# taz.de -- Ultragruppe Horda Azzuro: „Utopie ist erreichbar“
> Zu ihrem Jubiläum gibt die Jenaer Ultra-Gruppe Horda Azzuro ungewöhnliche
> Einblicke. Ein Gespräch über Anti-Haltung, die Mentalità Ultra und
> Utopie.
(IMG) Bild: „Horda Azzuro“ ist die führende Ultragruppierung der Südkurve Jena, hier mit einer Choreografie im Heimspiel gegen Chemie Leipzig
taz: Herr Schley, Herr Ringmayer, die Horda Azzuro zählt zur ersten großen
Welle der ostdeutschen Ultra-Bewegung und feiert im Oktober ihr 25-jähriges
Jubiläum. Was macht ein Ultra-Leben aus?
Toni Schley: Wir haben uns nicht von der Gründung der Gruppe an Ultras
genannt, und da bin ich stolz drauf. Ultra – das ist was Magisches, ein
Wort, das etwas besonders Schützenswertes ausstrahlt. Hätten wir uns zu
früh so genannt, hätten wir den Begriff entzaubert und dieses Besondere
wäre verloren gegangen. Ultras ist ein Bekenntnis zu einer gewissen
Lebensweise, die man beweisen können muss. Nicht durch Worte, sondern durch
sein Tun und Handeln.
Clemens Ringmayer: Ich habe rückblickend einige Jahre gebraucht, bis ich
Ultras richtig verstanden habe. Ich kann zu jedem Spiel fahren, Choreos
malen, Pyro zünden und Aufkleber verkleben. Aber das muss nicht heißen,
dass man diese „Mentalità Ultra“ in sich trägt.
taz: Was heißt das?
Schley: Mentalità Ultra ist, wenn du dem Knast knapp entgehst, ein
verlässlicher Ehepartner bist, deine Kinder erziehst, zur Lohnarbeit gehst,
Freunde von dir versterben und du trotzdem jeden Tag das Gefühl in dir
trägst, in und mit deiner Gruppe für deinen Verein etwas bewegen zu können
und wollen. Wir kämpfen für ein Idealbild, wollen Wahnsinn und Wut in
positive Werte kanalisieren.
taz: Was sind denn Ihre Werte?
Ringmayer: Einer der Hauptwerte ist Ehrlichkeit. Natürlich lüge ich auch
Bullen ins Gesicht, aber ich behalte eine grundaufrichtige Haltung im
Leben. Ultras sind selbstbewusst und durchsetzungsstark, wir nehmen die
Dinge nicht einfach hin und akzeptieren sie. Wir lernen voneinander, was
Solidarität ist und wie man zusammenhält, wenn es einer Schwester oder
einem Bruder der Gruppe gerade scheiße geht. Ultra macht so viel bei der
Charakterbildung, weil unser Leben so intensiv ist. Das hört auch nie auf.
Es gibt aber nicht diesen einen Kodex – ich mag es, diese Freiheit zu
haben, als Ultra zu handeln, wie ich das möchte und für richtig halte.
taz: Und was macht die Horda Azzuro aus?
Schley: Horda Azzuro ist eine Ultragruppe, die mit dem FC Carl Zeiss Jena
einen Fußballclub unterstützt, der seine besten Zeiten hinter sich hat und
krampfhaft nach dem Erfolg strebt, den er vor der Wende hatte. Unsere
Gruppierung führt die Südkurve Jena an und wir wollen uns mit anderen
deutschen Ultragruppen und Kurven messen. Wir streben immer nach mehr und
nach Größerem. Dazu sind wir gut organisiert, haben einen klaren
politischen Anspruch und versuchen im Stadion, in unserer Stadt und unserer
Region Verantwortung zu übernehmen.
taz: Wie lässt sich die Gruppe am besten beschreiben?
Schley: Die circa 65 Mitglieder unserer Ultragruppe sind ein Spiegelbild
der Gesellschaft. Da ist vom arbeitslosen Bauarbeiter bis zum Doktor alles
dabei. Akademiker und Arbeiter – Seite an Seite für den FC Carl Zeiss Jena.
taz: Wie sieht denn ein Leben als Ultra aus?
Ringmayer: Jedes Wochenende ist Fußball, das gibt schon mal einen gewissen
Takt vor. Sonst malen wir Schwenkfahnen, Doppelhalter und Choreografien,
denken uns Lieder und Stickermotive aus, organisieren Veranstaltungen,
Fanmärsche und die Anfahrt zu den Spielen oder treffen uns einfach nur –
immer mal wieder kommen Stadt, Verband oder Bullen mit Stadionverboten und
Repressionen. Es gibt keinen Tag, wo wir uns nicht mit irgendwas befassen
würden – 24 Stunden reichen eigentlich nicht aus.
taz: Wer macht welche Arbeit in der Gruppe?
Schley: Es gibt so viele Betätigungsfelder im Ultraspektrum, da kann jede
und jeder sich austoben. Die eine malt lieber Züge für uns oder brütet
stundenlang über einer neuen Choreo, der andere filmt unsere Auftritte für
Youtube oder schreibt für unser Kurvenmagazin. Es gibt so einen Kern, der
muss bei allen sitzen. Der Zusammenhalt, diese Ehrlichkeit und die
Bereitschaft, die Menschen, Fahnen und Klamotten seiner Gruppe auch mit
Gewalt zu verteidigen. Das ist indiskutabel, das gehört zur Ultrakultur mit
dazu.
Ringmayer: Das öffentlich gezeichnete Bild von uns als besoffene,
primitive, pöbelnde Fußballfans passt nicht. Inzwischen kann jeder sehen,
Ultras sind ziemlich gut organisiert und erzeugen Woche für Woche immer
imposanter werdende Bilder in den Kurven. Das würde alles nicht
funktionieren, wenn da nicht schlaue und engagierte Köpfe dahinter wären.
Natürlich gibt es besoffene Fußballfans, aber das sind dann eher weniger
Ultras. Wir beide trinken gar keinen Alkohol. Besoffen kannst du deinen
Verein nicht in dem Maße unterstützen, wie wir Ultras uns das vorstellen,
kannst deine Fahne nicht verteidigen oder dich gegen willkürliche
Polizeieinsätze wehren.
taz: Gibt es ein gemeinsames politisches Selbstverständnis?
Schley: Wir verstehen uns als antifaschistisch. Wir haben dazu ein
Leitbild, wo klar festgehalten ist, dass wir uns gegen Rassismus,
Queerfeindlichkeit, Sexismus und weitere Diskriminierungsformen
positionieren. Das wird auch nicht von allen FCC-Fans geteilt. Da muss man
auch so ein bisschen die Ellenbogen ausfahren, um seinen Verein zu prägen.
Ringmayer: Wir haben ein paar politische Slogans oder Motive auf unseren
Fahnen. In erster Linie sind wir aber Ultras und keine rein politisch
aktive Gruppe.
taz: In [1][Ägypten] und der [2][Türkei] haben organisierte Fußballfans in
Protestbewegungen eine wichtige Rolle gespielt. Könntet ihr euch Ähnliches
in Deutschland vorstellen?
Schley: In Deutschland sind wir von so was grundsätzlich weit entfernt.
Wenn sich in ein paar Jahren die Politik so entwickelt hat, dass es den
Leuten wirklich ans Eingemachte geht, dann könnten Ultras in Deutschland
bei Protesten eine größere Rolle spielen. Wir sind gut organisiert, werden
immer mehr und unterscheiden uns zu anderen sozialen Gruppen mit einer
gewissen Radikalität. Bei Ultras in Deutschland steht aber eher der Kampf
für einen besseren Fußball im Vordergrund.
taz: Was für einen Fußball wollen Sie?
Schley: Wir wollen einen Fußball, der frei von Diskriminierung ist. Der
Fußball soll sich nicht mehr ausbeuten lassen. Ausbeutung bedeutet für mich
hier, dass es private Interessen gibt, die den Fußball für sich nutzen, um
ihre eigenen Taschen vollzumachen. Fußball ist ein Volkssport und nicht
dafür geschaffen, in einem kapitalistischen System verwertet zu werden. Ich
glaube nicht, dass wir erst den Kapitalismus abschaffen müssen, um den
Fußball besser zu machen. Der Fußball könnte mit Kraftanstrengung der
Ultras ein Beispiel dafür sein, dass kapitalistisches Grundinteresse in
seiner Entwicklung gestoppt wird – ein Beispiel dafür geben, dass die
Verwertungslogik ein Ende haben kann. Wir haben auch schon Dinge im Fußball
verändert – das ist nicht alles Utopie. Und wenn doch, dann beweisen wir,
dass vermeintlich utopische Zustände erreichbar sind.
taz: Mit der [3][geschlossenen Fandemo fast aller Fanszenen] gegen die
Innenministerkonferenz in Leipzig, den Protesten [4][gegen ausländische
Investoren] und dem [5][Verhindern der Montagsspiele] haben die Ultras
immer wieder Dinge verhindert. Selbst zu gestalten, scheint deutlich
schwieriger zu sein.
Schley: Das ist ein großes Thema für uns Ultras: Wie können wir raus aus
dieser reagierenden Position? Im Grunde sind wir bis dato nur getrieben von
unserem Gegenpart – den Verbänden, dem Staat, der Polizei. Aber es ist
erreichbar und möglich, ein proaktives Bild eines anderen, eines besseren
Fußballs zu zeichnen und damit vor die Zeit zu kommen. Beginnend in unseren
Vereinen und im nächsten Schritt vernetzt und gemeinsam als reifer
Gegenpart der Krawatten.
Ringmayer: Es gibt schon Beispiele, wo Ultras selber agieren. Wir machen
viel im sozialen Bereich, zum Beispiel in der Geflüchtetenhilfe. Unsere
Gruppe hat aktuell eine [6][Ausstellung in Jena zum Jubiläum unserer
25-jährigen Gruppengeschichte], da geben wir ziemlich tiefe Einblicke in
unsere Gruppengeschichte und das Leben als Ultra. Wir sind in der Mitte der
Gesellschaft angekommen, wollen aber gleichzeitig unseren Charakter nicht
verlieren. Es ist auch ein zweischneidiges Schwert.
taz: Geht nicht diese Anti-Haltung des Ultras verloren, wenn man als Ultras
mit Zeitungen redet?
Ringmayer: Ultras ist nicht Anti-Haltung, ich würde es eher oppositionelle
Rolle nennen. Das kommt darauf an, wie wir es machen. Ich glaube aber
nicht, dass wir unser Wertebild aufweichen. Ganz im Gegenteil. Ich habe das
Gefühl, wir als Gruppe und unsere Positionen werden stärker.
2 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.deutschlandfunk.de/zehn-jahre-arabischer-fruehling-die-revolutionaeren-ultras-100.html
(DIR) [2] https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2023-02/tuerkei-besiktas-istanbul-erdbeben-regierung-ruecktritt
(DIR) [3] /Sicherheit-im-Fussballstadion/!6130810
(DIR) [4] /Fanproteste-verhindern-DFL-Investor/!5989441
(DIR) [5] /Fussball-Bundesliga/!5549847
(DIR) [6] https://www.horda-azzuro.de/
## AUTOREN
(DIR) Gustav Cattapan
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