# taz.de -- Enric Mas vor Sieg bei Spanienrundfahrt: Später Lohn für den ewigen Zweiten
> Der lang ersehnte Vuelta-Gesamtsieg ist dem Spanier Enric Mas kaum zu
> nehmen. Der vielfach Kritisierte kann den Ausfall von Tadej Pogačar
> nutzen.
(IMG) Bild: Mit letzter Kraft: Enric Mas hatte bei der letzten Bergetappe am Samstag mächtig zu kämpfen
Nur noch durchhalten – das war das [1][Motto von Enric Mas] auf der
vorletzten und für die Gesamtwertung entscheidenden Etappe dieser Vuelta a
España. Auf dem finalen Anstieg hoch zum Collado de Alguacil – die maximale
Steigung betrug 22 Prozent – war er zu keiner Beschleunigung mehr in der
Lage. Wie festgeklebt blieb er im Sattel sitzen, spulte aber konzentriert
sein Programm ab. „Ehrlich gesagt habe ich zuletzt nur noch die Kilometer
gezählt“, gab er im Ziel zu. Sichtlich erschöpft, nicht einmal zum Jubel
fähig, überquerte er den Zielstrich.
Ein stolzes Lächeln breitete sich dennoch auf seinem Gesicht aus. Zwar
hatte ihm der Österreicher Felix Gall einige Sekunden abgenommen. [2][Sein
ärgster Rivale Primož Roglič] aber war hinter ihm geblieben. Solide hatte
er seine Führung in der Gesamtwertung verteidigt und sah noch vor der
abendlichen Abschlussetappe ringsum Granada wie der sichere Sieger der
Rundfahrt aus.
Acht Jahre hat es der Mallorquiner versucht, seine Karriere mit dem
Gesamtsieg seiner Heimatrundfahrt zu krönen. 2018 wurde er bereits Zweiter.
Gefeiert wurde der damals 23-Jährige von spanischen Medien als legitimer
Nachfolger von Größen wie Alberto Contador, Sieger bei allen drei Grand
Tours, und Miguel Indurain, Fünffachchampion bei der Tour de France.
Doch Mas hielt den Erwartungen der Öffentlichkeit nicht stand. Verletzungen
und Stürze warfen ihn immer wieder zurück. Die Furcht vor der Raserei in
Abfahrten kristallisierte sich als weiterer Wettbewerbsnachteil heraus, wie
auch seine relative Schwäche im Zeitfahren.
## Völlig zu Unrecht kritisiert?
Für bemerkenswerte Vorstellungen bei der Vuelta reichte es dennoch ziemlich
oft. Dreimal wurde er insgesamt Zweiter, einmal Dritter. „Ich weiß auch
nicht, was die Ursache ist, aber diese Zeit des Jahres scheint mir einfach
zu liegen“, bemerkte er selbst.
Kritisiert wurde er dennoch, als ewiger Zweiter, als Rennfahrer, der
einfach nicht siegen kann. „Er war wohl der meistkritisierte spanische
Radsportler. Für mich völlig zu Unrecht“, sprang ihm während dieser Vuelta
Ex-Profi und Eurosport-Reporter Contador bei.
Bei dieser Spanienrundfahrt fügte sich aber alles für Mas. Er war
unumstrittener Kapitän seines Movistar-Teams. Seine Form war gut, wie er
nach längerer Rennpause mit einem fünften Platz bei der Burgosrundfahrt
kurz vor der Vuelta bewies. „Ich habe gut trainiert und fühle mich so gut
wie nie bisher in meiner Karriere“, bekannte er. Wichtigster Baustein für
seinen aktuellen Erfolg war aber der [3][Ausfall von Top-Favorit Tadej
Pogačar] nach einem Sturz auf der 8. Etappe. Mas fiel als Zweitem im GC das
Rote Trikot automatisch zu. Bei der Siegerzeremonie am Abend mochte er es
aus Respekt vor dem Slowenen noch nicht überstreifen.
Am Tag danach gewann er in überlegener Manier aber die Bergetappe zum Alto
de Aitana. „Mein erster Sieg im Roten Trikot“, strahlte er, und in Bezug
auf Dauersieger Pogacar konstatierte er: „Jetzt weiß ich, wie Tadej sich
fühlt. So ein Leadertrikot verleiht einfach Flügel.“
Die ganz großen Pogačar-Flügel schnallte er sich in der Folgezeit zwar
nicht um. Kein weiterer Etappensieg kam für ihn dazu. Sein Team
kontrollierte das Renngeschehen eher defensiv, ließ große Fluchtgruppen
ziehen. Aber Tag für Tag verwandelte er sich von einer „Art Ersatzleader“,
als den ihn die Konkurrenz von Visma – Lease a Bike anfangs noch belächelt
hatte, in den Patron der Rundfahrt. „Die Geschichte dieser Rundfahrt muss
man mit Enric Mas schreiben“, analysierte daher treffend die spanische
Zeitung El País.
Schlüsselmoment neben seinem Etappensieg war auch die gute Leistung beim
Zeitfahren. Der Spanier verlor nur 33 Sekunden auf den mindestens eine
Minute besser eingeschätzten Spezialisten Roglič. Auf Gall gewann er sogar.
Rückblickend sahen spanische Medien Mas in dessen Roten Trikot beim Weg zur
Startrampe des Zeitfahrens mitten in der gewaltigen Stierkampfarena von El
Puerto wie einen Torero einherschreiten, stark, konzentriert und von sich
selbst überzeugt.
All diese Elogen sind später Lohn nach Jahren teils beißender Kritik. Auf
der Fahrt durchs nächtliche Granada am Sonntag kam Mas zugute, dass ein
Großteil der Teams für eine Neutralisierung der Klassementzeiten zu Beginn
der letzten Stadtrunde plädierte, um das Sturzrisiko zu minimieren. Die
Rennleitung kam diesem Wunsch nach und neutralisierte die Etappe vor der
letzten Runde.
13 Sep 2026
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(DIR) Tom Mustroph
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