# taz.de -- Antimuslimischer Rassismus: Der Blick, der bis heute wirkt
> Vor 25 Jahren löste 9/11 eine Welle an Rassismus aus. Die Folgen sind bis
> heute spürbar und haben viele muslimische Identitäten geprägt.
(IMG) Bild: Erschrocken schauen Menschen in New York am 11. September 2001 auf die brennenden Türme des World Trade Centers
Ich war zehn Jahre alt und in der fünften Klasse, als zwei Flugzeuge in das
World Trade Center flogen. Ich erinnere mich nicht mehr an jedes Bild, das
damals über den Fernseher flimmerte. Aber ich erinnere mich an meine
Lehrerin. Sie zeigte auf mich und fragte: „Und was sagst du denn jetzt
dazu?“ Auf mich. Ich war zehn Jahre alt.
Was ich darauf sagen sollte, wusste ich nicht. Ich hatte keine Erklärung
für die fürchterlichen Anschläge. Ich kannte weder Al-Qaida noch
geopolitische Zusammenhänge, weder [1][die Geschichte Afghanistans] noch
die amerikanische Außenpolitik – so wie jedes andere zehnjährige Kind. Das
Einzige, was mich von meinen Mitschüler*innen unterschied, war, dass
ich muslimisch gelesen wurde. Und plötzlich sollte ich etwas erklären, das
ich weder getan hatte noch verstehen konnte.
Vielleicht beginnt genau hier meine [2][Geschichte mit dem 11. September].
Bei einem schrecklichen historischen Moment, dessen Folgen ich in meiner
muslimischen Identität bis heute spüre. Denn 25 Jahre später frage ich
mich: Was passiert, wenn aus einem Terroranschlag eine Brille wird, durch
die eine ganze gesellschaftliche Gruppe betrachtet wird?
## Das immer gleiche Bild
9/11 hat nicht nur unsere Angst vor Terrorismus geprägt. Es hat auch den
Blick auf Muslim*innen verändert. Über Jahre entstand in Medien und
Politik ein Islambild, in dem Muslim*innen immer wieder als potenzielles
Sicherheitsproblem erscheinen – und dieser Blick wirkt bis heute nach.
Die Anschläge haben nicht nur die Sicherheitsarchitektur verändert, sondern
auch die öffentliche Wahrnehmung des Islams. Für viele Menschen, die kaum
persönlichen Kontakt zu Muslim*innen hatten, entstand das Bild einer
Religion vor allem durch Nachrichten, Talkshows und die immer gleiche
Bildsprache: brennende Türme, vermummte Frauen, bewaffnete Islamisten,
Moscheekuppeln mit Halbmond, Massen beim Freitagsgebet und Polizeieinsätze.
Wo die direkte Begegnung fehlt, werden mediale Bilder besonders
wirkmächtig. Der persönliche Austausch mit Muslim*innen blieb oft die
Ausnahme, während die mediale Konfrontation zur Regel wurde. Dass laut
einer [3][Bertelsmann-Studie] etwa jede zweite befragte Person den Islam
als Bedrohung wahrnimmt, fällt deshalb nicht vom Himmel. Es ist auch
Ausdruck einer Öffentlichkeit, in der Muslim*innen über Jahrzehnte
auffällig häufig im Zusammenhang mit Terror, Integration oder
Sicherheitsdebatten sichtbar waren.
## Vertrauter Rechtfertigungsmodus
Diese Logik wirkt bis heute. Im Alltag bestimmen Kopftuch-, Integrations-
oder Migrationsdebatten regelmäßig die Schlagzeilen. Nach jedem
islamistisch motivierten Terroranschlag beginnt für viele Muslim*innen
ein vertrauter Reflex: der Rechtfertigungsmodus. Obwohl wir mit der Tat
nichts zu tun haben, wissen wir schon am nächsten Morgen, dass wir wieder
gefragt werden, uns zu distanzieren. Als müsste unsere Unschuld erst
bewiesen werden.
Gleichzeitig verschiebt sich die Grenze des Sagbaren. Begriffe wie
[4][„Remigration“] wandern aus rechtsextremen Kreisen in den politischen
Alltag. „Ausländer raus“ wird als Partysong mitgegrölt und vielerorts als
Provokation verharmlost. Das bleibt nicht folgenlos. Es schafft ein Klima,
in dem muslimische Menschen immer häufiger nicht als Individuen
wahrgenommen werden, sondern als Projektionsfläche gesellschaftlicher
Ängste.
Dabei geht es nicht darum, Terror kleinzureden. Im Gegenteil: Die Opfer des
11. September verdienen Erinnerung, Mitgefühl und eine klare Verurteilung
der Täter. Aber wenn die Konsequenz eines Terroranschlags darin besteht,
Millionen Menschen dauerhaft unter Generalverdacht zu stellen, dann haben
wir aus diesem Tag zu wenig gelernt. Kein zehnjähriges Kind sollte jemals
wieder im Klassenzimmer erklären müssen, warum andere Menschen Terror
verübt haben.
11 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bundeswehrstart-in-Afghanistan/!6209750
(DIR) [2] /25-Jahre-nach-9/11/!6212145
(DIR) [3] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/religioese-toleranz-weit-verbreitet-aber-der-islam-wird-nicht-einbezogen
(DIR) [4] /Kanzler-attackiert-AfD/!6211674
## AUTOREN
(DIR) Maiyra Chaudhry
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