# taz.de -- Pantomime in Berlin: Was der Körper zu sagen hat
> Die Berliner Künstler*innen Katja Grahl und Birger Markuse wollen der
> selten gewordenen Kunstform Pantomime mit dem „Salon de Mime“ eine Bühne
> geben.
(IMG) Bild: Brennen für die Pantomime: Katja Grahl und Birger Markuse
Es ist kein Zufall, dass bei Marcel Marceau viel zu viel gelacht und viel
zu wenig nachgedacht wurde. Denn kaum ist bekannt, dass der Mann, der bis
heute als berühmtester Pantomime der Welt gilt, Sohn einer jüdischen
Familie ist. Sein Vater wurde 1944 deportiert und in Auschwitz ermordet.
Marcel legte seinen jüdischen Nachnamen Mangel ab, schloss sich der
Résistance an, fälschte Papiere für Hunderte jüdische Kinder und half, sie
über die Grenze in die Schweiz zu bringen. Der Regisseur Maurizius Staerkle
Drux erzählt in seinem Dokumentarfilm „Die Kunst der Stille“, wie Marceau
die Kinder unterwegs mit wortlosem Theater ablenkte.
Nach dem Krieg behielt Marcel seinen französischen Kampfnamen Marceau,
begann, die nonverbale Bühnenkunst zu erlernen, und erfand die Kunstfigur
mit dem Namen Bip, als die er berühmt wurde. Später erinnerte er sich an
seine Hoffnung, mit seiner Kunst auch „verhärtete Herzen“ zu erreichen, wie
er sagte. Seine Tochter Aurélia Marceau beschreibt es am Ende des Films
persönlicher: „Manchmal dachte ich, dass er seine Welt mit seinen
Erinnerungen bevölkert hat. Der Schmerz ist ein Leben lang geblieben.“
Fast 80 Jahre später kämpfen zwei Berliner Pantomimen mit einem Problem,
das vielleicht bei der Wahrnehmung Marceaus als Harlekin begann: Kaum
jemand weiß heute noch, wie tief ihre Kunst eigentlich geht. Katja Grahl
und Birger Markuse wollen das ändern. An diesem Wochenende veranstalten sie
in Berlin den ersten „Salon de Mime“. „Das Schwierigste an der Pantomime
ist, dass die Leute sie nicht mehr präsent haben“, sagt Grahl.
Grahl und Markuse sitzen in einem hellen Proberaum im Theaterhaus Mitte.
Eine Wand ist verspiegelt, vor den Fenstern wiegen sich die Baumkronen in
der sanften Brise des Spätsommers. Schon während des Gesprächs fällt auf,
dass ihre Körper nicht einfach nur auf den Stühlen lümmeln. Sie halten sich
kerzengerade, eine Hand führt einen Gedanken weiter, eine Schulter
reagiert, eine andere Neigung des Kopfes verschiebt Bedeutungen. Beide
arbeiten seit Jahrzehnten mit ihrem Körper. Man sieht es, bevor sie darüber
sprechen.
## Pantomime als Essenz
Birger Markuse kam früh zur Bühne, 1973 zunächst in den Kinderchor der
Staatsoper Berlin. In den achtziger Jahren entdeckte er die Pantomime,
später folgten Ausbildungen an der Etage Berlin, Theaterpädagogik an der
Hochschule der Künste und Regie im freien Theater. Seit mehr als 30 Jahren
arbeitet er freischaffend: auf Bühnen und Marktplätzen, mit Ensembles, im
Impro- und Mitmachtheater, als Mime und Performancekünstler.
Katja Grahls Weg verlief verschlungen. Ihre Künstlerkarriere begann vor 25
Jahren als Fakirin, sie arbeitete im Zirkus- und Entertainmentbereich. Aber
irgendwas fehlte. Dann besuchte sie einen Pantomimekurs an einer
Volkshochschule. „Da wusste ich sofort: Das ist meins.“ Sie ließ sich
ausbilden; heute verbindet sie die vom Varieté geprägte Lust an der
Unterhaltung mit der körperlichen Präzision der Schule von Marceaus Lehrer
Étienne Decroux, der mit der Mime Corporel Dramatique eine regelrechte
Grammatik des Körpers entwickelte. Wenn sie könnte, wie sie wollte, sagt
sie, würde sie nur noch Pantomime machen.
Was sowohl Grahl als auch Markuse an dieser Kunst fasziniert, ist ihre
eigentümliche Direktheit. „Pantomime ist immer wie eine Essenz“, sagt
Grahl. „Weil alles andere wegfällt, muss man viel genauer denken und
genauer arbeiten. Die Pausen werden wichtiger, der Rhythmus auch.“
In gewisser Weise ist Pantomime eine der niedrigschwelligsten Künste
überhaupt. Sie verlangt keine gemeinsame Sprache. Ein erschrockener Mensch,
Freude, Trauer, Angst, Zärtlichkeit, Erschöpfung – vieles davon lesen wir
in einem Körper, ganz egal, wo, wann und wie er aufgewachsen ist. Das
machte auch Marceaus Kunst über Grenzen hinweg verständlich – er trat auf
der ganzen Welt auf.
## Die unsichtbare Mauer
Doch ausgerechnet eine Kunst ohne Worte ist heute erklärungsbedürftig.
„Nonverbales Theater ist nicht automatisch Pantomime“, sagt Grahl.
„Pantomime ist ein Handwerk.“ Nur nicht zu sprechen, reiche nicht.
Die unsichtbare Wand ist das einfachste Beispiel. Jeder kann eine
Handfläche in die Luft halten und damit behaupten: Hier ist eine Wand. Der
Pantomime muss sie entstehen lassen. Stellung und Spannung der Finger, Arm,
Schulter, Oberkörper, der Gegendruck des Körpers müssen so genau
zusammenspielen, dass der Zuschauer die Fläche vor sich zu sehen glaubt.
„Es geht nicht darum, zu erkennen, was gemeint ist“, sagt Grahl. Markuse
bringt ihren Gedanken zu Ende: „Der Zuschauer muss es spüren.“
Marcel Marceau konnte aus dieser Präzision ganze Welten entstehen lassen.
In einer seiner Szenen schreitet er mit erhobener Brust voran, offen, fast
zuversichtlich. Eine Kugel trifft ihn. Er krümmt sich, richtet sich auf,
geht weiter. Marceau nannte die Szene den „Marsch der Menschlichkeit“. Ein
Mensch wird niedergezwungen und richtet sich wieder auf. Eigentlich braucht
es keinen Titel, um das zu verstehen.
Die Pantomine ist viel ernster, aber auch älter als das ulkige weiße
Gesicht, auf das sie heute gern reduziert wird. Ihre Geschichte reicht bis
in die griechische und römische Antike. Später führt eine Linie über die
Commedia dell’arte und Figuren wie Pierrot zu den großen Schulen des 20.
Jahrhunderts. Heute findet man Pantomime dort, wo man sie oft gar nicht so
nennt: im Zirkus und Physical Theatre, beim Clown und sogar in der Comedy.
Von Charlie Chaplin und Buster Keaton führt eine Linie zu Rowan Atkinson.
Der Körper bringt nicht die Idee zum Ausdruck, sondern die Idee entspringt
aus dem Körper.
## Der Blick verändert sich
Der Pantomime wieder mehr Geltung zu verschaffen ist also das Ziel von
Grahl und Markuse. Am Freitag zeigen sie im „Salon de Mime“ im Theaterforum
Kreuzberg unterschiedliche Künstler*innen kurze Arbeiten; anschließend
soll mit dem Publikum gesprochen werden. Am Samstag und Sonntag folgt
Grahls Soloprogramm. „Pantomime ist nicht gleich Pantomime“, sagt sie. Wer
einen ganzen Abend nur einen Künstler sehe, ergänzt Markuse, könne mit
dessen Stil etwas anfangen oder eben nicht. Stehen dagegen viele
unterschiedliche Handschriften nebeneinander, verändert sich der Blick.
Dabei geht es auch um die Berliner Szene selbst. Tanz und Zirkus haben
Verbände, Festivals, Häuser und Netzwerke. Für Pantomime gibt es
Vergleichbares kaum. Ausgebildete Mimen sind durchaus da, aber viele
arbeiten längst in anderen Bereichen. Ein eigenes Bühnenprogramm verlangt
hartes Training und enorme Präzision; jede Bewegung zählt. Gleichzeitig ist
es schwer, damit Häuser und Publikum zu erreichen.
So entsteht ein Kreislauf: Weil Pantomime selten gespielt wird, kennt das
Publikum sie kaum. Weil das Publikum sie kaum kennt, scheuen Theater das
Risiko. Und weil die Theater sie selten buchen, bleibt sie unsichtbar. Der
Salon, der ohne jede Förderung gestemmt wurde, soll diesen Kreislauf
unterbrechen.
18 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
## TAGS
(DIR) Freies Theater
(DIR) Zirkus
(DIR) Clowns
(DIR) Reden wir darüber
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