# taz.de -- Besuch beim Merkel-Portrait: Mit ihr wollen immer noch alle ein Foto
       
       > Im Berliner Bode-Museum ist die Sehnsucht zum Bild geworden. Angela
       > Merkels Porträt kommt gut an – und füllt eine Leerstelle namens Friedrich
       > Merz.
       
 (IMG) Bild: Nostalgie im Hintergrund: Offizielles Porträt von Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel vom Künstler Jérémie Queyras
       
       Glaubt ihr, Merkel kommt noch einmal zurück?“, fragt eine Freundin, als wir
       gemeinsam mit einem Freund durch Berlin-Wedding spazieren. Ich stutze. „Als
       Kanzlerin? Wohl kaum.“ Meine Freundin antwortete: „Nein, mit einer
       Ansprache ans Volk oder Ähnlichem. Um für Ordnung zu sorgen.“
       
       Die Zeiten sind politisch turbulent, und das ist noch positiv ausgedrückt.
       Die regierende CDU hat nicht zuletzt mit den Wahlergebnissen von
       Mecklenburg-Vorpommern ihre Entbehrlichkeit zementiert. Eine Kopie der AfD
       braucht es eben genauso wenig wie einen Kanzler, der in einer
       Krisensituation mit politischen Fehlentscheidungen wild um sich schlägt.
       Die positivste Schlagzeile, die der CDU-Mann liefern konnte, war: Friedrich
       Merz hat [1][noch einen Tag durchgehalten.]
       
       Puh! Das sorgt nun wirklich nicht für ein Gefühl der Stabilität. Aber
       könnte Angela Merkel das jetzt liefern? Ist sie die Antwort auf die Krisen
       der Konservativen? Ich möchte der Frage auf den Grund gehen und mache mich
       auf den Weg. Vor ihrer Wohnung am Kupfergraben in Berlin-Mitte lehnen
       gelangweilte Polizist:innen an ihrem Auto. Ich laufe an ihnen vorbei
       und betrete wenige Hundert Meter weiter das neobarocke Gebäude, in dem die
       Menschen [2][seit ein paar Monaten der Altkanzlerin nahekommen können.]
       
       Im ersten Stock des Bode-Museums begutachtet eine Gruppe von
       Besucher:innen das Porträt Merkels. Im ultramarinblauen Blazer steht
       sie vor einem goldfarbenen Hintergrund, die rechte Hand hängt ruhig an der
       Seite, die linke liegt auf einem Sockel. Das Gesicht von Falten durchzogen,
       wie eine Frau in ihren 70ern eben aussieht, ein Lächeln deutet sich an. Das
       Porträt, [3][das der französisch-deutsch-kanadische Künstler Jérémie
       Queyras gemalt hat,] wirkt unaufgeregt, aber es zieht Massen an. Doppelt so
       viele Besucher:innen kann das Museum seit dem Zeigen des Bilds
       verzeichnen. Gerade erst wurde die Ausstellung bis ins nächste Jahr
       verlängert.
       
       ## „Ahs“ und „Ohs“
       
       Das Publikum wechselt an den Nachmittagen, an denen ich vor dem Porträt
       verweile, minütlich. Alle bleiben zumindest für einen kurzen Moment stehen:
       Rentnerpaare, Mütter mit Kleinkindern, Touristen aus aller Welt und junge
       Erwachsene aus der Stadt. Wenn sie das Porträt erblicken, stöhnen die
       meisten. Es steckt etwas Sehnsuchtsvolles in den „Ahs“ und „Ohs“, die ich
       höre. Eigentlich alle greifen danach zum Handy. Sie möchten ein Foto mit
       ihr. Merkel ist hier der Star.
       
       Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen vor das Bild, damit auch das
       schlafende Baby mit auf dem Schnappschuss ist. Ein älterer Mann schießt
       gleich mehrere Selfies aus verschiedenen Perspektiven. Ein Paar bittet den
       Wärter, ein Foto von ihnen zu machen.
       
       „Wir nehmen Mutti in unsere Mitte.“ – „Ach ja, die Mutti. Sie fehlt.“ 
       
       Mutti, Mutti, Mutti, hallt es zwischen den Skulpturen und Gemälden immer
       wider. Natürlich hat die Bezeichnung eine sexistische Konnotation. Sie war
       ein abschätziger Spitzname des damaligen Wirtschaftsministers Michael Glos.
       Doch aus heutiger Sicht wird klar: Er hat ihr geholfen.
       
       Merkel ist es gelungen, die verschiedenen stereotypen Facetten einer Mutter
       auszufüllen: sparsame Hausfrau (sie selbst bezeichnete sich einmal als
       „schwäbische Hausfrau“); strenge Mama, die nicht nur die Jungs im Zaum
       halten kann, sondern gleich das ganze Land; die Mutter, die als mächtigste
       Frau der Welt autoritär auftreten, aber auch liebevoll und fürsorglich sein
       kann. Dass manch einer eine schwierige Beziehung zu ihr pflegte, war dabei
       kein Hindernis, so ist die Beziehung zu Müttern eben manchmal: kompliziert.
       
       Heute vermissen sie viele. Die Ruhe, die sie ins Land brachte. Wer im
       Bode-Museum den Leuten lauscht, dem wird schnell klar: Die Nostalgie ist
       kein Wunsch nach mehr konservativer Politik, sondern eine Sehnsucht nach
       Stabilität.
       
       „Es sieht so aus, als hätte sie nur drei Finger.“ – „Hat trotzdem gereicht
       für eine ruhige Hand zum Regieren.“
       
       „Und sie lacht auch gar nicht.“ – „Gibt ja auch wenig zu lachen in der
       Politik.“ – „Immerhin hat sie uns stoisch durch 16 Jahre geführt.“
       
       „War schon irgendwie entspannter damals mit Merkel.“
       
       ## Merkel tätschelte
       
       Als ein Wärter erzählt, dass Merkel sich auch mit Schulklassen getroffen
       habe, um Rede und Antwort zu stehen, erinnert sich einer der Besucher an
       ihren Auftritt 2015: „Es war so schön, zu sehen, wie liebevoll die
       Kanzlerin damals auf die Geschichte eines palästinensischen Mädchens
       reagierte.“
       
       Doch seine Erinnerung trügt. Eher war Merkel damals in die Kritik geraten.
       Die Schülerin Reem Sahwil hatte beim Dialog von ihrem Leben als staatenlose
       Palästinenserin und ihrer Flucht erzählt und gefragt, ob sich [4][der
       unsichere Aufenthaltsstatus ihrer Familie verbessern ließe.] Merkel hatte
       darauf geantwortet, Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Als
       die damals 15-Jährige zu weinen begann, tätschelte Merkel sie unbeholfen.
       
       Wie es für Nostalgiker:innen typisch ist, verklären sie. Sie erinnern
       nicht, was war, sondern wie sie es gerne gehabt hätten. Davon profitiert
       Merkel heute. Denn wenn das Gesamtbild stimmt, wird Fehlverhalten (und
       davon gab es bei Merkel deutlich schwerwiegenderes als ein kleines
       Tätscheln) einfach aus dem Gedächtnis radiert.
       
       Auf Merkel verlassen sollte sich die CDU jetzt nicht. Sie wird nicht für
       Ordnung und Ruhe sorgen, das muss der Kanzler selbst tun. Noch kann er
       einen Rekord aufstellen: Er könnte der Kanzler werden, der am kürzesten
       regiert hat. Gut 500 Tage muss er durchhalten, um das zu verhindern. So
       richtig glaubt in diesem Land wohl kaum mehr eine:r daran. Man kann Merz
       nur raten, etwas Mütterlichkeit in sich zu entdecken.
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Umfrage-Mehrheit-will-Ruecktritt-von-Merz/!6215511
 (DIR) [2] https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/das-portraet-der-bundeskanzlerin/
 (DIR) [3] /Enthuellung-des-Merkel-Portraets/!6192415
 (DIR) [4] /Aufenthalt-fuer-palaestinensisches-Kind/!5451071
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Carolina Schwarz
       
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