# taz.de -- taz-Text aus dem Jahr 2001: really ground zero
       
       > Die meisten New Yorker wirken derzeit wie stillgestellt. Die Normalität
       > hat derzeit immer noch hysterische Züge. Szenen aus dem Ausnahmezustand.
       
 (IMG) Bild: Rauchwolke beim Zusammensturz eines der Türme in New York am 11. 9. 2001
       
       Dieser Text der Schriftstellerin Kathrin Röggla ist erstmals am 14. 9. 2001
       in der taz erschienen – wenige Tage nach dem Anschlag. Wir veröffentlichen
       ihn zum 25. Jahrestag noch einmal als Teil einer Auswahl von Texten, um die
       Lage von damals begreifbar zu machen. Alle Texte diese Reihe finden Sie
       [1][hier]. 
       
       1. life
       
       jetzt also hab ich ein leben. ein wirkliches. in meinem wirklichen leben
       hab ich ihn schon von weitem laufen gesehen, ich dachte nur nicht, dass er
       ins haus hinein wolle. er raste direkt hinein in den aufzug, blieb auch
       erst da stehen neben mir, und hat mit seltsamer stimme, so, als müsste er
       es sich erst selbst erzählen, gesagt: „new york is definitely the wrong
       city to live in at the moment!“ jetzt schweigt er. eine weile stehen wir
       nebeneinander, bis ich ein vorsichtiges „you’re right!“ von mir gebe.
       
       vorsichtig aus scheu vor dem, was er erlebt haben könnte, komme ich doch
       letztendlich selbst gerade von der straße, wo ich menschen schreien gesehen
       habe, heulen, gestikulieren. aber auch seltsam ruhige menschen, die einfach
       nur geradeaus blickten richtung world trade center „or the place formerly
       known as world trade center“, manche mit radios in der hand, die
       informiertheit suggerieren und so zu kommunikativen anziehungspunkten
       werden.
       
       einen tower haben wir hier eben brennen und einstürzen sehen, etwa einen
       kilometer entfernt von unserem platz auf der ecke houston/wooster street
       mit ziemlich guter perspektive auf das, was man euphemistisch „geschehen“
       nennen könnte und was doch weitaus zu groß zu sein scheint, um es irgendwie
       integrieren zu können in eine vorhandene erlebnisstruktur.
       
       ja, da unten sehe ich mich stehen, wie ich für einen augenblick nicht mehr
       in meinem wirklichen leben vorhanden bin, denn ich sehe nicht nur mich, ich
       sehe auch einen film. der film heißt: „you can really see it melting.“ das
       verrät mir die junge frau aus dem 22nd floor mit tonloser stimme und meint
       damit den tower. sie findet es total krank, dass die leute fotos davon
       machen. „I can’t believe it, they are making pictures of a catastrophy!“
       ich nicke und werde bald genau zu den leuten gehören, die wahllos
       losfotografieren – doch jedem seine strategie, damit klarzukommen,
       moralische urteile auf dieser ebene scheinen heute seltsam disfunktional.
       nun, es stehen tatsächlich eine menge fotografierender und filmender leute
       vor unseren silver towers – das sind die drei wohnblocks zwischen bleecker
       und houston street mit jeweils ungefähr 30 stockwerken, die zu verlassen
       die meisten um 9 uhr morgens nicht alleine aus neugier unternommen haben,
       sondern genauso wie die junge frau aus angst. da ist auch sofort die angst
       vor einem „krieg“, paranoide vorstellungen, die man hier im augenblick mit
       vielen menschen teilen kann, unter anderem den meisten politikern.
       
       als der zweite tower explodiert, ein anderes wort scheint mir unpassend,
       ist es nicht das „laute“ bild, welches das gefühl auslöst, dass „das da“
       wirklich stattfindet, sondern das relativ leise geräusch. ton- und
       bildschiene fallen hier entschieden auseinander in ihrer auswirkung auf die
       psyche, und wieder ist es die cineastische metapher, die man auch hier
       unten in den kleinen gesprächen zwischen den herumstehenden menschen
       ständig bemüht. gespräche, die man führt, um sich in seine wahrnehmung
       wieder einzubinden, sich einer realität zu versichern in kleinen
       kommunikativen gesten voller redundanzen und wiederholungen. trotzdem wird
       das geschehene dafür nicht nur weitaus zu groß sein, es fehlen bald auch
       die politischen und historischen kategorien, es in einem größeren
       zusammenhang zu beschreiben und zu situieren.
       
       später laufe ich meinem wirklichen leben etwas hinterher durch greenwich
       village richtung hudson river. weg von dem rauch, hinaus ins vermeintliche
       „freie“, ans wasser. inzwischen kann man mich ruhig unter die perverts
       einreihen, denn auch ich habe angefangen zu fotografieren, was mir aber
       nicht gelingt. es bleibt eine seltsam leere geste, denn nichts wird darauf
       zu sehen sein, absolut nichts.
       
       zumindest schon mal nicht dieser mittdreißiger, den ich sofort als
       vietnamveteran beschreiben würde, wäre er nicht zu jung dazu. er regelt auf
       der kreuzung seventh ave/greenwich ave den verkehr. einen geistervekehr,
       wie ich feststellen muss, denn er schreit autos an, die es nicht gibt,
       winkt sie durch. und wenn diese geste doch einmal auf ein real
       existierendes auto trifft, scheint er es gar nicht zu bemerken. es sind
       militärische und zugleich panische gesten, die ihn vollkommen besetzt
       halten.
       
       später werde ich noch zwei dieser zivilen fanatiker kennen lernen, die sich
       in diesen ritus des verkehrsregelns retten. ein eigenartiges amerikanisches
       phänomen, aber vielleicht meinem fotografieren verwandt. ansonsten relativ
       wenig durchgeknallte auf der straße. einen kleinen mann sehe ich bei einer
       ampel stehen. er scheint sich was zu erklären, während es rot wird, während
       es grün wird, während es rot wird und blinkt. auch davon gibt es einige.
       doch die meisten sehen wie stillgestellt aus.
       
       man findet sich in gruppen zusammen vor kleinen geschäften, vor die
       tv-geräte gestellt wurden oder radiolautsprecher. es ist eine merkwürdige
       gefasstheit, die die leute hier ausstrahlen. ja, der katastrophentourismus
       wird erst am zweiten tag einsetzen, es kommt einem auch nicht der gedanke,
       dahin zu gehen, zu „ground zero“, „really ground zero“, dieser mischung aus
       todeszone, „nuclear fall-out area“ und mondlandschaft, die im fernsehen
       nicht abbildbar zu sein scheint. sie wirkt wie überbelichtet, seltsam
       flächig, denn dieses bräunliche weiß schluckt alle kontraste, kassiert die
       räumliche tiefe, zementiert das bild in einer monochromie. menschen aus
       dieser gegend kommen hier völlig verstaubt an, und auch die
       transportfahrzeuge, die die west street entlangrasen, sind bedeckt mit
       diesem schlickigen staub – zementstaub, so bürgermeister giuliani –
       ungefährlich. doch wer weiß.
       
       immer noch versuchen alle zu telefonieren. jeder zweite hält in einer
       mischung aus lethargie und hektik ein handy am ohr, nur selten kommt jemand
       durch, aber alle versuchen es immer wieder erneut.
       
       2. update
       
       am anfang versuchen sie zu klären, ob das ein „second pearl harbor day“
       ist, darüber muss man sich erst einmal einig werden. ob es ein „really
       second pearl harbor day“ ist oder nicht. das ist wichtig, da wird noch mal
       nachgefragt. das ständige anstellen der vergleiche nimmt sich als weiterer
       panischer versuch einer einbindung des geschehens aus. erst am nächsten tag
       höre ich die beruhigende aussage: „this is not world war two. we have to be
       careful with those comparisons.“
       
       aber am tag des geschehens einigt man sich letztlich irgendwie doch
       zwischen moderator und militärexperten auf pearl harbour. und „pearl harbor
       day two“ klingt ja auch schon wieder nach kino, also fasslich. ansonsten
       sagen die reporter noch: „can you tell me, what’s exactly happening there?“
       oder: „what’s to do now?“, „what’s next?“ am häufigsten sagen sie aber:
       „thank’s for your update“ und „let me update you what’s happened during the
       last hours.“ – „update“, das ist das wichtigste wort des tages. es
       impliziert und erspart so die ohnehin ständig gestellte frage: „what’s
       next?“ eine rhetorik, die pragmatismus behauptet, ein vernünftiges handeln,
       aber deutlich hysterische züge trägt.
       
       da fehlen dann nur noch die amateurvideos, die ab dem späten vormittag in
       den news auftauchen und immer neue ansichten von den flugzeugen bieten, wie
       sie die towers durchdringen. gezeigt werden auch augenzeugen, fire-workers,
       die sich durch dieses wahnsinnige pfeifen und diesen ascheregen
       fortbewegen, langsam gegenstände anheben oder herumirrende menschen
       ansprechen, und das programm ist perfekt.
       
       „thank you for your update. what’s next?“, steht an der spitze einer
       vielzahl von rhetoriken und audiovisuellen gesten im amerikanischen
       fernsehen, die ständig ins hysterische oder ins chauvinistische, paranoide
       umzukippen drohen. da schalten sie beispielsweise auf so krude weise die
       vermeintlich Panik erzeugenden aussagen weg, sodass umso mehr panik
       entstehen muss. zum beispiel der arzt, der sagte, dass nicht auszuschließen
       sei, dass biologische kampfstoffe verwendet wurden und er deswegen
       prophylaktisch antibiotika eingenommen habe. er benennt kaum das
       antibiotikum – und schon ist er weg. und wir sitzen schweigsam vor unserem
       tv, bis hektik ausbricht. alles, was panik erzeugt, wird in diesem
       pragmatischen diskurs gleichzeitig beschworen und ausgeblendet, sodass sich
       die hysterie immer mehr hochschrauben kann. zur beruhigung kommen dann
       ehemalige polizeichefs, ehemalige senatoren und generäle, „former fbi“ zu
       sprechen, die ein irgendwie geartetes know-how suggerieren sollen,
       anscheinend ohne wirklich eine politische oder präzise aussage von sich
       geben zu können. nur einschätzungen außenstehender, so ahnt man nach einer
       weile.
       
       oder es wird uns die bedeutung der lage folgendermaßen erklärt: einer
       spricht von einem „huge wake-up-call for this city!“ und ein anderer sagt:
       „this was an act of war.“ dieser andere ist george w. bush bei seiner
       mittwochvormittagsrede. am vortag hat er gesagt: „we will hunt them down!“
       und „punish those responsible!“ ja, das ist er, unser bush, wie er von
       anfang an keine unterschiede zwischen staaten, die die terroristen
       verstecken, und den terroristen macht – na, wenn das nur gut geht, wo doch
       alles noch unklar zu sein scheint.
       
       doch bush wäre nicht bush, wenn er nicht bush von allen seiten wäre. eben
       der starke mann der stunde. der auch genau weiß, wer der feind ist. „einer,
       der sich feige versteckt.“ und den „wir“ kriegen werden. „good“ and „evil“
       werden aufgefahren und fahren gleich wieder ab als trautes paar im immer
       schon entschiedenen kampf. er sagte dienstags auch den merkwürdigen satz,
       dass „sie“ den amerikanischen stahl nicht wirklich schmelzen könnten.
       dieses „not really!“, das er hier trotzig als verbale waffe gegen die
       massive narzisstische kränkung amerikanischen nationalbewusstseins
       hochhält, wird später nur von dem adjektiv „true“ getoppt: „the true symbol
       of the financial power is gone.“
       
       inzwischen dominieren auch draußen die militärgeräusche. an die wird man
       sich hier wohl gewöhnen müssen: denn flugzeugträger sind schon vor der
       stadt, die navy fährt auf, ständig hört man die hubschrauber über einem,
       und – das einzig vertraute geräusch im ohr einer berlinerin – sirenen gehen
       los, und kampfflugzeuge und dahindonnernde transporter bestimmen immer
       wieder die akustik.
       
       den ewigen rauch am himmel hört man ja nicht, der ist nur zu riechen, das
       aber heftig, weswegen am mittwoch nachmittag doch eine odyssee nach
       oxygen-masks beginnt. im vierten laden klappt es. sie sind wahrscheinlich
       sinnlos, aber man setzt sie lieber auf, denn das gibt einem so ein gefühl
       der „security“.
       
       ansonsten ist manhattan jetzt ein gebiet, das man in zonen unterteilt hat:
       „war zone“ sowieso die ganze stadt und zwar „on high alert“, aber eine
       „frozen zone“ das gebiet um meine wohnung. ab der vierzehnten straße
       abwärts, also richtung süden, dürfen keine privatautos fahren, der einzige
       verkehr ist und bleibt auch am donnerstag der emergency-verkehr, und die
       houston street, über die ich im süden auch nicht rauskomme, sieht aus wie
       ein einziges aufmarschgebiet der katastrophenhilfe.
       
       alle geschäfte hier sollen geschlossen sein, was aber nicht stimmt, wie ich
       feststellen kann. ein wenig alltag kehrt ja ein, den darf man hier nicht zu
       erwähnen vergessen, die berühmte fähigkeit der new yorker zum alltag, die
       politiker wie giuliani jetzt beschwören. es hört sich zumindest brauchbar
       an. doch wie kann man normalität wieder herstellen? im supermarkt
       jedenfalls mischen sich die panikeinkäufer mit den normalen konsumenten,
       die sich nur ein sixpack oder eine geburtstagskarte holen. da zeigt es
       sich: allzu schnell wird man selbst zum panikeinkäufer. auch mich hat’s ein
       wenig erwischt. und nicht nur das. auch aufwachen in panik ist mir schon
       gelungen.
       
       aber das liegt wohl wirklich an den geräuschen, die von draußen kommen. und
       auch in allen gebäuden ringsum brennen lichter. schlafen ist eben für die
       meisten schwierig. und am schwierigsten ist eigentlich der moment des
       aufwachens, wenn man eben aufwacht und es einem wieder einfällt.
       
       11 Sep 2026
       
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