# taz.de -- Vuelta ohne den Topfavoriten: Verkehrte Verhältnisse
       
       > Die großen Grand-Tour-Teams gehen in Spanien mangels Klassement-Kapitänen
       > auf Etappenerfolge. Die neuen Teams müssen sich erst noch finden.
       
 (IMG) Bild: Kann auch nachdenklich wirken: Wout van Aert
       
       Schmetterlingseffekte können auch durch kleine Steine ausgelöst werden:
       Freunde der nichtlinearen Dynamik sollten interessiert auf die laufende
       Spanienrundfahrt blicken. Denn dort führte ein kleiner Stein zu mächtigen
       Verwerfungen im Rundfahrtgeschäft. Der Festkörper jedenfalls, der sich am
       letzten Samstag auf dunklem Asphalt dem Peloton der Vuelta a España
       entgegenstellte, brachte nicht nur [1][Superstar Tadej Pogačar zu Fall].
       Dessen sturzbedingtes Fehlen löste gleich eine ganze Kettenreaktion aus.
       
       Sah man vorher die weißen Trikots seines UAE-Emirates-Teams fein
       hintereinander aufgereiht an der Spitze des Feldes, um das Rennen zu
       kontrollieren, so ist das Farbenspiel ganz vorn jetzt bunter. Verschiedene
       Teams wechseln sich je nach Interessenlage ab. Oft sieht man die von
       dunkelblau zu mintgrün changierenden Leibchen des Decathlon-Rennstalls
       vorn. Die Mannschaft um den österreichischen Kapitän Felix Gall ist die
       stärkste unter den aktuellen Klassement-Anwärtern. Sie lässt auch gern die
       Muskeln spielen. Das Timing allerdings stimmt nicht immer. „Wir haben es zu
       sehr mit der Brechstange versucht, und mir ging am Ende etwas die Luft
       aus“, übte Gall nach Platz 4 und Zeitverlust von 18 Sekunden auf den
       Spanier Enric Mas bei der Königsetappe am Sonntag Selbstkritik. Mas
       hingegen, nach Pogačars Ausscheiden ins Rote Trikot geschlüpft, muss mit
       den begrenzten Kräften seiner Movistar-Mannschaft haushalten.
       
       „Es ist eine offene Situation. Mas war in den letzten Tagen eine Art
       Ersatzleader. Es ist aber alles andere als sicher, dass er auch am Ende der
       Rundfahrt vorn sein wird. Das macht es anders, weniger vorhersehbar“,
       schätzt Maarten Wynants, sportlicher Leiter von Visma – Lease a Bike, die
       Gesamtlage ein.
       
       Eigentlich sollte diese offene Situation Ausreißer begünstigen. Denn es
       gibt nicht den großen Kontrolleur, der entscheidet, wem wie viel Vorsprung
       zugestanden wird. Aber im hochkomplexen Straßenradsport führt mangelnde
       Dominanz nicht zu mehr Freiheiten. Darüber beklagte sich zuletzt der
       britische Fluchtgruppenspezialist Ethan Hayther. Über 400 Kilometer legte
       er bei dieser Vuelta bereits vor dem Feld zurück. Stets war die Leine aber
       sehr kurz, und er wurde immer wieder eingefangen. „Ich dachte, ich hätte
       jetzt mehr Zeit zum Atmen und sie werden mich fahren lassen, aber sie haben
       den Abstand sehr gering gehalten“, meinte er nach seinem letzten
       missglückten Versuch.
       
       ## Killerbienen
       
       Das richtete sich vor allem an die Adresse von Visma – Lease a Bike. Die
       sind zwar ohne eigenen Rundfahrtkapitän angereist. „Es ist wirklich
       komplett anders für uns. Normalerweise haben wir einen Leader für eine
       Grand Tour und streben den Sieg an. Hier ist es anders“, bestätigte der
       sportliche Leiter Maarten Wynants. „Aber das gibt den anderen Fahrern
       Möglichkeiten, selbst zu glänzen“, fügte er an. Deshalb sieht man die
       schwarz-gelben „Killerbienen“ selbst in den Fluchtgruppen – und nicht als
       zweite große Turbine im Kontrollpeloton.
       
       Dieses Szenario gilt allerdings nur bei eher bergigem Profil. Wird es flach
       und winken Sprintsiege, gruppieren sich die „Killerbienen“ wieder vorn ein.
       Sie lassen Ausreißern wie Hayter wenig Luft, und garantieren so die Erfolge
       vom jungen Sprint-Ass Matthew Brennan und [2][Routinier Wout van Aert].
       Brennan holte drei Etappensiege, van Aert dominiert in Abwesenheit von
       Pogačar die Punktewertung.
       
       Bei dessen Team ist auch alles anders. „Vorher sind wir immer von vorn
       gefahren und haben die Fluchtgruppen kontrolliert, jetzt müssen wir gucken,
       dass wir selbst in die Gruppen kommen“, sagte UAE-Sportdirektor Joxean
       Fernandez. Was leichter ist, was sich auch als erfolgreicher bewährt hat,
       ist kein Geheimnis. „Mit Tadej hast du einfach eine Garantie. Du kannst
       entscheiden, wie stark du die Gruppe kontrollierst, und hast dann weiter
       deine Siegchancen mit ihm.“ Tja, vieles ist anders bei dieser Vuelta a
       España. Und gerade das macht sie sehenswert. Diese Ausgabe gleicht
       inzwischen einem bunten Schmetterling im [3][zuletzt faden, leicht
       ausrechenbaren Rundfahrtgeschäft].
       
       3 Sep 2026
       
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