# taz.de -- Power-Dressing: Herbst der breiten Schultern
> Bei miesem Wetter und politischen Turbulenzen kommt es gelegen, dass die
> aktuellen Kollektionen viele Oversize-Blazer im Programm haben.
(IMG) Bild: Dolce Gabbana, Kollektion Herbst/Winter 2026
Bei der Wahlberichterstattung am vergangenen Sonntag fällt sofort der
Hosenanzug von ARD-Moderatorin Susanne Stichler auf. Er ist supercool,
braunrot und verleiht ihr mit seinem schnörkellosen Schnitt eine souveräne
Ausstrahlung. Mit den leichten Retroanklängen erinnert er sogar ein wenig
an früher, als die großen Volksparteien SPD und CDU noch eine tragendere
Rolle spielten, aber vor allem erinnert er daran, dass das sogenannte
Power-Dressing seit einiger Zeit wieder schwer angesagt ist.
Der Begriff Power-Dressing stammt aus den 70ern und 80ern, als Frauen die
Politik und Wirtschaft eroberten und sich dafür oft eher männlich
kleideten, um ebenbürtig zu erscheinen. Ihre Kleiderwahl war Selbstschutz,
Selbstbewusstseinsboost und Karrieremotor in einem. Denn das schlichte, an
[1][männliche Bürokleidung] angelehnte Joboutfit strahlte
Durchsetzungskraft und Machtbewusstsein aus und führte zumindest in einigen
Fällen auch nachweislich zum beruflichen Erfolg, wie die politische
Schlagkraft von Margaret Thatcher belegt, die eine bekannte Power-Dresserin
war.
Heute sind androgyne [2][Hosenanzüge], Oversizeblazer – die ob ihres
Schnitts ebenso gut Sakkos genannt werden können, weil sie dem Boyfriend
genauso passen wie einem selbst – und riesige Mäntel mit sogenannten
Statementschultern aus der Fashionwelt nicht mehr wegzudenken. Auf den
Modeschauen für diesen Herbst und Winter waren sogar wieder einige
Kleidungsstücke zu bewundern, bei denen die Schulterpolster der Star des
gesamten Outfits sind. Man kennt es: Eine neue Wirtschaftskrise, und schon
lassen die Eighties grüßen.
Bei so viel Huldigung der schwarz-blau-grauen Kapitalistenuniform ist es
kein Wunder, dass dieser Look auch seine Kritiker*innen hat. Allen
voran die verstorbene [3][Vivienne Westwood], die mit ihrer
aufsehenerregenden Mode einen anderen Weg wählte, um Frauen zu einem
modernen und emanzipierten Erscheinungsbild zu verhelfen. Statt die
männliche Mode mehr oder weniger nachzuahmen, wie es manche ihre
Kolleg*innen taten, parodierte sie sie, mischte sie mit Elementen
ehemals weiblicher Unterdrückung wie Korsett und Reifrock und verwandelte
sie damit in ein Symbol der Stärke.
## Hauptsache stabil und stark
Ein großes Stück weit ist es also auch ihr zu verdanken, dass heute fast
alles geht: überdimensionale Mäntel mit fetter Schulterpolsterung zu zarten
Seidenblusen oder überlange Krawatten zu bunten High Heels in Lack.
Überhaupt ist es in progressiven Kreisen ja längst einerlei, ob ein
Kleidungsstück weiblich oder männlich konnotiert ist, und das ist auch gut
so. Denn manchmal möchte man eher die Power einer wunderschönen Fee
besitzen und manchmal die eines Manns mit starken Schultern, womit aber auf
gar keinen Fall Donald Trump gemeint ist.
Das Schöne ist: Diese Saison geht beides, weil die schmal geschnittene
Taille zu expressiven Schultern vielen Blazern eine hinreißende
Unisex-Ästhetik aus Sanduhr und maskuliner Dreiecksform beschert. Ob nun
breit oder extrabreit – bei all dem Wirbel, den der katastrophale Aufstieg
der AfD und Merz’ Herbst der Reformen gerade verursachen, können starke
Schultern nicht schaden.
26 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Modemacher-uebers-Schneidern-nach-Mass/!5959274
(DIR) [2] /Frau-gewinnt-Grammy/!6063639
(DIR) [3] /Nachruf-auf-Punkikone-Vivienne-Westwood/!5905795
## AUTOREN
(DIR) Anna Fastabend
## TAGS
(DIR) Modegeschichte
(DIR) Fashion
(DIR) Fashion Week
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Plan gegen Shein und Temu: Paris beschließt Gesetz gegen Wegwerfmode
Ultra-Fast-Fashion-Plattformen wie Shein oder Temu sollen nicht mehr werben
dürfen. Andere EU-Länder könnten nachziehen.
(DIR) Arbeitsschutz und Stil: Ein Modeaccessoire aus der Fabrik
Sir William Crookes erfand versehentlich die Sonnenbrille. Deshalb steckt
hinter jeder eine Geschichte von Glas, Hitze und Industrie.
(DIR) Was Mode ist: Das Spiel der Postfashion
Mode heißt nicht notwendig Konsum. Mode heißt erst einmal: sehen lernen,
was Kleider machen, und was man dann mit ihnen machen kann.