# taz.de -- taz-Kommentar aus dem Jahr 2001: Suche nach dem Bösen
> Am Tag nach den Anschlägen ist die Zahl der Opfer immer noch unbekannt.
> Geheimdienste vermuten, dass Ussama Bin Laden hinter den Attacken steckt
(IMG) Bild: Was bleibt: Überreste des World Trade Centers nach dem Anschlag am 11. September 2001
Dieser Kommentar ist erstmals am 13. 9. 2001 in der taz erschienen – wenige
Tage nach dem Anschlag. Wir veröffentlichen ihn zum 25. Jahrestag noch
einmal als Teil einer Auswahl von Texten, um die Lage von damals begreifbar
zu machen. Alle Texte diese Reihe finden Sie [1][hier].
Noch sind die Flugschreiber nicht ausgewertet, noch herrscht Unklarheit
über Täter wie Hintermänner der Terroranschläge von New York und
Washington, da werden wir in Deutschland schon eingedeckt mit der
bereitliegenden Großanalyse. Deren Kernsatz hat gestern der Historiker
Michael Stürmer formuliert. Er lautet: Der Clash of Civilizations ist jetzt
blutige Realität.
Zweifellos sind die Massenmorde vom Montag Ausdruck äußerster Barbarei. Und
es ist richtig, sie als Angriffe auf die zivilisierte Welt zu kennzeichnen.
Nur: Die zivilisierte Welt ist nicht identisch mit der westlichen. Aber
genau diese Identifikation schwingt mit in einer Reihe politischer
Stellungnahmen.
Samuel Huntingtons Theorie vom „Clash of Civilizations“ (wörtlich
„Zusammenprall der Kulturen“) als Kennzeichen der Politik des 21.
Jahrhunderts bewegt sich auf einer Einbahnstraße von Eroberung und
Unterdrückung, Sieg und Vernichtung. Sie negiert die Möglichkeit des
Ausgleichs, der friedlichen, gegenseitigen Durchdringung der
„Zivilisationen“. Sie folgt dem Freund-Feind-Schema. Entweder WIR oder SIE.
Das macht sie jetzt so nützlich für die Einstimmung der Öffentlichkeit für
eine Politik bedingungsloser Konfrontation.
„Die Welt wird nie wieder so sein wie vor dem 11. September.“ Mit diesem
eher trivialen Ausgangssatz verbinden eine Reihe von Kommentatoren die
Voraussage, künftig würden Sicherheitsbedürfnisse sowohl die
Freiheitsrechte im Innern der demokratisch verfassten Staaten als auch die
Möglichkeiten weltweiter friedlicher Konfliktbewältigung überschatten. Aus
der Tatsache, dass man, mit Klappmessern bewaffnet, erfolgreich die Zentren
der Großtechnologie ausschalten, ja zum Einsturz bringen kann, wird
geschlussfolgert, die Welt bewege sich auf einen Zustand allgegenwärtiger
Unsicherheit zu.
Da eine noch so lückenlose Raketenabwehr gegen mit archaischen Mitteln
ausgeführte Angriffe wehrlos sei, gelte es, das Sicherheitsnetz über
möglichst viele neuralgische Punkte des Alltagslebens zu werfen. Das sei
der Preis, den wir zu zahlen haben.
Nach der Beobachtung der amerikanischen Historikerin Anjana Shrivastava
riefen am Dienstag Polizisten den aus dem südlichen Manhattan fliehenden
Menschen zu: „Schaut nicht zurück!“. Diesem gut gemeinten Ratschlag sollten
wir jetzt keinesfalls folgen. Denn die Fixierung auf den Augenblick des
Schreckens trübt den Blick auf seine Ursachen. Nehmen wir an, die
Attentäter wären tatsächlich aus dem Umkreis fanatisierter islamischer
Gruppen hervorgegangen.
Dann bleibt immer noch zu fragen, aus welchen Motiven sie sich zum
Massenmord und Selbstmord entschlossen. Eine überkommene, kulturell
bestimmte Disposition? Oder eher die Antwort auf das Scheitern einer
friedlichen Verhandlungslösung im Nahostkonflikt? Hat der 11. September
endgültig den Weg blockiert, der durch das Oslo-Abkommen eröffnet wurde?
Hat die Politik ausgedient? Das sollen wir glauben.
Die Bilder von palästinensischen Freudenfesten im Westjordanland als
Antwort auf den Massenmord in New York sind wirklich ekelhaft. Aber wir
sollten uns durch sie keinen Augenblick verführen lassen, das
palästinensische Volk als eine Meute gefühlloser Barbaren abzustempeln.
Hören wir auch auf die Stimmen des Abscheus und Mitleidens aus der
arabischen Welt, die als taktisch motiviert zu bezeichnen allzu einfach
wäre.
Schlägt jetzt die Stunde der Einheit der westlichen Welt, wo jeder wissen
muss, zu wem er gehört? Solidarität ist in der Tat nötig, mit den Opfern,
mit dem Volk der USA, auch mit seiner Regierung. Aber bitte keine
Aufstellung in Reih und Glied, kein Blankoscheck für militärische
Unternehmungen, die mehr dem verletzten Selbstgefühl entspringen als dem
Versuch, die Bande der Attentäter dingfest zu machen. Letztlich ist es die
Politik, die entscheidet.
11 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christian Semler
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