# taz.de -- Vulkanismus in der Eifel: Da brodelt doch was
> Der Laacher See in der Eifel ist ein beliebtes Tourismusziel. Entstanden
> ist er nach einem Vulkanausbruch. Und der Vulkan ist weiter aktiv. Ein
> Ortsbesuch.
(IMG) Bild: Ein Vulkansee in der Eifel: der Laacher See
Das Wasser blubbert und brodelt. Nicht im Kochtopf, sondern in einer
sogenannten Caldera, einem kesselförmigen Vulkankrater. Wir sind am Ostufer
des Laacher Sees bei Glees in Rheinland-Pfalz. Dort sind die Blasen an der
Wasseroberfläche nicht nur deutlich zu erkennen, man kann sie auch hören.
Tritt man mit nackten Füßen auf den Grund, dann kitzelt das an der
Fußsohle. Bei großen Blasen fühlt es sich schon fast wie eine kleine
Massage an.
Da ist also einiger Druck dahinter, Druck, der aus dem Vulkan unter dem See
kommt. Das sei der einzige Vulkansee in Deutschland, sagt die Geochemikerin
Anna Jentsch vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam, an dem man
dieses Phänomen beobachten könne. Durch sogenannte Gasaustrittspunkte, im
Fachjargon Mofetten genannt, geraten Gase aus dem oberen Erdmantel an die
Erdoberfläche. „Am Laacher See besteht dieses Gas zu 99 Prozent aus
Kohlendioxid“, so Jentsch, die regelmäßig vor Ort ist, um die Gasaustritte
zu untersuchen und Proben fürs Labor zu nehmen.
In der Eifel wird der Vulkanismus nicht durch das Aufeinandertreffen zweier
Erdplatten verursacht, sondern durch aus dem Erdmantel aufsteigendes Magma.
Der Laacher See ist nach dem Ulmener Maar der zweitjüngste Vulkan der
Eifel. Warum er aber eine große Zahl an Forscher:innen der Vulkanologie,
Geologie, Seismologie und anderen Naturwissenschaften aus dem In- und
Ausland anzieht, liegt daran, dass der Vulkan sich regt. „Es gibt eine
Menge von Anzeichen, dass der Laacher-See-Vulkan aktiv ist“, schreibt der
Erdbebengeologe Klaus Reicherter von der [1][Rheinisch-Westfälischen
Technischen Hochschule Aachen] der taz. „Da ist zum einen die messbare
Hebung der Erdoberfläche in der näheren Umgebung. Dann sind da die
Erdbeben, die sich recht tief ereignen.“ Tiefer jedenfalls als sonst in
Deutschland normalerweise, und die anzeigen, „dass sich Schmelze nach oben
bewegt“.
Dass der Vulkan Aktivitäten zeigt, bedeutet nicht, dass er regelmäßig
ausbricht wie etwa der [2][Ätna auf Sizilien]. Einen Vulkan wie den des
Laacher Sees bezeichnet die Wissenschaft als dormant volcano, der Vulkan
schläft, wobei er sich sehr rege bewegt. Die Tiefenbeben sind zwar an der
Oberfläche nicht zu spüren, aber sie treten vermehrt in sogenannten
Schwärmen auf, also in einer Reihe von gleich mehreren Erdstößen. Ist das
ein Zeichen, dass der Vulkan bald wieder erwachen wird?
## Ein Nutznießer des Vulkans
Ansgar Hehenkamp kümmert diese Frage nicht. „Ich stehe dem Vulkan relativ
neutral gegenüber“, sagt er. „Es ist schon faszinierend, dass das alles mal
ein Berg war vor 13.000 Jahren, als er explodiert ist. Aber es ist halt ein
See.“ Und Hehenkamps Arbeitsplatz. Seit 2007 hat der Fischer die 330 Hektar
große Seefläche vom am See gelegenen Kloster Maria Laach gepachtet. Dreimal
die Woche fährt er zum Fischen mit dem Boot hinaus, seine Spezialität sind
Blaufelchen, die den See wegen seines kalten Wassers schätzen. Der See ist
besonders tief und viel kälter als etwa die zahlreichen Maare in der nahe
gelegenen Vulkaneifel.
Ansgar Hehenkamp ist also ein Nutznießer des Vulkans. Kiloweise Felchen
beschert er ihm, die ihm die Gastronomen in der Gegend gerne abnehmen –
wegen seines festen, grätenarmen Fleisches gilt der Felchen als besondere
Delikatesse. Hehenkamp liefert ihn als ganzen Fisch, im Filet oder
geräuchert. „Den kriege ich immer los“, sagt er. Auch im Winter, wenn
weniger Touristen kommen, um das berühmte romanische Kloster zu
besichtigen, durch den dichten Wald um den See zu wandern oder am Ufer zu
kampieren. Am Laacher See gibt es einen Campingplatz. Die Badestelle ist
auch für Nichtcamper geöffnet und das Planschen im Vulkan beliebt. An
heißen Sommertagen ist hier kaum ein Parkplatz zu bekommen.
Dass der Fischer auf seinem Arbeitsweg immer wieder an Mofetten
vorbeikommt, von denen es auch in der Seemitte zahlreiche gibt, hat für ihn
keine besondere Bedeutung. Daran ändert auch die in der Gegend bekannte
Geschichte um den rätselhaften Tod von Jesuiten nichts. Anfang des 19.
Jahrhunderts wurde ein Haus direkt am See errichtet, das die Mönche zur
Erholung nutzten und in dem sie auch übernachteten. Wiederholt ist es dabei
vorgekommen, dass einer der jungen Männer morgens nicht mehr erwachte.
Insgesamt zählte man acht solcher unerklärlichen Todesfälle.
Fast 200 Jahre später haben Wissenschaftler bei den Mofetten am ehemaligen
Standort des abgerissenen Hauses eine besonders hohe Konzentration an CO2
festgestellt. Was den Verdacht erhärtet, dass die Mönche an dem Gas
gestorben sind. Kohlendioxid ist schwerer als Luft, sammelt sich also in
Bodennähe oder an der Seeoberfläche. Wenn davon viel auf einmal austritt
und die Luftzirkulation gering ist, kann man daran ersticken, im Schlaf
geschieht das ganz unscheinbar.
Natürlich weiß der Fischer auch um die Forscher:innen, die begonnen haben,
die Gasaustritte systematisch zu untersuchen – er leiht ihnen seine Boote.
Und mehrfach ist er auch schon Journalist:innen begegnet, die sich für
die Mofetten interessieren. „Mich hat schon mal ein Journalist gefragt, ob
ich mich deswegen schummrig fühle“, erzählt Ansgar Hehenkamp. „Das schon,
aber das lag nicht am CO2.“ Es sei die Hitze, die ihm zusetze. Im Sommer
müsse er nun sehr viel früher raus, in der Mittagszeit halte man es auf dem
Boot oft nicht mehr aus. Überhaupt sei es – wenn überhaupt – der
Klimawandel, der ihm Sorgen bereite.
„Man merkt mit der Zeit, dass sich die Winter verändert haben“, berichtet
der Fischer. „Die Felchenlaichzeiten beginnen, wenn es anfängt kalt zu
werden. Das hat sich in den letzten 15 Jahren um drei Wochen verschoben.“
Was für ihn bedeute, dass er erst später mit der Arbeit beginnen könne,
denn er fische erst, wenn Nachwuchs ausgesetzt worden sei. Sollten die
Winter noch wärmer werden, könnte es für die Kaltwasserart schwierig werden
oder sogar ganz zu Ende gehen, so der Fischer. Dazu kommt der Wasserpegel,
der wegen der dürren Sommer schon gesunken sei. Sinkt er weiter, wird auch
das zu einer Erwärmung des Sees beitragen.
Auch Michael Ullenbruch sieht den sich deutlich bemerkbar machenden
Klimawandel besorgniserregender als die Aktivitäten des Vulkans. Der
Biolandwirt bestellt mit seiner Frau Jennifer Schneider 60 Hektar
Ackerflächen rund um den See, auf weiteren 50 Hektar Weideland werden
Rinder, Schweine und Hühner gehalten. „Aufgrund der starken Trockenheit
mussten wir viel früher ernten“, sagt Michael Ullenbruch. „Mitte Juli waren
wir schon fertig, da beginnt die Ernte sonst oft erst.“
Dass von den Mofetten Gefahr für seine Tiere ausgehen könnte, fürchtet der
Bauer nicht: „Die Weide ist groß, und die Tiere ziehen ja weiter.“
Beschäftigen würden den Bauern die Gasaustritte aus einem anderen Grund:
„Ich habe mich gewundert, dass an zwei Stellen im Feld auf einmal das
Wachstum nachgelassen hat.“ Einem Forscherteam, das gerade am See tätig
war, habe er die kreisförmigen Stellen gezeigt. „Und die haben dann
gemessen, dass auf dieser Fläche der CO2-Ausstoß relativ hoch ist.“
Wirklich problematisch sei für ihn jedoch nur, dass der hohe CO2-Gehalt im
Boden das Wachstum von Brennnesseln befördere. „Mehr Brennnesseln heißt
weniger Weidefläche. Und als Biobetrieb ist es besonders schwierig, die in
den Griff zu bekommen“, so Ullenbruch.
Der Landwirt kennt den Laacher See schon seit seiner Kindheit – er ist auf
einem Hof im nahegelegenen Mendig groß geworden. Er liebte die Landschaft
hier so sehr, dass er nach seiner Ausbildung unbedingt an den See wollte.
Dass es sich hier um einen noch nicht erloschenen Vulkan handele, habe er
erst als Jugendlicher realisiert. „Das wissen auch die wenigsten Besucher,
dass der See aus einem Vulkan entstanden ist“, meint Ullenbruch. In einer
Animation im Lava-Dome, [3][dem Vulkanmusum in Mendig], hat er so eine
gewaltige Vulkanexplosion erlebt, wie sie auch dem Laacher See
vorausgegangen ist. „Das ist schon ein bisschen gruselig. Und wenn ich dann
überlege, dass der Laacher See nochmal ausbrechen würde … Dann stellt sich
mir die Frage, wie schnell oder wann bekommt man Bescheid, die Koffer zu
packen“, sagt er. „Dann versucht man, das zu verdrängen und zu sagen, na
ja, der hat jetzt so viele Jahre ruhig gehalten, warum soll er ausgerechnet
zu meinen Lebzeiten ausbrechen?“
Wie gefährlich ist der Vulkan des Laacher Sees denn nun tatsächlich? Grund
zur Panik gebe es nicht, da sind sich die Geologin Anna Jentsch und der
Erdbebenexperte Klaus Reicherter einig. Zwar gebe es keinen Zweifel, dass
sich die Magmakammer unter dem See wieder fülle, mit einer Explosion sei
aber wohl erst in einem Zeitraum zwischen 3.000 und 10.000 Jahren zu
rechnen, so Reicherter. „Wir Geologen denken da in anderen Zeitspannen“,
sagt er. Für ihn sei es verständlich, dass die Leute Prioritäten bei
Problemen setzten, die zeitlich mehr drängten, so wie etwa der Klimawandel.
Der Laacher See gehört zum Kreis Ahrweiler, der bis heute mit den
[4][Folgen der Flut 2021] zu kämpfen hat. „Der Vulkan ist klar in der
zweiten Reihe“, so Reicherter.
## Forderung nach einem Observatorium
Die Forderung vieler Wissenschaftler:innen nach der Schaffung eines
Vulkanobservatoriums – in Deutschland gibt es bisher keines – unterstützt
der Aachener Professor jedoch trotzdem. Einmal, um der Expertise im Land
die Möglichkeit zu geben, vor Ort zu forschen – bisher müssen
Vulkanexpert:innen nach Italien und andere Länder reisen. Vor allem
aber sollte es zu den deutlich zunehmenden Aktivitäten des
Laacher-See-Vulkans ein genaues Monitoring geben, auch im Sinne des
Bevölkerungsschutzes. Eine Eruption sei ja nicht die einzige Gefahr, die
von dem Vulkan ausgehe.
Womit man wieder bei den Mofetten wäre, die sich zwar im Wasser durch ihr
lautes Blubbern bemerkbar machen, an Land jedoch meist völlig unbemerkt
bleiben. „Wenn es eine Gefahr gibt, dann ist es das Gas, das CO2“, so Anna
Jentsch, die nun schon drei Jahre mit den Gasaustritten am Laacher See
beschäftigt ist. Bisher sei die CO2-Konzentration so gering, dass sich das
Gas gut mit Luft vermische, es für den Menschen also völlig ungefährlich
sei. „Eine zunehmende Aktivität des Vulkans könnte aber bedeuten, dass mehr
CO2 in den See entgast, und auch an Land. Und wenn mehr Gas rauskommt,
erhöht sich auch das Risiko einer Gaseruption. Das Kritische daran ist,
dass das Gas weder sichtbar noch zu riechen ist.“ Denn das gehe nicht
einher mit stärker dampfenden heißen Quellen und der Zunahme von
Schwefelgeruch, wie das etwa auf den Phlegräischen Feldern in Pozzuoli bei
Neapel der Fall sei. „Das ganze Gas wird auf einmal schlagartig entlassen
aus diesem See und bildet eine Wolke, die sich im Kraterbereich niederlegt.
Wenn Menschen da sind, könnten diese bei einer hohen CO2-Konzentration und
-Menge einfach ersticken.“ Ein solches Szenario ist zwar sehr selten,
[5][eine solche Gaseruption, die sich 1986 am Nyos-See in Kamerun
ereignete], zeigt jedoch das Ausmaß einer solchen Katastrophe: 1.746
Menschen starben.
Es sei wichtig, an dem See ein Monitoring einzurichten, so die Geologin
weiter, ein Vulkanobservatorium halte sie für unbedingt notwendig. Denn
meistens gebe es Vorboten wie eine Zunahme der Menge und Konzentration der
Gase, erhöhte Erdbebenaktivität und anhaltende Hebung der Oberfläche. „Man
könnte mit einem Ampelsystem arbeiten wie in anderen aktiven vulkanischen
Gebieten weltweit“, sagt Jentsch. „Sollte die Warnstufe auf Orange
umschalten, ist es Zeit zu gehen – besonders im Sommer, wenn der Laacher
See gut besucht ist.“
Neben der Überwachung des Vulkans braucht es also auch einen
Evakuierungsplan. Gibt es den vielleicht schon? Zumindest die Erdbeben
werden ja bereits gemessen.
Nein, einen speziellen Plan in Sachen Vulkan gebe es nicht, sagt die
Pressesprecherin des Kreises Ahrweiler auf Nachfrage der taz. Man habe aber
einen allgemeinen Evakuierungsplan, der auch in diesem Fall greife.
Von der Möglichkeit einer Evakuierung aufgrund von Vulkanaktivitäten weiß
der Manager des Campingplatzes, Rik Wagemans, nichts, und auch sonst hat
ihn der Vulkan noch nicht beschäftigt. Er ist zwar schon auf die Mofetten
aufmerksam gemacht worden, jedoch nur die im See.
Dass es auf seinem Platz ebenfalls welche geben könnte – Anna Jentsch
zufolge ist davon sogar mit ziemlicher Sicherheit auszugehen –, war dem
Manager noch nicht bekannt, allerdings ist er auch erst seit dieser Saison
hier. So oder so sieht er die Lage recht entspannt: „Natürlich kann ich den
Leuten sagen, was hier passiert“, sagt er, „aber die Natur kann ich nicht
ändern. So sehe ich das.“ Wobei es ihn schon interessieren würde, wie es um
die CO2-Konzentration auf dem Campinglatz bestellt ist, fügt Rik Wagemans
noch hinzu. Schließlich betreffe ihn das ja auch selbst, er lebt in einer
Wohnung am See.
Besorgte Bürgeranfragen zum Vulkan kommen bei dem Bürgermeister der
Gemeinde Glees, zu der auch der Laacher See gehört, nicht an. „Wir leben
schon immer mit dem Laacher See“, sagt Reiner Hürter. „Und wir leben gut
damit, der Tourismus ist enorm wichtig für diese Region.“ So sind etwa im
Jahr 2022 2,6 Millionen Tagesreisende gekommen, die meisten davon an den
See. Sie tragen das Gros zu den rund 85 Millionen Euro Umsätzen im
Tourismusgewerbe bei, die in diesem Jahr gemacht wurden.
Bis auf ein paar Anfragen, die von der Presse in diese Richtung kämen,
kümmere den Vulkan niemanden, meint Bürgermeister Hürter. Und auch mit den
beiden Gemeinden Wassernach und Nickenich, die ebenfalls an den See
angrenzen und mit denen man sich zu touristischen Zwecken vernetzt habe,
tausche er sich nicht über mögliche Gefahren des Vulkans aus.
„Da tut sich nichts“, ist Reiner Hürter überzeugt. „Der Vulkan ist
friedlich und kontinuierlich in der Beobachtung, und da verlassen wir uns
drauf. Dass, wenn mal wirklich was mehr würde, wir informiert würden.“
5 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rwth-aachen.de/go/id/a/
(DIR) [2] /Buch-ueber-Italiens-Vulkane-und-Brueche/!6096411
(DIR) [3] https://www.lavadome.de/
(DIR) [4] /Flutkatastrophe-in-Deutschland/!t5787404
(DIR) [5] /Methan-Foerderung-in-Kongo-und-Ruanda/!5136105
## AUTOREN
(DIR) Karlotta Ehrenberg
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Lesestück Recherche und Reportage
(DIR) Vulkane
(DIR) Vulkanausbruch
(DIR) Rheinland-Pfalz
(DIR) See
(DIR) Tourismus
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Vulkanausbrüche und Klimakrise: Feuer aus dem Eis
Die Klimakrise erhöht nicht nur das Risiko für Extremwetterereignisse wie
Starkregen oder Dürre. Sie macht auch Vulkanausbrüche wahrscheinlicher.
(DIR) Erdbebensorge auf griechischer Insel: „Nur, wenn sie sagen, die Insel geht unter“
Seit Ende Januar bebt die griechische Urlaubsinsel Santorin. Die Angst vor
einem Megabeben hat viele Bewohner vertrieben. Andere wollen bleiben.
(DIR) Erdbeben in Neapel: Und was, wenn die Lava kommt?
Bei Neapel sorgt Magma unter der Erde für starke Erdbeben. Irgendwann wird
der Vulkan ausbrechen. Wie reagieren auf die sich anbahnende Katastrophe?