# taz.de -- Steglitz-Zehlendorf vor der Wahl: Abseits von Villen und Seen
> Antisemitismus gibt es auch im Berliner Südwesten – genauso wie zu hohe
> Mieten, zu wenige Wohnungen und Vermüllung.
(IMG) Bild: Vor dem Krasselts's wird geworben: Daniel Eliasson auf Stimmenfang
Daniel Eliasson wartet an einer Stelle auf die taz, an der eine Sache mal
unerwartet schnell ging. Der 28-Jährige sitzt mit grünem T-Shirt in einer
hölzernen Sitzecke vor dem Zehlendorfer „Bali“, dem traditionsreichen
Vorortkino. [1][Die gut fünf Meter lange Holzkonstruktion] hat der
Kinobetreiber vor einigen Monaten selbst besorgt und bezahlt, vernehmbare
Kritik kam nur von einem örtlichen CDU-Politiker, der sich um einen halben
wegfallenden Pkw-Parkplatz sorgte. Es ist ein Lichtblick in einem Bezirk,
in dem sich andere Entscheidungen jahrzehntelang ziehen können.
So wie der Umbau des Zehlendorfer S-Bahnhofs keine 100 Meter vom Kino weg.
Eng an eng schieben sich dort Einkäufer und S-Bahn-Nutzer durch eine
Unterführung, durch die nun auch Eliasson mit der taz geht. Längst sollte
es einen zweiten Zugang von der anderen Seite des Teltower Damms geben, der
Nord-Süd-Achse des Ortsteils. Doch die Planungen der Deutschen Bahn sehen
das erst in den 2030er Jahren vor.
Es ist nur eine jener Misslichkeiten, die so gar nicht passen zum Klischee
des noblen oder reichen Südwest-Bezirks, in dem es sich unbelastet von den
Nöten im Rest der Stadt leben ließe. Schlösser und Villen an Havel und
Wannsee, Badeseen fast um die Ecke gibt es zwar tatsächlich. Aber es gibt
genauso wie stadtweit Vermüllung und wachsende Obdachlosigkeit. Auch bei
diesem Rundgang ist zu sehen, dass sich die Zahl derjenigen erhöht hat, die
längs der stark befahrenen Einkaufsstraße unweit des Rathauses um eine
Spende bitten.
Zentrales Aufregerthema aber sind auch in Steglitz-Zehlendorf wie in der
Innenstadt hohe Mieten und fehlende Wohnungen. „Das ist klar Thema Nummer
1“, erzählt Eliasson von seinen Erfahrungen im Wahlkampf. Wer Gründe dafür
sucht, findet sie im Süden des Bezirks, im Ortsteil Lichterfelde-Süd.
## Stockender Wohnungsbau
Seit 2012 gibt es dort konkrete Pläne, fast 3.000 Wohnungen auf einem
früher von der US-Armee genutzten Gelände zu bauen. 14 Jahre später ist
dort immer noch keine Wohnung errichtet, eine Übergabe von Bauplänen im
Juni sollte den endgültigen Start symbolisieren.
Im Zehlendorfer Rathaus – es sollte schon vor über zehn Jahren ein
Vorzeigeprojekt zu energetischer Sanierung werden sollte, das aber in einem
Millionengrab endete – tagt fast monatlich auch die
Bezirksverordnetenversammlung, kurz BVV, der Eliasson seit 2022 angehört.
Es ist das Quasi-und-eigentlich-doch-nicht-Parlament von
Steglitz-Zehlendorf – rein rechtlich ist es bloß Teil der Verwaltung, sein
Haushalt ist ihm allein vom Abgeordnetenhaus zugebilligt, wie in allen
zwölf Berliner Bezirken.
Der Sitzungssaal ist nicht irgendein gesichtsloser Raum, sondern ein
holzgetäfelter Saal mit hohen Scheiben und Parkettboden. Der zog schon
Menschen an, die auf der Suche nach Schauplätzen für die Verfilmung von
„der Vorleser“ waren, dem Bestseller von Bernhard Schlink. Kate Winslett,
der US-Schauspielstar aus „Titanic“, stand hier bei Dreharbeiten im März
2008 mit Verwaltungsmitarbeitern im Fahrstuhl.
Die Sitzungen der Bezirksverordnetenversammlung, kurz BVV, sehen in der
Regel weit weniger glamourös aus als jene Filmarbeiten. Politisch dominiert
hier seit 2021 erstmals seit Jahrzehnten nicht die CDU. Die stellt zwar
weiter die größte Fraktion. Doch zu einer Zählgemeinschaft, wie Koalitionen
auf Bezirksebene heißen, [2][schlossen sich damals Grüne, SPD und FDP
zusammen] – und wählten, weil die Grünen in diesem Bündnis die größte
Gruppe stellen, erstmals eine Grüne zur Bürgermeisterin.
## Vorbild für Schwarz-Grün
Berliner Polit-Geschichte schrieb der Bezirk schon 2006: Damals gab es in
der BVV das landesweit erste schwarz-grüne Bündnis. Die dortige
Fraktionsspitze ist zudem seit 2007 eine Art Kaderschmiede für den
Grünen-Landesvorstand: Drei der vier weiblichen Grünen-Landesvorsitzenden
seither führten zuvor die Fraktion im Zehlendorfer BVV-Saal.
Eliasson steht zwar erneut auf der Grünen-Kandidatenliste für die BVV.
Erstes Ziel aber ist dieses Mal, eine Ebene höher Politik zu machen und ins
Abgeordnetenhaus einziehen. Sein Wahlkreis liegt dabei nicht am
Zehlendorfer Rathaus, sondern [3][im östlichen Steglitz und in Südende].
Der Wahlkreis hat kein echtes Zentrum und auch keinen Marktplatz, schlechte
Voraussetzungen für einen Wahlkampf. Wähler in größeren Mengen lassen sich
am ehesten am Edeka am Steglitzer Damm abgreifen, gleich neben der auch
überörtlich bekannten Currywurstbude „Krasselt's“
Es ist ein Wahlkreis, dem landesweit besondere Aufmerksamkeit gilt: Ihn
will auch SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach holen. 2023 allerdings gewann
hier die CDU, wie auch in allen sechs anderen Wahlkreisen im Bezirk.
Christdemokrat Tom Cywinski lag sieben Prozentpunkte vor dem damaligen
SPD-Bewerber und neun Punkte vor Eliassons Vorgängerin Tonka Wojahn.
Für Wojahn, die über die Landesliste der Grünen trotzdem ins
Abgeordnetenhaus kam, arbeitet Eliasson bislang im Parlament. Sie
kandidiert dieses Mal im Steglitzer Nachbarwahlkreis, wo sich die Grünen
die größten Chancen auf einen Sieg ausrechnen – 2023 fehlen nur knapp
anderthalb Prozentpunkte. Auch hier tritt eine landesweite
Spitzenkandidatin an: Kristin Brinker von der AfD. Mit Blick auf die hat
Eliasson im Wahlkampf beobachtet: „Weitaus mehr Menschen als früher sagen
offen: Ich wähle blau. Das macht mir große Sorgen.“
## Im Parlament unterrepräsentiert
Trotz Wojahns großen Rückstands bei der vorigen Wahl meint der Grüne, auch
in seinem Wahlkreis gewinnen zu können. Online gestellt hat er eine
Berechnung, [4][die ihn nur knapp hinter dem CDU-Mann Cywinski sieht] – und
weit vor dem abgeschlagenen SPDler Krach.
Eliasson wäre eine Besonderheit, wenn er im Oktober dem dann neu zusammen
gesetzten Abgeordnetenhaus angehören würde: Zumindest nach seiner
Beobachtung [5][wäre er der einzige Jude im Parlament]. Das definiert er
nicht religiös, sondern über seine Herkunft und Kultur: Seine Eltern,
russische Juden, kamen 1991 nach Deutschland. Seit Jahren engagiert er sich
gegen Antisemitismus, 2025 drängte er mit anderen in der BVV darauf, zwei
Songs des US-Rappers Kanye West auf den Index jugendgefährdender Medien
setzen zu lassen.
Eliasson ist schon mehrfach antisemitisch angegangen worden, 2025
veröffentlichten mutmaßliche Rechtsextreme im Internet persönliche Daten
von ihm. Knapp zwei Wochen nach dem Treffen mit der taz aber macht er Ende
August seine bisher schlimmste Erfahrung in dieser Hinsicht. In seinem
Wahlkreis, vor einem Einkaufsladen in einer Nebenstraße, wird er nach
eigener Darstellung angepöbelt und antisemitisch beleidigt – und beinahe
verprügelt. Die Faust eines 68-jährigen Mannes, den die Polizei am nächsten
Tag nach Anzeige von Eliasson festnimmt, habe ihn nur knapp verfehlt.
Als er am Nachmittag bei einer Kundgebung am Rathaus Steglitz von dem
Vorfall berichtet und dazu auffordert, sich jedem Antisemitismus konsequent
entgegenzustellen stellen ihm die Veranstalter – nach seinen Worten aus dem
Umfeld der Linksjugend Solid – [6][das Mikro ab]. Eliason hatte [7][die
„Yalla Yalla Intifada“-Rufe am Wochenende zuvor] bei einer Veranstaltung
der Neuköllner Linkspartei kritisiert.
## Lieber Linke als CDU
Mit Blick auf die Koalitionsbildung nach der Wahl sagt Eliasson, auch mit
Blick auf das Erlebte: „Ich bin dagegen, Koalitionen auszuschließen – wir
als Grüne bleiben anschlussfähig an alle demokratischen Parteien. Aber die
Linke macht es uns verdammt schwer.“ Gleichzeitig sehe er gerade mit Blick
auf die Verkehrswende und die Fördergeldaffäre nicht, wie man mit der CDU
koalieren könne.
Das gilt für Eliasson nicht nur für das Abgeordnetenhaus. Als der Rundgang
mit der taz wieder an der hölzernen Sitzecke ankommt, die einem
CDU-Mitglied aus dem Bezirksparlament missfiel, sagt er: „Wir haben es hier
im Bezirk mit einer CDU zu tun, die es einem schwer macht, sie ernst zu
nehmen.“
14 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.gazette-berlin.de/artikel/n3192-treffpunkt-am-bali-kino.html
(DIR) [2] https://gruene-suedwest.de/themen/zaehlgemeinschaftsvereinbarung/
(DIR) [3] https://download.statistik-berlin-brandenburg.de/8d45f7a4243025c4/20dcbebfad75/AH_2026_Wahlbezirke_AWK_quer_V2_0602.pdf
(DIR) [4] https://www.instagram.com/daniel3liasson/?hl=de
(DIR) [5] https://daniel-eliasson.de/
(DIR) [6] https://www.tagesspiegel.de/berlin/es-war-eine-krass-bedrohliche-situation-mann-beleidigt-grunenpolitiker-in-berlin-antisemitisch-16001181.html
(DIR) [7] /Nahostkonflikt-und-Linke-in-Berlin/!6208815
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
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