der Menschheit verhandeln – unter keinem geringeren Motto stand
das diesjährige Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz. „Future
begins: Negotiating Humanity“ stand überall in der Stadt an der Donau auf
den pinken Plakaten, Flyern und digitalen Werbeflächen geschrieben, die auf
die Ars hinwiesen.
Und die Bandbreite der Vorträge, Diskussionen und
künstlerisch-technologischen Projekte war enorm. Sie reichte von eher
generalistischen Überlegungen zur Rettung demokratischer Prinzipien über
gesellschaftliche Verhandlungsmodelle zur Entwicklung und Limitierung
technologischer Systeme bis hin zu künstlerischen Projekten, die eine
Allmacht der digitalen Plattformen mal zu kritisieren, mal zu unterlaufen
versuchten.
Einen düster-resilienten Ton gab in seinem Eröffnungsvortrag der
bulgarische Politologe und brillante Zeitdiagnostiker [1][Ivan Krastev]
vor. Er erinnerte daran, dass die Demokratie seit ihrer Entstehung als
Verhandlungsform einer Gesellschaft zumeist als in der Krise befindlich
beschrieben wurde. Dabei verwies er auf die 1950er Jahre in den USA, die
durch extreme Polarisierung und die McCarthy-Hetzjagden geprägt war. Die
gegenwärtige Krise der Demokratie schätzte Krastev allerdings als
substanzieller ein, da zur Polarisierung ein apokalyptisches Denken in
vielen politischen Lagern hinzukomme. Das beschleunige noch die
Polarisierung und unterhöhle eines der Grundelemente von Demokratie,
nämlich das Vertrauen in die Zeit.
„Die temporale Vorbedingung von Demokratie löst sich auf. Merkmal
demokratischer Systeme ist, dass die in Wahlen unterlegene Seite die
Niederlage akzeptieren kann. Denn sie weiß erstens, dass sie nicht alles
verliert, nicht ihre Freiheit, ihren Besitz, ihr Leben. Sie weiß auch, dass
sie nur für eine gewisse Zeit verloren hat und bei den nächsten Wahlen eine
neue Chance hat.“ Aber genau diese Grundvereinbarung habe sich aufgelöst,
nicht [2][nur in den USA unter Donald Trump]. Parallel dazu wachse die
Ungeduld der Wählenden. Die von ihnen Gewählten müssten sofort liefern, was
angesichts der bestehenden Probleme aber nicht immer, vor allem nicht immer
schnell, machbar sei.
## Eine planetare Herangehensweise
Einen mittelfristigen Handlungshorizont zumindest für die drängendsten
Probleme eröffnete immerhin der Historiker und Zukunftsforscher Nils Gilman
vom Berggruen Institute, dem vom deutsch-US-amerikanischen Investor Nicolas
Berggruen gegründeten Think Tank in Los Angeles. Gilman plädierte für eine
planetare Herangehensweise an planetare Probleme. Dafür sollten
Nationalstaaten kleine Teile ihrer Souveränität an technokratische
Institutionen abgeben, die das Recht auf Kontrolle und auch Sanktionierung
hätten – ähnlich der Vereinbarung der [3][Atommächte im Zuge der Kubakrise
1962], ihre Produktionskapazitäten durch die Internationale
Atomenergiekommission kontrollieren zu lassen. Gilman schlug vergleichbare
Verfahren in Sachen Klimakrise und Risikoabschätzung für künstliche
Intelligenz vor.
Künstlerische Projekte auf der Ars beschäftigten sich vor allem mit dem
Verhältnis von Mensch und Technologie. Die Videokünstlerin Hito Steyerl
untersuchte mit ihrem preisgekrönten Projekt [4][„Mechanical Kurds“ die
Ausbeutungsverhältnisse Geflüchteter in kurdischen Gebieten]. Sie markieren
als schlechtbezahlte Clickworker nicht nur Fotos, die so zum maschinellen
Lernen benutzt werden. Sie müssen auch gewärtig sein, von Drohnen getötet
zu werden, deren Steuerung auch durch jene KI erfolgen kann, die anhand der
von ihnen markierten Bilder trainiert wurde. Da ist wenig Raum für
Verhandlung.
Dass so ein Raum auch durch Sabotage entstehen kann, deutet die Berliner
Mediengruppe Bitnik an. In einer der [5][zahlreichen Kirchen, die das
Festival als Ausstellungsstätten] nutzte, installierte sie die artifizielle
Influencerin Qwen Stefani. Die sieht der US-amerikanischen Sängerin und
Schauspielerin Gwen Stefani ziemlich ähnlich. Ihrem madonnengleichen
Antlitz entströmten im Kirchenraum unentwegt Tränen. Leuchtschriften im
Raum verweisen auf Ratschläge aus dem „Feldhandbuch zur einfachen
Sabotage“, das 1944 von US-Geheimdiensten im Kampf gegen den
Nationalsozialismus publiziert wurde.
## Clever sabotieren
Mehr als 80 Jahre später wurde das Handbuch massenhaft von der
Open-Source-Plattform Gutenberg von US-amerikanischen User:innen
heruntergeladen – offensichtlich in der Absicht, die schrillsten Projekte
der Trump-Administration clever sabotieren zu können. Mal sehen, ob
demnächst die Downloads aus Sachsen-Anhalt zulegen.
Zwischen Kritisieren und Sabotieren einerseits, und konstruktivem
Verhandeln andererseits, besteht allerdings eine Kluft, die zumindest die
künstlerische Komponente der Ars nicht zu schließen vermochte. Die Fragen
waren groß gestellt, an den Antworten werden jede und jeder selbst weiter
arbeiten müssen.
14 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tom Mustroph
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