# taz.de -- Postpartale Depression bei Männern: Ein Glücksmoment, der keiner ist
> Wie es sei mit dem Baby, wird der Autor nach der Geburt ständig gefragt.
> Schlecht, will er sagen, und fühlt sich schuldig. Nicht wenige Männer
> kennen das.
(IMG) Bild: Ein eigenes Kind auf den Schultern zu tragen bedeutet nicht automatisch, nur Glück zu empfinden
Stell dir vor, es geht dir richtig dreckig und alle gratulieren dir
überschwänglich. Das kann dir passieren, wenn du gerade ein Kind bekommen
hast. So war es bei mir. Es ging mir schlecht. Ich hatte Angst, einen
riesigen Fehler begangen zu haben, war dauernd gereizt, und die ganzen
verzückten Gesichter um mich herum fühlten sich völlig verkehrt an. Als
würde mich keiner meiner sonst so einfühlsamen Leute mehr richtig sehen.
Ich hatte vorher immer nur die Geschichten gehört, dass dich punktgenau mit
der Geburt deines Kindes plötzlich eine neue Liebe erfüllt. Nie vorher
gekannt. Ein Freund von mir meinte, ich würde dann eine „Welt der Liebe“
betreten. Er schien irritiert, dass bei mir nix mit Welt der Liebe zu
fühlen war. Ich war ihm richtig böse, dass er mich so angelogen hatte. Hat
er natürlich nicht. Er hatte nur seine Erfahrungen verallgemeinert.
Menschen reagieren unterschiedlich. Ein Teil ist sofort verliebt, anderen
geht es schlecht bis hin zur sogenannten postpartalen Depression. Mit
anhaltender Traurigkeit, Erschöpfung und Gefühllosigkeit. Das Ganze ist
außerdem so aufgeladen, dass Leute oft nicht offen über ihre Gefühle
sprechen. Dagegen terrorisieren die Sofortverliebten die Mehrheit mit ihren
romantischen Vorstellungen von Elternliebe.
Bei mir war jedenfalls kaum Liebe zu spüren. Vielmehr war da jetzt ein
schreiender Fremder, der den Rest meines Lebens dominieren würde. Er wird
mir die Nächte rauben, dabei schlafe ich ohnehin schon nicht gut. Er wird
mir keine Zeit zum Schreiben von Texten wie diesen hier lassen. Er wird mir
die Haare vom Kopf fressen und ich muss dafür noch mehr lohnarbeiten. Was
für eine katastrophale Entscheidung.
## 16 Prozent der Männer auffällig
Und alle lachen dir ins Gesicht und fragen: „Naaa? Macht ihr es euch
kuschelig?“ GRATULIERE! WIE SCHÖN! GENIESST IHR EURE VERLIEBTHEIT? Oder sie
schicken dir Whatsapp-Nachrichten mit vielen Herzen und Partytüten. Selbst
die Broschüre „Elternmail Berlin“ wünscht einem viele „Glücksmomente beim
Kennenlernen“ und gratuliert zum „kleinen Wunder“. Dazu Zeichnungen von
tiefzufriedenen Müttern und Vätern, die ihre kleinen Wunder ans Herz
drücken. Allerdings spricht die Broschüre weiter hinten durchaus von
postpartaler Depression. Sie lässt Raum für Ambivalenz.
Muss ja auch. Denn es kommt wirklich oft vor. Fragt man Mütter nach
depressiven Symptomen, [1][berichten gut 17 Prozent davon]. Bei Vätern
liegen die üblichen Zahlen niedriger. Allerdings können sich Depressionen
bei Männern auch stärker durch Gereiztheit, Wut oder Rückzug zeigen. So war
das auch bei mir. In einer [2][Studie] waren knapp 16 Prozent der Väter
auffällig, wenn solche Symptome berücksichtigt wurden.
Wenn du frisch gebackenen Eltern gratulierst, kann es also gut sein, dass
es mindestens einem von beiden schlecht geht: Drei Monate nach der Geburt
hatte in einer schwedischen [3][Untersuchung] bei fast jedem vierten Paar
mindestens ein Elternteil depressive Symptome.
Und nachdem ich so dramatisch meine negativen Gefühle beschrieben habe: Mir
geht es besser. Ich fühle mich jetzt, nach knapp einem halben Jahr, nicht
mehr massiv überfordert. Kein Stein mehr auf meiner Brust. Er wirkt auch
nicht so, als hätten ihm meine „falschen“ Gefühle geschadet. Ich liebe es,
wie er lacht, wenn ich mit ihm Kuckuck spiele, oder wie er mitzwitschert,
wenn ich ihm im Kinderwagen „Die Arbeiter von Wien“ vorschmettere. Das ist
nicht selbstverständlich. Bei vielen kann sich das [4][über Jahre ziehen].
## Muckibude und Texte schreiben
Man sollte sich die schlechten Gefühle in der Elternschaft nicht nur als
etwas vorstellen, was per Hormonspiegel quasi aus dem Himmel fällt. Mir
geht es auch deshalb besser, weil die Umstände recht günstig sind. Wir
haben das Glück, dass er nachts nur ein- bis zweimal aufwacht. Er schreit
zwar, aber nur phasenweise, und ist ansonsten ein gesundes und glückliches
Kind. Die (halbwegs) bezahlte Elternzeit hat mir enorm geholfen und hilft
meiner Partnerin immer noch. Wir schaffen es meistens, uns gut gegenseitig
zu unterstützen. Und ganz wichtig: Wir haben gerade keinen Armutsstress.
Ich habe mich außerdem sofort um einen Therapeuten gekümmert und generell
ziemlich offen darüber gesprochen, wie es mir ging. Wir haben beide
weiterhin die Möglichkeit, einige der Dinge zu tun, die uns wichtig sind.
Ich kann also regelmäßig in die Muckibude und ab und zu Texte schreiben.
Das geht vielen nicht so. Ein Freund von mir hat es mit seiner Elternschaft
deutlich schwerer. Er reagiert nur noch etwa alle sieben, acht Wochen auf
meine Whatsapp-Nachrichten. Treffen klappen kaum noch. Deren Geldreserven
sind inzwischen auch weg, weil sie Therapien bezahlen müssen, die die Kasse
nicht zahlt. Das macht dünnhäutig.
Es war gut, aber schwierig, dass ich so offen damit umgegangen bin. Viele
wirkten wie vor den Kopf gestoßen, als ich auf ihre Freude und ihre Fragen,
wie es so sei, erklärte: „Na ja, nicht so gut.“ Ich fühlte mich, als würde
ich etwas Heiliges entweihen. Das lag auch an meinen eigenen
Schuldgefühlen. Hätte ich mir das nicht vorher besser überlegen können?
Oder habe ich zu lange gewartet? Was bin ich nur für ein Vater?
## Warten, bis die Liebe da war
Gleichzeitig passierte etwas Merkwürdiges. Sobald ich selbst die Stimmung
versaut hatte, erzählten mir plötzlich andere ihre Geschichten. Dass es
ihnen nach der Geburt auch furchtbar gegangen sei. Oder ihren
Partner*innen. „Mir ging es zwei Jahre lang so schlecht“, sagte mir eine.
Ein anderer erzählte, er habe ewig gebraucht, um überhaupt einen Draht zu
seinem Kind zu finden.
Eine Grenze hatte meine Offenheit dennoch. Fast hätte ich diesen Artikel
nicht geschrieben, weil ich Sorge hatte, dass mein Sohn ihn irgendwann aus
den Tiefen des taz-Archivs ausgräbt und denkt, ich hätte ihn nicht geliebt.
Darum musste ich mit dem Schreiben auch warten, bis die Liebe da war.
Dabei bin ich der Vater. Der Druck auf Mütter ist viel größer. Eine
sogenannte gute Mutter liebt ihr Kind sofort, ist überwältigt, fürsorglich,
dankbar. Sie darf müde sein, aber am besten auf eine Weise, bei der sie
trotzdem strahlt. Aber eine Mutter, die nach der Geburt denkt, sie will
ihre Ruhe, ihr altes Leben zurück oder einfach nur weg? Da steht schnell
der Begriff „Rabenmutter“ im Raum. Im schlimmsten Fall fühlt sie sich
selbst wie ein Monster, weil sie nicht empfindet, was eine Mutter angeblich
empfinden muss.
Mir geht es auch nicht darum, dass alle aufhören sollen, sich über Kinder
zu freuen. Kinder sind eine tolle Sache. Aber vielleicht können wir dann
noch eine Frage stellen, bei der nicht schon feststehen muss, was die
Antwort ist. Nicht nur: „Na, seid ihr verliebt?“ Sondern auch ein
ergebnisoffenes: „Wie geht es dir?“ Und wenn die Antwort lautet: „Scheiße,
ehrlich gesagt“, dann könnt ihr zeigen, warum ihr Freunde oder liebe
Verwandte seid.
9 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.nature.com/articles/s41398-021-01663-6?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [2] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29350097/
(DIR) [3] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4812059/
(DIR) [4] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40055815/
## AUTOREN
(DIR) Houssam Hamade
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