# taz.de -- taz-Reportage aus dem Jahr 2001: Die Suche nach Normalität
       
       > Noch schweben Rauchsäulen über New York und die Straßenschluchten sind
       > fast leer. Nur wenige Cafés sind geöffnet.
       
 (IMG) Bild: Rauch am blauen Himmel: die Türme des World Trade Centers am 11. 9. 2001 in New York
       
       Dieser Text ist erstmals am 15. 9. 2001 in der taz erschienen – wenige Tage
       nach dem Anschlag. Wir veröffentlichen ihn zum 25. Jahrestag noch einmal
       als Teil einer Auswahl von Texten, um die Lage von damals begreifbar zu
       machen. Alle Texte diese Reihe finden Sie [1][hier]. 
       
       Der Himmel über New York ist blau. Tiefblau. Wäre da nicht die weiße
       Rauchsäule, die über den Trümmern des World Trade Centers in Lower
       Manhattan aufsteigt. Sie treibt über die Prachtmeile der Fifth Avenue,
       bevor sie sich langsam über der Bronx auflöst. Es ist Tag zwei nach den
       Terroranschlägen auf das Weltfinanzzentrum. Die Börse in der Wall Street
       bleibt auf unbestimmte Zeit geschlossen. Das Kaufhaus Macy’s, die Ketten
       Starbucks und McDonald’s sind zu, genauso wie der Edelschuhladen Lord and
       Taylor. Die Stadt ist ruhig. Es fahren nur wenige Autos. Wenige Menschen
       schlendern durch die Straßenschluchten. Rauch ätzt in den Augen.
       
       Das Straßencafé „commune“ in der 23. Street hat geöffnet. Auf der Terrasse
       sitzt Wayne Dickson, ein Geschäftsmann aus Opaso, Texas. Er hat eine
       Flasche 97er Rotwein „Mondee Shiraz“ vor sich stehen und liest in dem Buch
       „Der Bär und der Drache“ von Tom Clancy. Es geht um die Gefahr, die von den
       Mächten Russland und China für die USA ausgeht. Clancy ist Autor von
       Thrillerromanen. „Wir sind jetzt sicher“, sagt Dickson. „Die Terroristen
       haben Ruhe gegeben. Jetzt sind wir am Zug. Die USA werden zurückschlagen.“
       Und er glaubt ganz fest: „Nach unserem Schlag werden die Terroristen nie
       wieder die Möglichkeit haben, uns anzugreifen.“
       
       Der Araber Bachary Hassan steht unentschlossen vor seinem geschlossenen
       Andenkengeschäft. „Ich hab Angst“, sagt er. Gestern sei er beschimpft
       worden. Einer habe ihn angespuckt. „Aber wir haben doch nichts mit dem
       Terror zu tun. Bin Laden steht nur für sich selbst.“ Er weiß von Freunden
       in Brooklyn, dass sie sich kaum noch aus dem Haus trauen. Nach dem
       Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 seien Schaufensterscheiben
       arabischer Geschäfte eingeschlagen worden. Sogar ein Molotowcocktail sei
       geflogen.
       
       In der Einfahrt zur Notaufname des Medical Center des Department of
       Veterans bilden Flugblätter einen Wandteppich. Er ist mannshoch und fünf
       Schritte lang. Auf jedem der kopierten Din A4-Blättern ist ein Name, ein
       Foto und eine Zahl. Vladimir Savinkin, 101. Etage. Stephan Fogel, 104.
       Etage. Neben dem Foto von Trerra Karama, 97. Etage, ist die Kopie seiner
       unbefristeten Aufenthaltserlaubnis, ausgestellt am 27. November 1998. Das
       Foto von Lucia Jackson, 97. Etage, ist auf dem 51. Geburtstag ihrer Mutter
       Amy aufgenommen worden. Die Hände von Amy zittern, als sie das Bild zeigt,
       auf dem die beiden schwarzen Frauen in die Kamera lachen. Amy hat dasselbe
       bunte Kleid wie damals an. Ihre Tränen werden vom Schatten ihres
       rosafarbenen Hutes verdeckt. „Unsere Luzzie ist eine Kämpferin“, sagt sie.
       „Sie wird rauskommen. Wenn es ein Loch gibt, wo sie durchkrabbeln kann,
       wird sie durchkrabbeln.“ Ihre Stimme erstickt. Dann setzt sie neu an.
       „Unsere Luzzie ist so stolz auf ihre Arbeit. Wo ist sie nur?“ Ihre Finger
       streichen über das Gesicht ihrer Tochter auf dem Foto.
       
       Es kommen andere Leute mit mehr Fotos, mehr Geschichten. Es sind Dutzende,
       die nach ihren Freunden und Angehörigen suchen. Ben Goldman hat das Bild
       seines Vaters dabei. „Vielleicht liegt er verletzt im Krankenhaus und kann
       nicht reden. Wenn die Leute sein Bild sehen, erkennen sie ihn vielleicht.
       Sie sollen zu Hause anrufen.“ Eine junge Frau spricht Ben an. „Wie heißt
       dein Vater mit Vornamen?“ – „Jerry“ – „Der Versicherungsangestellte Jerry?
       Der von Morgan Stanley?“ Ben nickt heftig. „Den haben wir auch nicht
       gefunden. Mein Gott, mein Vater hat mit ihm zusammengearbeitet. Wir haben
       Betsy und Terry gefunden.“ Das Paar geht an die Seite, tauscht
       Telefonnummern aus.
       
       Vor dem Eingang des Beth Israel Hospital an der First Avenue ist die
       Schlange zum Blutspenden kurz geworden. Der Polizist Puerto Castello hält
       die Einfahrt vor der Notaufnahme frei. Er grinst seine Kollegin an, feixt.
       Spielt mit ihrer Erkennungsmarke. Wann die letzte Ambulanz angekommen ist?
       „Weiß ich nicht, muss vor meiner Schicht gewesen sein.“ In den
       Abendnachrichten wird später berichtet, dass nur knapp 500 Verletzte in
       alle Krankenhäuser New Yorks eingeliefert worden sind. Der letzte Transport
       war angeblich gegen 24 Uhr Dienstagnacht.
       
       Gerüchte wabern durch die Straßen. Eine Frau erzählt, es werde mit 20.000
       Toten gerechnet. Es würden hunderte Leichen geborgen. Fähren brächten sie
       über den Hudson River nach Jersey. Eine andere Frau sagt, die in den
       Trümmern Eingeschlossenenhätten keine Chance zum Überleben, der dichte
       Staub habe längst alle erstickt. Eingeschlossene würden über Handys mit
       ihren Verwandten telefonieren, weiß ein Mann. Ein anderer berichtet, der
       Liberty Tower sei eingestürzt. Viele scheinbare Gerüchte erweisen sich
       später als Wahrheit. In der Nacht wird das Viertel um das Empire State
       Building geräumt. Es hat eine Bombenwarnung gegeben. Auf der 14. Straße
       haben Polizisten aus Upstate New York die Avenues nach Downtown gesperrt.
       Sie lassen nur Passanten durch, die ihren Wohnsitz weiter südlich in
       Manhattan haben. Ist die nördliche City ruhig, ist sie hinter der
       Absperrung totenstill. Hier hat fast kein Laden mehr auf. Menschen gehen in
       kleinen Gruppen weiter. Nur ab und zu fährt ein Polizeiauto oder ein
       Feuerwehrwagen stumm über die leeren Straßen. Der Brandgeruch wird
       bitterer. Ein Pudel irrt umher, trabt wenige Schritte in eine Richtung,
       dreht um, trabt weiter, bleibt stehen. Sein früher weißes Fell hängt
       fransig herab. Er winselt. In seinem Gesicht klebt blutig ein ausgelaufenes
       Auge.
       
       An der Ecke Avenue of the Americas und Houston Street hat sich eine kleine
       Menschentraube gebildet. Bulldozer rollen minutenlang vorbei. An ihren
       Fahrerkabinen sind amerikanische Fahnen befestigt. Eine junge Schwarze
       fängt an, rhythmisch zu klatschen. Andere fallen ein. Menschen beginnen zu
       jubeln. Eine alte Frau hebt ihre Arme in die Luft, formt mit ihren Fingern
       das Victory Zeichen. Eine Ecke weiter beginnt das Ausgehviertel um die Uni.
       Hier haben fast alle Cafés geöffnet. Auf den Straßen trinken Pärchen Bier.
       Viele haben Staubschutzmasken um den Hals hängen. Eine junge Frau fragt
       ihren Freund: „Wo sollen wir heute Abend hingehen?“ – „Ted hat gesagt…“
       
       Im Park am Union Square spielen Kinder. Ein Geschäftsmann liegt mit offenem
       Hemd auf der Wiese. Zwei Männer werfen sich einen Football zu. Vor dem
       Denkmal George Washingtons haben sich einige dutzend Menschen versammelt.
       Auf dem Boden liegen Spruchbänder und Stifte. Ein Rastafari mit langen
       Dreads schreibt. „Es ist schwierig, an Frieden zu glauben, wenn so viele
       Krieg wollen.“ Einen Schritt weiter steht: „Bomb them, Bomb them, Mr.
       Bush.“ Und: „New York ist erschüttert, aber New York wird zurückschlagen.“
       Vereinzelt heulen Sirenen. In der Dämmerung beginnt eine stumme
       Kerzenandacht auf dem Washington Square.
       
       Die Rauchsäule über dem Finanz District wird dünner. Langsam bildet sich
       ein Kreis um den Springbrunnen in der Mitte. Menschen strömen herbei. Der
       Platz füllt sich. Einige hundert stehen schweigend zusammen. Ein Mädchen
       mit rot gefärbten Haaren schützt ihre Kerze mit der Hand. Sie heißt Carolyn
       Demisch. „Ich habe da unten gewohnt. Jetzt schlafe ich bei Freunden“, sagt
       die Studentin. Was ihre Kerze bedeuten soll? „Ich will meine Trauer zeigen.
       Mein Mitgefühl mit den Opfern. Meine Solidarität. Ich bin geschockt. Wie
       konnte das passieren?“ Bedeutet die Kerze auch Frieden? „Oh. Die Kerze
       heißt nicht, dass ich Pro-Frieden bin. Wir müssen Krieg gegen die
       Terroristen führen. Wir müssen sie ausrotten. Der Frieden hat doch nie eine
       Chance gehabt.“
       
       Plötzlich steigt wieder eine dichte weiße Wolke über der Südspitze
       Manhattans auf und raubt das letzte Abendlicht. Das Gebäude Nummer fünf am
       World Trade Center ist eingestürzt.
       
       11 Sep 2026
       
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       Japaners mit amerikanischem Patriotismus.