# taz.de -- Folgen der Bluttat von Stade: Niedersachsens Migrationsbeauftragter tritt zurück
> Deniz Kurku, Niedersachsens Migrationsbeauftragter, gibt auf. Gegen seine
> Schwiegermutter wird im Zusammenhang mit dem Sechsfach-Mord von Stade
> ermittelt.
(IMG) Bild: Nach Morddrohungen zurückgetreten: Deniz Kurku
Der niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, Deniz
Kurku, gibt sein Amt auf. Das gab die Staatskanzlei in Hannover am
Freitagmorgen bekannt. Zuvor hatte der Spiegel berichtet. [1][Deniz Kurku
ist seit Wochen massiven Anfeindungen ausgesetzt], weil seine
Schwiegermutter in den sechsfachen Mord an Sozialarbeiter:innen in
einem Mutter-Kind-Heim in Stade im Juli verwickelt sein soll.
Mit seinem Rücktritt, so heißt es in der schriftlichen Erklärung, wolle er
vor allem das Amt schützen, das er so nicht mehr in dem erforderlichen Maße
ausüben könne. Schon zuvor war allerdings bekannt geworden, dass er und
seine Familie massive Morddrohungen erhalten haben. Der Staatsschutz
ermittelt.
Beim Amt des Landesbeauftragten handelt es sich um ein Ehrenamt, das in der
Staatskanzlei angesiedelt ist. Der SPD-Abgeordnete Kurku hatte es 2022 von
Doris Schröder-Köpf (ebenfalls SPD) übernommen und neben seinem
Landtagsmandat ausgeübt.
Dass die Frau, [2][die in den Medien meist als „Fluchtwagenfahrerin“ oder
„Patentante“ betitelt wird], seine Schwiegermutter ist, hatte Kurku selbst
bekannt gegeben. Von der Auseinandersetzung zwischen dem späteren
mutmaßlichen Täter Fatih G. und dem Jugendamt, in die seine Schwiegermutter
involviert war, will er aber nichts gewusst haben.
## Rolle der Schwiegermutter immer noch unklar
Gegen Kurkus Schwiegermutter Sylvia S. wird immer noch ermittelt, ihr
Tatbeitrag ist nach wie vor nicht abschließend geklärt. Bekannt ist, dass
sie in engem Kontakt mit der Familie stand und versuchte, die Eltern zu
unterstützen, nachdem das Baby in Obhut genommen worden war.
Das Kind war mit Symptomen, die auf ein Schütteltrauma hindeuten, in der
Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) behandelt worden. Die Ärzte dort
alarmierten das Jugendamt und zeigten auch den Vater wegen bedrohlicher
Äußerungen an. Das zuständige Jugendamt aus der Region Hannover brachte
zunächst das Kind und dann Mutter und Kind in der Einrichtung in Stade
unter.
Zu einem Hilfeplangespräch tauchte der Vater mit einer Schusswaffe auf und
erschoss drei Jugendamtsmitarbeiter:innen und drei Beschäftigte der
Einrichtung. [3][Einem Strafverfahren entzog er sich, indem er sich in
U-Haft suizidierte.]
Zu dem Termin in Stade hatte ihn Sylvia S. gefahren – in einem
Mercedes-AMG, der angeblich – so berichtet es die Bild-Zeitung – erst kurz
zuvor von ihm auf sie übertragen worden war. Ob sie von der offensichtlich
geplanten und vorbereiteten Tat wusste, ist unklar.
## Viele offene Fragen
Schon zuvor hatte die Patentante, wie sie sich selbst bezeichnet, eine
20-seitige Darstellung der Ereignisse im Krankenhaus und bei der
Inobhutnahme an diverse Medien verschickt, die Zweifel am Handeln der MHH
und des Jugendamtes säen sollten.
Diese Darstellung wimmelt von paranoiden, querulatorischen Andeutungen –
wobei auch hier nicht klar ist, wie viel davon aus den Einflüsterungen des
Täters stammt und wie viel von Sylvia S. selbst. Nach der Tat fuhr Sylvia
S. das Fluchtauto, das schließlich von Polizeischüssen und einer
Straßensperre gestoppt wurde.
Wie freiwillig oder unfreiwillig sie das tat, ob sie sich von dem Täter
bedroht fühlte, der immer noch die Schusswaffe in der Hand hielt, oder sein
Handeln guthieß und unterstützte – auch das ist immer noch Gegenstand der
polizeilichen Ermittlungen.
## „Nius“ versucht, politische Verschwörung zu konstruieren
Aus dieser Ermittlungsakte zitiert seit ein paar Tagen sehr ausgiebig das
rechte Hetzportal „Nius“ von Julian Reichelt – und versucht, aus der
privaten Verbindung zwischen Sylvia S. und ihrem Schwiegersohn Deniz Kurku
einen politischen Skandal oder gar eine groß angelegte Verschwörung zur
Vertuschung zu konstruieren.
Die Indizien dafür sind eher dünn: Offenbar gibt es eine Chatnachricht an
Fatih G., in der Sylvia S. anregt, „der Deniz“ könnte doch mal in die
Klinik gehen und seine Visitenkarte hinterlegen. Außerdem brüstet sich
Fatih G. wohl in einer Nachricht an einen weiteren Bekannten: „einige
Politische sehr gut bekannte sind auch schon involviert“.
Belege dafür, dass Kurku tatsächlich in irgendeiner Art und Weise
interveniert hat, fehlen bisher. Das Innenministerium betonte am Freitag
noch einmal, dass Kurku selbst in diesem Ermittlungsverfahren bisher
überhaupt keine Rolle spiele – weder als Beschuldigter noch als Zeuge.
Seine schwierige Position war allerdings auch noch einmal Thema, als jüngst
Innenministerin Daniela Behrens (SPD) den Innenausschuss über den aktuellen
Stand der Ermittlungen unterrichtete. In dem sitzt nämlich auch Kurku, und
für manche stellte sich die Frage, ob es denn korrekt wäre, wenn er in
nichtöffentlicher Sitzung über Ermittlungen gegen seine eigene
Schwiegermutter unterrichtet würde. Nun hat sich Kurku also selbst zum
Rückzug entschlossen.
Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) dankte ihm, sagte aber auch, er
verurteile „die herabwürdigenden Kommentare, die Verbreitung von
Verschwörungsspekulationen, die Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen gegen
Deniz Kurku in aller Schärfe“.
4 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Netzverschwoerungen-zu-Stade/!6196312
(DIR) [2] /Rechte-instrumentalisieren-Stade-Morde/!6193173
(DIR) [3] /Sechsfachmord-in-Stade/!6199968
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
## TAGS
(DIR) Stade
(DIR) Jugendamt
(DIR) Niedersachsen
(DIR) Mord
(DIR) Nius
(DIR) Stade
(DIR) nord-kolumnen
(DIR) Stade
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Jugendhilfe nach Gewalttat von Stade: Mehr Schutz, aber keine hundertprozentige Sicherheit
Kein blinder Aktionismus: Nach dem Mord an sechs
Sozialarbeiter*innen feilt man im Jugendamt der Region Hannover an
neuen Schutzkonzepten.
(DIR) Netzverschwörungen zu Stade: Suche nach dem verlorenen Verstand des Herrn X
Das rechtspopulistische Hetzportal „Nius“ und die sozialen Netzwerke
überschlagen sich mit irren Verschwörungserzählungen zum Fall Stade.
(DIR) Rechte instrumentalisieren Stade-Morde: Hetze gegen Integrationsverein
Die Frau, die den mutmaßlichen Täter nach Stade begleitet haben soll,
arbeitet in Bremen bei einem Integrationsverein. In Stade war sie aber
privat.