# taz.de -- Starke Frauenfiguren in Venedig: In ihrem Körper brennt es
> Bei den Fimfestspielen geben Alba Rohrwacher und Vanessa Scalera starke
> Frauenfiguren mit Schwächen. Und Ilja Chrschanowskis „DAU“-Projekt
> irritiert weiter.
(IMG) Bild: Sieht älter aus, als sie ist: Vanessa Scalera als Angela in „Il fuoco che ti porti dentro“
Dass es wenige Regisseurinnen im Wettbewerb dieser Filmfestspiele von
Venedig gibt, hat schon zu Beginn des Festivals die Jurypräsidentin Maggie
Gyllenhaal bemängelt. Dass es unter den Beiträgen zu wenige starke
Frauenfiguren gebe, lässt sich dagegen nicht sagen. Diese Figuren haben
einige Ecken und Kanten, vor allem weil ihre Darstellerinnen diese so
filigran herausarbeiten.
Im Drama „Un bon petit soldat“ von [1][Stéphane Brizé geht es, wie in
vielen seiner Filme, um die sozialen Abgründe der Arbeitswelt]. Ort der
Handlung ist das Bürohochhaus eines Versicherungskonzerns, dessen
nüchtern-kalte Räume die Kamera fast nie verlässt. Carla hat dort soeben
als Personalchefin begonnen, sie ist ehrgeizig, anpassungswillig und
unbedingt bereit, alles zum Besten der Firma zu geben. Sie steht zugleich
stark unter Druck, jeder kleine Ausrutscher könnte das Ende ihrer Laufbahn
beim neuen Arbeitgeber bedeuten.
Als sie vom Fehlverhalten einer Abteilungsleiterin gegenüber einer
Untergebenen erfährt, informiert sie ihren Vorgesetzten, der will die Sache
jedoch herunterspielen. Carla beginnt darauf, die Betroffenen zu
kontaktieren, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Was nach kurzer
Zeit ihren eigenen Posten ernsthaft zu gefährden beginnt.
Alba Rohrwacher gibt diese Carla mit kontrollierter Sachlichkeit, ihr
Mienenspiel verrät dabei die Ängste ebenso wie die Frustrationen, die sie
ständig schultern muss. Und in einer brillanten Szene, in der sie eine
drastische Personalentscheidung vertreten muss, lügt sie so überzeugend,
dass man ihre Worte fast glauben könnte.
## Sie ist allenfalls ein Erzengel
Ein Versteckspiel dieser Art hat Angela in „Il fuoco che ti porti dentro“
(Das Feuer in dir) von [2][Edoardo De Angelis] nicht nötig. Oder vielmehr:
Sie könnte so etwas wohl gar nicht. Die Familienmutter im gesegneten Alter
hat die Familie am Heiligabend versammelt beziehungsweise alle, die zu ihr
zu kommen bereit sind. Denn ein Engel ist sie, ungeachtet ihres Namens,
nicht, allenfalls ein Erzengel. Kaum sind die ersten Kinder mit Anhang bei
ihr in der Wohnung, fängt sie an zu schimpfen, zu lästern und praktisch
alle um sich herum in der einen oder anderen Form zu erniedrigen.
Die Schauspielerin Vanessa Scalera, die für die Rolle um einige Jahrzehnte
älter geschminkt wurde, bildet das Kraftzentrum dieser Geschichte, die für
ein Drama viel zu witzig ist. Wobei der Witz so schneidend-ätzend und ohne
Rücksicht auf Verluste zuschlägt, dass man beim Zuschauen das eigene Lachen
als Schutzschild benötigt. Auf die kurze Zeitspanne von Heiligabend bis zum
Weihnachtsmorgen begrenzt, verlässt dieses klaustrophobische Kammerspiel
nie die Wohnung, die Kamera kreist lauernd um die Familienmitglieder, als
würde sie die nächsten Opfer aussuchen. Eine rabenschwarze Meditation über
die destruktive Seite der Liebe und eine beachtliche Ensembleleistung.
Apropos Ensemble: Über die Fortsetzung des „DAU“-Projekts des Regisseurs
Ilja Chrschanowski wäre eine Menge zu sagen: über [3][die Kritik, die die
Arbeitsbedingungen am Dreh schon 2020 bei der Berlinale hervorriefen, als
sein Film „DAU. Natasha“ dort im Wettbewerb lief], oder über seinen
aktuellen Hauptdarsteller, den Dirigenten Teodor Currentzis, dem eine Nähe
zum russischen Staat vorgeworfen wird. Über den jetzt in Venedig gezeigten
gut dreistündigen Film „DAU“, der um das Leben des sowjetischen Physikers
Lew Landau kreist, lässt sich sagen, dass die obsessiv akkurate Ausstattung
mit ihren teils abstrusen Details wie einem riesengroßen Flugzeug einen
überwältigt.
Die Permanenz von Gewalt, und Sex in dieser rekonstruierten UdSSR erschöpft
mehr, als dass sie erschreckt. Dafür überrascht Chrschanowski immer wieder
mit absurden Bildern. In einer Szene etwa waten Menschen durch tiefen
Matsch und sehen dabei aus, als seien ihre Körper um 45 Grad nach links
gekippt. Wie hat er das bloß gedreht?
10 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tim Caspar Boehme
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