# taz.de -- Grünen-Politiker wechselt zu Thinktank: „Wir wollen ein neues Wirtschaftsmodell entwickeln“
       
       > Früher saß Sven-Christian Kindler im Bundestag. Jetzt will er Klimaschutz
       > anders voranbringen: beim Zoe-Institut für zukunftsfähige Ökonomien.
       
 (IMG) Bild: Klimapolitik ist in Zeiten des Rechtsrucks kein Spaziergang: Hitzesommer 2026 in Augsburg
       
       taz: Herr Kindler, haben Sie sich schon ins [1][Lobbyregister des
       Bundestags] eingetragen? 
       
       Sven-Christian Kindler: Das habe ich gerade erledigt. Das Gesetz sieht das
       ja auch für Thinktanks vor, die Gespräche mit
       Entscheidungsträger*innen führen. Aus Transparenzgründen finde ich
       das wichtig.
       
       taz: Sind Sie denn jetzt Lobbyist? 
       
       Kindler: Nein, das Zoe-Institut ist keine Lobbyorganisation, sondern macht
       evidenzbasierte, wirtschaftswissenschaftliche Forschung und teilt die
       Ergebnisse bewusst breit, auch mit der Politik. Es geht darum, neue Ideen
       zu entwickeln und zu diskutieren, und nicht darum, eigene Interessen
       durchzusetzen.
       
       taz: Was genau ist Ihr Auftrag? 
       
       Kindler: Das Institut hat in Brüssel schon viel dazu gearbeitet, wie eine
       zukunftsfähige europäische Wirtschaft aussehen kann. Jetzt wollen wir ein
       neues Wirtschaftsmodell für Deutschland entwickeln. Unsere Wirtschaft ist
       in der Krise wegen des China-Schocks, der US-Politik und der Klimakrise.
       Wir haben ja gerade erst einen brutalen Hitzesommer mit vielen Todesopfern,
       aber auch mit massiven ökonomischen Konsequenzen erlebt. Gleichzeitig sind
       wir mitten im Umbau zu Klimaneutralität und dieser muss aktiv gestaltet
       werden. Als Abgeordneter war es vor anderthalb Jahren [2][in den
       Verhandlungen] meine Idee, bei der Einführung des Sondervermögens die
       Klimaneutralität bis 2045 ins Grundgesetz zu schreiben. Jetzt will ich
       daran arbeiten, dass wir ins Machen kommen.
       
       taz: Ein großes Vorhaben. Wie soll es gehen? 
       
       Kindler: Erstens wollen wir uns in unserer Arbeit in den nächsten Jahren
       auf die Finanz- und Industriepolitik konzentrieren. Aktuell endet das
       Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität im Jahr 2036, also in der
       Hochphase der Transformation. Es braucht darüber hinaus eine langfristige
       öffentliche Finanzierung, auch über eine Veränderung der Schuldenregeln für
       Zukunftsinvestitionen.
       
       taz: Und zweitens? 
       
       Kindler: Zweitens muss die Transformation ein sozialer Prozess sein, der
       die Ungleichheit nicht vergrößert, sondern verkleinert. Wo wir alte
       Branchen verlieren, weil zum Beispiel die Zulieferindustrie für
       Verbrennermotoren wegfällt, braucht es für die Menschen andere attraktive,
       gute Arbeitsplätze. Es geht also um eine strategische Industriepolitik mit
       gezielten Ansiedlungen. Dazu gehören auch Unternehmenssubventionen, die
       viel stärker an soziale und ökologische Ziele gekoppelt sind als heute. Und
       wir wollen ein Leitbild der Industrie entwickeln: Welche Branchen sind in
       Deutschland zukunftsfähig und mit der Klimaneutralität vereinbar und wie
       können wir diese Industrien jetzt hochziehen und groß ausbauen?
       
       taz: [3][Die AfD ist aktuell so stark wie nie zuvor.] Ist es da nicht ein
       illusorisches Ziel, die Transformation zu beschleunigen? 
       
       Kindler: Menschen wählen eben auch aus ökonomischer Unsicherheit
       rechtsextreme Parteien. Die internationale Forschung zeigt klar: Wenn
       Menschen im Strukturwandel in den Regionen Unterstützung und Perspektiven
       für die Zukunft erhalten, stabilisiert das die Demokratie. Durch die
       Energiewende entstehen bei richtiger Steuerung viele gute Arbeitsplätze und
       Einnahmen für lebendige Städte und Gemeinden.
       
       taz: Als Abgeordneter konnten Sie politische Entscheidungen selbst treffen.
       Im neuen Job werden Sie es schwerer haben, Ihre Vorstellungen
       durchzusetzen. 
       
       Kindler: Ja, wahrscheinlich. Als Politiker hätte ich mir aber Institutionen
       gewünscht, die sich konkret damit beschäftigen, wie wir bis 2045 bei den
       Treibhausgasen komplett auf Null kommen. In vielen Bereichen der Wirtschaft
       gibt es dafür noch keine Lösungen. Wir wollen sie jetzt zusammen mit
       anderen Akteuren entwickeln, auch im Gespräch mit der Politik.
       
       taz: In Ihrer alten Rolle hätten Sie diese Antworten nicht finden können? 
       
       Kindler: Ich habe auch an diesen Fragen gearbeitet, aber die Taktung im
       politischen Betrieb ist sehr hoch und man ist zu oft mit Binnenlogik und
       Personalfragen beschäftigt: Wer wird eigentlich was und wer ist gerade
       wieder gegen wen? Ich habe jetzt einfach Lust, strukturell an großen Fragen
       und Antworten zu arbeiten und dafür habe ich in meinem neuen Job mehr Raum.
       
       taz: Aus dem Bundestag haben Sie sich in erster Linie verabschiedet, weil
       Familie und Mandat für Sie schlecht zu vereinbaren waren. Wie schwierig war
       es, eine Tätigkeit zu finden, in der es besser geht? 
       
       Kindler: Es hat etwas gedauert. Ich hatte zwar auch andere Optionen. Aber
       zum einen wollte ich mein Mandat nicht mit profitorientierter Lobbyarbeit
       vergolden. Zum anderen wollte ich eine Aufgabe, in der ich mir mit meiner
       Frau Erwerbsarbeit und die Begleitung unserer Kinder fair aufteilen kann.
       Die Leute im ZOE Institute wollen etwas reißen und in Deutschland
       durchstarten. Aber sie haben auch Verständnis dafür, was ihre
       Mitarbeiter*innen brauchen. Deswegen passt es für mich.
       
       15 Sep 2026
       
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