# taz.de -- Die Wahrheit: Ein Arschtritt als westfälischer Gruß
       
       > Im öffentlichen Raum geht es oft rau zu, und manche Beleidigung landet
       > vor Gericht, wo es zu ungewöhnlichen Prozessen und Urteilen kommen kann.
       
       Schimpfen und Beleidigen: traditionsreiche Künste, die gepflegt und
       beherrscht sein wollen. Im Verhandlungssaal des hiesigen Amtsgerichts für
       Strafsachen hat eine Nachwuchskraft kürzlich einen eher enttäuschenden
       Einstand gegeben. Der 20-Jährige war vorigen Sommer im Freibad regelwidrig
       stehend die Rutsche runtergesaust. Eine Schwimmmeisterin rügte ihn. Er
       reagierte mit sexistischer Pöbelei. „Wir sind nicht zimperlich“, erklärte
       eine Kollegin der Frau und Zeugin des Vorfalls – „aber irgendwo“ sei „auch
       mal Schluss“.
       
       Der junge Mann indes blieb sich treu. Das Urteil – ein Wochenende in einer
       Arrestanstalt – brachte ihn gleich wieder in Rage. Im Arrest sei er
       bestimmt „mit lauter Asis“ zusammen, nörgelte er. Aggression plus
       Wehleidigkeit: eine verheißungsvolle Kombination; wir werden gewiss noch
       viel von ihm hören. Schade allerdings: Weil die „Asis“ in seiner
       Altersgruppe sein dürften, werden sie die Entwicklung des
       Beinahe-noch-Teenagers zum gestandenen Kotzbrocken kaum wirksam fördern
       können.
       
       Dafür bräuchte es vielmehr Vorbilder mit profundem Erfahrungsschatz. Denken
       wir zum Beispiel an den Bundeskanzler. Doch Moment: Friedrich Merz ist
       schon fast 71 Jahre alt. Er wird uns nicht mehr ewig als Faulpelze und
       Schmarotzer herabwürdigen: Spätestens 2040 droht Altersmilde. Probieren wir
       es also doch lieber mit agilen, trinkfesten Mittelalten wie jenem Mann, der
       sich unter Einfluss von 3,3 Promille Alkohol mit Polizisten anlegte.
       
       Er nannte die Beamten „Bastard“, „Arschficker“, „Oberhure“. Vorher hatte er
       seinen BMW in einen Graben gesteuert. Ob er sich selbst noch dran erinnert,
       ist die Frage. Seinen Gerichtstermin hat der Vollblutbeleidiger schnöde
       ignoriert. Verurteilt wurde er trotzdem, und zwar zu einer Geldstrafe.
       
       ## Strafe am Tatort
       
       Wie es stilvoller geht, zeigte unlängst ein Mann, der seine Strafe für
       ungebührliches Verhalten gleich am Tatort kassierte. Am Busbahnhof hatte er
       einen Fahrer beschimpft, der gerade Zigarettenpause machte – der
       Gescholtene revanchierte sich mit einem Arschtritt. Arschtritt? Nun ja. Ein
       „westfälischer Gruß“ sei das gewesen, befand humorig der Richter. Und
       packte dem Getretenen grußlos eine Geldstrafe obendrauf.
       
       Freilich sind nicht bloß öffentlich Bedienstete in Bädern, Streifenwagen
       oder Linienbussen akut beleidigungsgefährdet. Es kann auch Trash-TV-Stars
       treffen. Vor knapp sechs Jahren befasste sich unser Gericht mit der Causa
       Carmen Geiss. Drei Deutschrapper aus der Nachbarstadt hatten Geiss in einem
       Youtube-Video „Schlampe“ und „Nutte“ genannt. Noch vor dem Prozesstermin
       zahlten sie Wiedergutmachung, gaben eine Unterlassungserklärung ab. Als
       Angeklagte gaben sie sich reumütig. „Nicht sehr schlau“ sei das Video
       gewesen, übte einer von ihnen Selbstkritik. Selbstkritik? Na schön. Damit
       ist Merz endgültig aus der Nummer raus.
       
       2 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Milk
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Gerichtsprozess
 (DIR) Beleidigung
 (DIR) Ostwestfalen
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Stramm rechts vor Gericht
       
       Rechte Pöbler und verfassungsfeindliche Trödler gelten sogar hartgesottenen
       Amtsgerichten als unangenehme Kunden.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Sexuell belästigte Hecke
       
       Hinter den Schranken der Gerichte spielen sich mitunter seltsame Dramen ab
       und Delinquenten versuchen, mit abstrusen Ausreden davonzukommen.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Dritte Zähne an die Front
       
       Wenn der Russe erst einmarschiert, ist es zu spät. Plädoyer für eine
       sinnvolle und altersgerechte Abschreckung gegen den neuen Superfeind im
       Osten.