# taz.de -- E-Scooter in Georgien: Roller für Tblissi, Daten für Moskau
> Der russische Technologiegigant Yandex betreibt in Georgien den Verleih
> von E-Scootern und andere Mobilitätsangebote. Putins Geheimdienst fährt
> mit.
(IMG) Bild: Straßenszene in Tbilissi: Die Nutzerdaten der E-Scooter von Yandex landen beim russischen Geheimdienst
Wer heute durch die engen, hügeligen Straßen [1][der georgischen Hauptstadt
Tbilissi] geht, stolpert unweigerlich über sie: die glänzenden E-Scooter
von Yandex. Für viele Tourist:innen und junge Georgier:innen sehen
sie auf den ersten Blick wie ein praktisches, modernes Fortbewegungsmittel
aus. In Wirklichkeit sind sie der nächste Expansionsschritt eines
hochgradig politisierten russischen IT-Imperiums.
[2][Yandex – oft als „russisches Google“ bezeichnet – ist längst kein
bloßer Suchmaschinenbetreiber mehr.] Das Unternehmen kombiniert die
Funktionen von Google Maps, Amazon und Uber. In Russland dominiert der
Konzern den Markt für Taxis, Essenslieferungen und seit einigen Jahren auch
für E-Scooter. Doch hinter der glänzenden Tech-Fassade und dem billigsten
Service verbirgt sich der verlängerte Arm des Kreml.
Der direkte Draht zum russischen Inlandsgeheimdienst FSB ist gesetzlich
verankert. Seit September 2023 gilt in Russland eine Regelung, die
Taxidiensten – und damit auch Yandex – vorschreibt, dem FSB einen
unbeschränkten, automatisierten Zugriff auf ihre Informationssysteme und
Datenbanken zu gewähren. Das betrifft nicht nur Daten innerhalb Russlands:
Der FSB kann theoretisch jeden Reiseverlauf, jede IP-Adresse und jede
Kreditkartennummer von Nutzer:innen im Ausland einsehen.
Dass Yandex kein politisch neutraler Akteur ist, demonstrierte der Konzern
schon zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Damals
filterte und blockierte die Suchmaschine systematisch Artikel und Posts
über russische Kriegsverbrechen und Verluste für russischsprachige User.
## Auf der Sanktionsliste
In der Ukraine sind Yandex-Dienste bereits seit 2017 komplett verboten. Die
baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland zogen 2022 aus
Sicherheitsgründen die Reißleine. Inzwischen verschärft sich der
internationale Druck im Westen weiter: Im Juni setzte auch Großbritannien
Yandex und dessen Führungskräfte auf seine Sanktionsliste.
Anders Georgien: [3][In dem zu einem Fünftel von Russland besetzten Land]
verzeichnet das IT-Unternehmen ein stetiges Wachstum. Begonnen hatte Yandex
hier 2016 mit dem Taxidienst. Heute flitzen 3.000 E-Scooter durch Tbilissi.
Konfrontiert mit den Sicherheitsbedenken wiegelt das Management ab. Auf
Anfrage teilt das Unternehmen mit, die Daten georgischer Nutzer:innen
würden sicher auf Servern in der EU – genauer gesagt in Deutschland –
gespeichert. Zudem gehörten die Scooter offiziell zwei georgischen Firmen:
Ridetech Georgia und Delivery Technologies Sakartvelo.
## Juristisches Versteckspiel
Doch ein Blick in diese offiziellen Register entlarvt ein juristisches
Versteckspiel. Beide georgischen Firmen gehören zu der internationalen
Holding Yango Group (Ridetech International) mit Sitz in den Niederlanden.
Yango, gegründet 2018, wiederum ist nichts anderes als die internationale
Marke von Yandex (kurz für Yandex Go), um das toxische russische Label im
Ausland zu umgehen. Geführt wird Yango von ehemaligen Yandex-Topmanagern.
Wie eng diese Verflechtung ist, zeigte eine spektakuläre Entscheidung der
niederländischen Datenschutzbehörde: Sie verhängte im April eine
Rekordstrafe von 100 Millionen Euro gegen Ridetech International. Die
Begründung: Der Transfer von Daten nach Russland sei hochgradig
problematisch, da dort Menschenrechte missachtet würden und niemand
kontrollieren könne, gegen wen der russische Staat diese Daten verwendet.
Das Entscheidende: Die Niederländer berechneten die Strafe auf der Basis
des globalen Jahresumsatzes von Yandex und machten damit unmissverständlich
klar, dass Yango kein unabhängiges Unternehmen ist, sondern fester
Bestandteil des russischen Tech-Giganten.
Auch die personellen Strukturen in Georgien sprechen eine klare Sprache:
Ridetech Georgia – registriert im Mai 2022 – wurde bis vor Kurzem von
Kirill Swintzow geleitet, dem russischen Yandex-Go-Chef für die
GUS-Staaten. Nach seiner Beförderung übernahm der armenische Staatsbürger
Aram Mchitarjan die Spitze.
Delivery Technologies Sakartvelo wurde im Juni 2024 von Pawel Kudselka,
einem belarussischen Staatsbürger, registriert. Kudselka treibt die
Entwicklung der Yango-Dienste nicht nur im Kaukasus voran, sondern ist laut
Berichten auch aktiv in das Recruiting für das Moskauer
Yandex-Hauptquartier eingebunden.
Während europäische Metropolen wie Paris Leih-E-Scooter aus
Sicherheitsgründen komplett verbannt haben, gibt es in Tbilissi keine
politische Debatte über die Sicherheit der Gefährte – weder im Verkehr noch
im Bereich der Cybersicherheit.
Mehr als 50 Aktivist:innen wurden in Georgien von Gerichten verurteilt,
weil sie friedlich auf Gehwegen protestierten – mit der offiziellen
Begründung, sie würden Fußgänger:innen behindern. Dass zur selben Zeit
Tausende russische Scooter dieselben Gehwege blockieren und dabei sensible
Bewegungsdaten, Kreditkarteninformationen und Verhaltensprofile der
Bürger:innen direkt in Richtung Moskau funken könnten, scheint die
georgische Regierung nicht zu kümmern.
14 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nastasia Arabuli
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