# taz.de -- „Kunst im Knast“ meets Fetischfestival: Auch Volkspolizisten können sexy sein
> Die Ausstellung „Unbound – Männlichkeit“ im ehemaligen Frauengefängnis in
> Lichterfelde findet passend zum queeren Fetischfestival Folsom statt.
(IMG) Bild: Hat diese Zeichnung von Jürgen Wittdorf mit Fetisch zu tun? Sie zeigt einen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit
Zum 23. Mal trafen sich in Berlin Tausende queere Fetischfans aus ganz
Europa und machten von Mittwoch bis Sonntag aus dem Nollendorfkiez einen
riesigen öffentlichen Laufsteg für Leder, Latex und Lycra. Rund um die
Fuggerstraße fand Folsom Europe mit Partys und Events sowie einem
Straßenfest mit Bühnen und Ständen statt.
Seit 1984, mitten in der Aids-Pandemie, gibt es in San Francisco in der
Folsom Street ein Straßenfest als Zeichen der Sichtbarkeit der Leder- und
Fetischszene. [1][Seit 2003 gibt es den europäischen Ableger –] gilt Berlin
doch als die Kinky-Hauptstadt des Kontinents.
Zu einem Fetischfestival gehören Ausstellungen. Eine besondere ist in
Lichterfelde im ehemaligen Frauengefängnis zu sehen. „Unbound –
Männlichkeit“ lautet der schlichte Titel der vom [2][queeren Künstlerverein
prideART Berlin] kuratierten Verkaufsausstellung, die in den früheren
Zellen auf drei Etagen rund 150 Kunstwerke aus aller Welt in einer
beeindruckenden Bandbreite präsentiert.
Zu sehen ist Kunst, die den meist nackten oder sexy verpackten männlichen
Körper feiert, ja zum Fetisch überhöht. Wie beim Folsom in Echt. Peter
Churcher zum Beispiel ist mit sechs Ölbildern dabei, der Australier zaubert
betörende Studien zu männlichen Körpern auf die Leinwand.
## Viel nackte Haut – und auch Kuschliges
Mit Acryl malt Lars Deike aus Berlin. Seine Serie „Gold Junge“ zeigt junge
Männer in alltäglichen Posen – und auch das ist erotisch konnotiert, obwohl
sie alle ihre Hosen anhaben und höchstens oben ohne sind. Klar gibt es viel
nackte Haut zu sehen, Fickszenen und erigierte Penisse: Wie für eine
Ahnengalerie hat Matteo Della Libera sechs verschiedene steife Schwänze in
Öl auf Papier gemalt – so nach dem Motto: Die hatte ich alle! Gleich
daneben gibt es Innovatives von Daniel Leo Stern, der seinen eigenen Körper
zeigt, von vorn, von hinten. Der Clou: Wie bei einem Wandteppich hat der
Künstler mit Wolle gearbeitet.
Natürlich gibt es auch Herzwärmendes: Bei Giacomo Agnello Modica umarmen
sich in seinen digitalen Illustrationen, die wie Bleistiftzeichnungen
wirken, zwei Liebende innig oder kuscheln in Löffelstellung.
Und in Zelle 76/77 – die alten Zellennummern stehen nach der
denkmalgerechten Sanierung wie früher an der Wand neben der Tür – lässt
sich eine Entdeckung machen. Dort sind zum Teil noch nie öffentlich
gezeigte Werke von [3][Jürgen Wittdorf] zu sehen.
Der schwule Ost-Berliner, Jahrgang 1932, lebte in Friedrichshain. In seinen
letzten Lebensjahren war er weithin unbekannt, doch Wittdorf erlebt posthum
ein Revival. Daran arbeitet Boris Kollek, der einen großen Teil [4][des
künstlerischen Nachlasses Wittdorfs], bei einer Auktion erwerben konnte.
Kollek, der Wittdorfs Kunst seit 15 Jahren sammelt, arbeitet das rund 800
Blätter umfassende Œuvre auf. Als Hobby. Seine Leihgaben stehen nicht zu
Verkauf.
## Sind Volkspolizisten sexy?
Im ehemaligen Frauenknast sind nun Arbeiten zu sehen, in denen Wittdorf
DDR-Grenzsoldaten, Volkspolizisten, Bauarbeiter, aber auch einen Lederkerl,
Sportler, junge Männer eben – mal in Badehose, mal nackt – zeigen. Klar,
Uniformen können ein Fetisch sein. Auch Volkspolizisten können sexy sein.
Wittdorfs Männlichkeitsverständnis wird mit dem Bild eines Zuchtbullen als
Archetyp, der für Potenz und Stärke steht, auf die Spitze getrieben. Das
ist männliche Kunst, schwule Kunst – mit dem Begriff queer hätte Wittdorf
sicher seine Probleme gehabt.
Dass seine Kohlezeichnung eines Mitarbeiters des Ministeriums für
Staatssicherheit, der wohl etwas zu Protokoll nimmt, nun in einer
Gefängniszelle hängt, hätte ihm sicher gefallen. Heute lässt sich nur
mutmaßen: Der Künstler muss so eine Vorhörszene selbst erlebt haben. Und
konnte dem Ganzen, vielleicht wegen der Liebe zu Uniformen, eine lustvolle
Komponente abgewinnen? Unter dem Bild hat jemand, wer weiß, wann, auf die
leicht ramponierte ockerfarben gestrichene Wand ein passendes Wort
geschrieben: „Grenzen existieren nur im Kopf!“
Die Ausstellung ist am 19./20. September von 15 bis 20 Uhr geöffnet,
Eintritt frei, Zutritt ab 18 Jahre, prideART Berlin e. V., Söhtstraße 7,
Berlin-Lichterfelde
13 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://folsomeurope.berlin/
(DIR) [2] https://prideart.eu/
(DIR) [3] https://www.juergen-wittdorf.de/
(DIR) [4] /Ausstellung-Queere-Kunst-in-der-DDR/!6170111
## AUTOREN
(DIR) Andreas Hergeth
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